Das Wort WIR – klein aber oho! Auszug aus meiner Broschüre „Werte verteidigen“, 2019

Die Identitäts-Beschreibung jeder einzelnen Person kann kaum ohne ein
„mitgedachtes“ „Wir“ erfolgen. Dass der kollektivistische Charakter der Identität die individuelle Identität überwiegt, wurde schon vom deutsch-amerikanischen Wissenschaftler Kurt Lewin vor dem Zweiten Weltkrieg nachgewiesen. Allerdings braucht die Selbst-Identität als Teil einer Gruppenidentität einen „Fremden“ bzw. „die Fremden“, um das Eigene zu definieren. „Im Sinne von ungewohnt, unüblich, undenkbar scheint das Fremde als allge- meine Negation des ständig mitbedachten Horizonts des Eigenen und bleibt als „mitlau- fende Selbstreferenz“ in der Regel latent“ (Schäffter O. 1991).

Die Abneigung gegen Fremde ist universell. Anthropologen stoßen überall in der Welt auf dieses Phänomen, und die Linguisten – in allen Sprachen der Welt. Die Evolution hat uns „gelehrt“, dass das Ungewöhnliche ein Risiko sein kann und produziert unbewusst das Gefühl der Angst. Dafür ist nicht ausschlaggebend, ob die Gefahr real ist. Der Diskrimi- nierungs-Forscher Manfred Markefka untersuchte zum Beispiel gegenseitige herabwürdi- gende Bezeichnungen von Mehrheiten und Minderheiten in einer Gesellschaft und stellte fest, dass diese ausgewogen seien, egal wie „mächtig“ oder „ohnmächtig“ eine Gruppe ist: „Makkaronifresser“ vs. „Kartoffelfresser“ oder aber ein Beispiel aus der Wendezeit in Deutschland mit „Jammerossis“ und „Besserwessis“ (vgl. M. Markefka 1995).

Die Identifikation geht Hand in Hand mit Distanzierung. Oder wie Manfred Markefka in seinem Buch zum Thema Diskriminierung schreibt: „Eigengruppe ist also <…> die Kenn- zeichnung einer Personeneinheit vom Standpunkt eines Individuums aus, das Mitglied dieser Gruppe ist. Jedes „Wir“ aber bedeutet gleichzeitig auch die Abhebung von anderen und beinhaltet letztlich Konfliktmöglichkeiten“ (M. Markefka 1995).

Das Besondere an dieser Gruppenbildung ist, dass diese stets an Emotionen angeknüpft sind und ein „Wir“ mit eher positiven Emotionen verbinden sowie ein „Die Anderen“ mit negativen. Auch das Hinterfragen eines solchen Konzeptes geht Hand in Hand mit Emotionen, nämlich mit der Angst um den Identitätsverlust. In diesem Sinne muss die Suche nach der Identität im „Wirren“ der Globalisierung mit Emotionen verbunden werden, z.B. wegen Schwächung der affektiven Bindung zur „eigenen“ fest und klar definierten Gruppe.

Das Buch zum Thema Globalisierung hat der französische Autor Dominique Moisi bezeich- nenderweise „Kampf der Emotionen“ genannt. Darin schreibt er zum Thema Identitätskri- se Folgendes (und verwendet dabei ebenfalls bezeichnenderweise oft das Wort „Wir“):

„Diese Krise lässt sich folgendermaßen beschreiben: „Was geschieht mit uns? Wir hatten unser gesellschaftliches Leben und unsere kollektive Identität im Griff. Wir glaubten, für den Rest der Welt verantwortlich zu sein. Auch wenn wir uns im 20. Jahrhundert um ein Haar selbst vernichtet hätten (im Ersten Weltkrieg) und unseren selbstmörderischen und mörderischen Regungen freien Lauf ließen (im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust), ha- ben wir uns das wenigstens selbst angetan. Es waren unsere eigenen Torheiten. Jetzt hat es den Anschein, als wären wir von Kräften, die sich unserer Kontrolle entziehen, drang-saliert. Asien steht im Begriff, uns wirtschaftlich zu überholen. Fundamentalisten in der islamischen Welt wollen uns vernichten. <…> Gibt es für uns überhaupt eine Möglichkeit wieder Herr über unser Schicksal zu werden?“ (D. Moisi 2009).

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