Wirtschaft wird mit WIR geschrieben

 

Zugegeben, aus dem aktuellen Anlass der krampfhaften Regierungsbildung beginne ich meine Überlegungen zum Wort WIR mit dem Zitat von Franz Müntefering aus dem Jahre 2014: „Opposition ist Mist. Lasst das die Anderen machen – Wir wollen regieren!“

Spannend finde ich in diesem Spruch vor allem die „Opposition“ von WIR und DEN ANDEREN. Doch das hat mit Franz Müntefering nicht zu tun, auch nicht mit dem Politischen oder gar Kulturellem. Linguistische Forschung zeigt, dass diese „Dichotomie“ zwischen WIR und SIE in allen Sprachen und Kulturen vorkommt, sie scheint also universell zu sein. Das kann damit zu tun haben, dass sich die Menschen als soziales Wesen in Gruppen organisieren müssen/ wollen/dürfen und die Wörter WIR und SIE für Ingroup und Outgroup stehen. Ein WIR braucht für die eigene Definition ein IHR und umgekehrt.

Und genau das gilt auch für Wirtschaftsgeschehen: Es gibt eben ein Team und viele Menschen außerhalb dieses Teams; die „Mitgliedschaft“ in diesem Team kann durch Benennung durch den Chef postuliert werden, doch in der Arbeitskommunikation wird das WIR aus dem Munde der Teammitglieder das WIR wahrscheinlich auf die Teammitglieder beziehen (und hoffentlich nicht auf ein „Subteam“ darin). Es gibt ein großes Unterschied, ob jemand über sein/ihr Unternehmen sagt „Wir sind aufgekauft worden“ oder „Die haben den Deal gemacht“. Auch der Konkurrenzkampf zwischen zwei Unternehmen lässt sich in den Kategorien WIR und SIE betrachten.

Aus der modernen Linguistik, die nicht nur die rationale Bedeutung, sondern auch den emotionalen Kontext untersucht, wissen wir außerdem, dass die WIR-IHR Dichotomie sich wunderbar für das Emotionalisieren eignet. Wir sind die Guten, die Anderen sind die Bösen – liegt einfach in unserer Denke, übrigens universell, kulturunabhägig, eigentlich aus der Evolution verankert. Denn was bekannt ist, ist weniger gefährlich. Das wird bewusst in der politischen Werbung genutzt, aber auch von der klassischen Werbung neu entdeckt (s. das Foto). Es gibt eben eine „Mannschaft“ von Menschen, die durch das Konsumieren der richtigen Biersorte cool, erfolgreich und glücklich ist, und alle Anderen, die noch nicht soweit sind. Die Grenzen hier sind fließend, im wahrsten Sinne des Wortes. Sind sie es auch in den Strukturen eines Unternehmens? Zerfällt ein WIR einer Organisation nicht viel zu oft in die WIR’s der Abteilungen, der Funktionen, der Generationen?

Von Soziologen wissen wir, dass je kleiner die Ingroup umso stärker die Bindung ist; also kann das WIR einer großen Organisation nicht von allein, als Selbstläufer entstehen. Und wenn wir den Inhalt eines WIRs als Set von Werten, Normen und Symbolen, die die entsprechende Gruppe teilt, betrachten, haben wir hier mit einer Umschreibung von Organisationskultur zu tun. Dann ist die Rede von „unserer DNA“, „unser Spirit“, „unser Mindset“. Oder mal – vom Kulturwandel?

 

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