Kampf in Europa – Kampf um Europa

„Das Wesen aller Politik ist (…) Kampf, Werbung von Bundesgenossen und von freiwilliger Gefolgschaft“, schrieb Max Weber und behielt bis heute Recht. Wobei „Bundesgenossen“ in Bezug auf den EU-Wahlkampf ambivalent klingt: Wer ist hier im „Bund“; Europa, wessen Parlament wir gerade gewählt haben, oder doch das Land, wo der Wahlkampf stattgefunden hat?

An Max Weber habe ich oft während des Wahlkampfes gedacht. Auch an die Ambivalenz in seinen Arbeiten in Bezug auf Emotion im Politischen. Einerseits bewunderte er die Propheten der Antike, speziell des antiken Judentums, die ohne reelle Machtbefugnissen, allein durch Kraft ihres Wortes und ihrer Persönlichkeit Menschen führten und politisch beeinflussten. Daraus ist übrigens der Begriff des sog. charismatischen Führungsstils entstanden, wo der verstorbene Steve Jobs oder quicklebendige Jack Ma verortet und wie auch ihre phänomenalen Erfolge und Beliebtheit bei Mitarbeitern erklärt werden.
Apropos, Jack Ma, Mitbegründer der Alibaba und eine Art Ikone des wissenschaftlichen und technologischen Aufstiegs Chinas. Max Weber spart nicht mit Sarkasmus, wenn er über China oder das antike Griechenland schreibt, wo „die Parteien durch Pathos, Tränen und Beschimpfungen des Gegners“ (Weber) agierten.

Was nun? Gehört die Emotion in die adequate politische Kommunikation oder ist sie nur ein Instrument der Populisten, die ihre öffentlichen Reden und social media affektiv „schmücken“?

Liest man Arbeiten des schweizerischen Wissenschaftler und Arztes Luc Ciompi, z.B. das mit Koautorin Elke Endert veröffentlichte Buch ‚Gefühle machen Geschichte‘, in welchem das Wirken des Dreiecks „Gefühl-Verhalten-Denken“ in der Geschichte und in aktuellen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen untersucht wird, so scheint die Emotion von der ‚Ratio‘ gar nicht zu trennen. Zu diesem Ergebnis kommen auch Linguisten wie Monika Schwarz-Friesel, welche die „emotive Wende“ in den Sprachwissenschaften feststellt. Den Nobelpreis in Wissenschaften 2002 erhielt der Psychologe Daniel Kahneman, der die affektive Entscheidungskomponente bei sog. Experten feststellt. Seine Theorien sind übrigens sehr „volksnah“ im Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ nachzulesen.
Ganz in der Tiefe, im Gehirn, untersuchte der Neurowissenschaftler Antonio Damasio Denkprozesse und nennt sein Buch „Ich fühle, also bin ich“. Nach Damasio entstünden emotionale Wertungen noch vor dem Bewusstem.
Zumindest sind beide Prozesse – Denken und Fühlen – im Gehirn abgebildet. So scheinen die Metaphern ‚Kopf‘ und ‚Herz‘ (sowie auch ‚Kopf‘ GEGEN ‚Herz‘) ausgedient zu haben.
Und neben negativen Emotionen wie Hass und Angst gibt es positive Emotionen wie Liebe und Freude. Vielleicht gewinnt man mit ihnen beim nächsten Wahlkampf mehr Stimmen?
Wenn schon das Wort ‚Stimmen‘ mit ‚Stimmung‘ im Deutschen verwandt ist?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.