Die Zukunft des Handschlags

Es sind keine drei Jahre her, als der Handschlag zu einem der zehn Prinzipien der deutschen Leitkultur erklärt wurde. Gerne würde ich mit dem Urheber, dem damaligen Innenminister Thomas de Maizière, darüber sprechen. Ohne Handschlag, aber auch ohne Gesicht-Bedeckung, wie von ihm damals auch gefordert wurde. Ob die nunmehr vorgeschriebene Nasen- und Mund-Bedeckung wohl dazu gezählt hätte?

Es sind keine zwei Monate her, als die Kanzlerin ihre Hand dem aktuellen Innenminister zum Handschlag ausstreckte, wahrscheinlich mehr aus Gewohnheit als aus Herzlichkeit. Der Handschlag fand nicht statt, aber sie sprachen miteinander. Trotzdem! Denn es sind keine fünf Jahre her, als ein nicht erwiderter Handschlag zum Abbruch eines Gesprächs zwischen einer Lehrerin und einem Vater und zur entsprechenden Gerichtsverhandlung führte.


Ich komme aus einer Kultur, in welcher der Handschlag viel weniger verwurzelt ist. Auch ein Business-Meeting wird lieber mit Augenkontakt und Nicken begonnen. War die Besprechung gut, haben sich Partnerschaften gebildet, wird sich zum Schluss eher umarmt als auf 90 cm Entfernung die Hände geschüttelt. Ja ja, der berühmt-berüchtigte Bruderkuss von Dmitrij Vrubel kommt nicht von ungefähr: Damals hat die russisch-sowjetische Begrüßungsnorm die deutsche wohl „überstimmt“.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie damals, vor Corona, die Zuhörer buchstäblich den Atem anhielten, als ich den Handschlag als Beispiel zur Verdeutlichung der Unterscheidung zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Aspekten der Kultur mithilfe des Zwei-Eisberg-Modell nahm: Auf der Oberfläche sei der Handschlag nur Körperkontakt samt regem Austausch von Bakterien und Viren, nur in seiner tieferen Bedeutung (Zeigen auf den Teil des Eisbergs unter der Wasseroberfläche) bzw. der Interpretation und Wertung des Sichtbaren durch einen Außenstehenden (vom zweiten Eisberg aus) steht er für Aufrichtigkeit, Friedfertigkeit und Verlässlichkeit. Das sei nur ein Beispiel dafür, dass die sogenannten Kulturkonflikte im unteren Teil des Eisbergs stattfinden. Nicht der nicht-erwiderte Handschlag an sich sei ein Problem, sondern seine kulturell-bedingt unterschiedlichen Interpretationen.


Nun wird der Handschlag durch Kopfschütteln, Namaste-Gestik oder Gebärden ersetzt. Doch was passiert, wenn irgendwann ein Impfstoff erfunden, zugelassen und von der für die Herden-Immunität ausreichenden Anzahl an Menschen angenommen wird? Hier finden Sie ein durchaus positiver Blick in die Zukunft von Matthias Horx, einem renommierten Trend-Forscher aus Wien. Und was bringt uns Nach-Corona-Zeit in Bezug auf Handschlag? Werden wir zu der alten Begrüßungsnorm zurückkehren oder wird sich diese nachhaltig verändern?


Ich persönlich könnte mit beidem leben, denn das Händeschütteln – nicht zu stark, nicht zu lasch, nicht zu kurz, nicht zu lang und das auf der richtigen Entfernung – habe ich erst als Erwachsene erlernt. Und doch erinnere ich mich ganz deutlich und mit Hauch von Nostalgie an meinen – vorerst – letzten Handschlag: als herzliches Glückwunsch am Ende der wissenschaftlichen Aussprache, die den erfolgreichen Abschluss meiner dreijährigen Promotion markierte. Ich danke den Menschen, die mich auf dem Weg zu diesem Handschlag begleitet haben und meiner Kollegin Thuy, die das Foto gemacht hat. Für mich als wichtiges persönliches Andenken und vielleicht als historisches Dokument aus der Prä-Corona-Ära.

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