Die Zukunft des Handschlags

Es sind keine drei Jahre her, als der Handschlag zu einem der zehn Prinzipien der deutschen Leitkultur erklärt wurde. Gerne würde ich mit dem Urheber, dem damaligen Innenminister Thomas de Maizière, darüber sprechen. Ohne Handschlag, aber auch ohne Gesicht-Bedeckung, wie von ihm damals auch gefordert wurde. Ob die nunmehr vorgeschriebene Nasen- und Mund-Bedeckung wohl dazu gezählt hätte?

Es sind keine zwei Monate her, als die Kanzlerin ihre Hand dem aktuellen Innenminister zum Handschlag ausstreckte, wahrscheinlich mehr aus Gewohnheit als aus Herzlichkeit. Der Handschlag fand nicht statt, aber sie sprachen miteinander. Trotzdem! Denn es sind keine fünf Jahre her, als ein nicht erwiderter Handschlag zum Abbruch eines Gesprächs zwischen einer Lehrerin und einem Vater und zur entsprechenden Gerichtsverhandlung führte.


Ich komme aus einer Kultur, in welcher der Handschlag viel weniger verwurzelt ist. Auch ein Business-Meeting wird lieber mit Augenkontakt und Nicken begonnen. War die Besprechung gut, haben sich Partnerschaften gebildet, wird sich zum Schluss eher umarmt als auf 90 cm Entfernung die Hände geschüttelt. Ja ja, der berühmt-berüchtigte Bruderkuss von Dmitrij Vrubel kommt nicht von ungefähr: Damals hat die russisch-sowjetische Begrüßungsnorm die deutsche wohl „überstimmt“.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie damals, vor Corona, die Zuhörer buchstäblich den Atem anhielten, als ich den Handschlag als Beispiel zur Verdeutlichung der Unterscheidung zwischen den sichtbaren und unsichtbaren Aspekten der Kultur mithilfe des Zwei-Eisberg-Modell nahm: Auf der Oberfläche sei der Handschlag nur Körperkontakt samt regem Austausch von Bakterien und Viren, nur in seiner tieferen Bedeutung (Zeigen auf den Teil des Eisbergs unter der Wasseroberfläche) bzw. der Interpretation und Wertung des Sichtbaren durch einen Außenstehenden (vom zweiten Eisberg aus) steht er für Aufrichtigkeit, Friedfertigkeit und Verlässlichkeit. Das sei nur ein Beispiel dafür, dass die sogenannten Kulturkonflikte im unteren Teil des Eisbergs stattfinden. Nicht der nicht-erwiderte Handschlag an sich sei ein Problem, sondern seine kulturell-bedingt unterschiedlichen Interpretationen.


Nun wird der Handschlag durch Kopfschütteln, Namaste-Gestik oder Gebärden ersetzt. Doch was passiert, wenn irgendwann ein Impfstoff erfunden, zugelassen und von der für die Herden-Immunität ausreichenden Anzahl an Menschen angenommen wird? Hier finden Sie ein durchaus positiver Blick in die Zukunft von Matthias Horx, einem renommierten Trend-Forscher aus Wien. Und was bringt uns Nach-Corona-Zeit in Bezug auf Handschlag? Werden wir zu der alten Begrüßungsnorm zurückkehren oder wird sich diese nachhaltig verändern?


Ich persönlich könnte mit beidem leben, denn das Händeschütteln – nicht zu stark, nicht zu lasch, nicht zu kurz, nicht zu lang und das auf der richtigen Entfernung – habe ich erst als Erwachsene erlernt. Und doch erinnere ich mich ganz deutlich und mit Hauch von Nostalgie an meinen – vorerst – letzten Handschlag: als herzliches Glückwunsch am Ende der wissenschaftlichen Aussprache, die den erfolgreichen Abschluss meiner dreijährigen Promotion markierte. Ich danke den Menschen, die mich auf dem Weg zu diesem Handschlag begleitet haben und meiner Kollegin Thuy, die das Foto gemacht hat. Für mich als wichtiges persönliches Andenken und vielleicht als historisches Dokument aus der Prä-Corona-Ära.

Etwas Didaktik gefällig?

Auszug aus meiner Broschüre „Werte verteidigen“ (2019) online verfügbar

„Grundsätzlich gilt: je heterogener eine Lerngruppe ist, umso höher stellt ein Workshop eine methodische Herausforderung dar. Das hat zum einen damit zu tun, dass der Work- shop quasi via Definition eine hohe Interaktion – z.B. im Vergleich zur Vorlesung oder zum Vortrag – mit den Teilnehmer*innen bedeutet. Möglichst alle Teilnehmer*innen sollten mitgenommen werden, unabhängig von ihrem Vorwissen, Dienstgrad, ihrer Funktion in der Organisation, Biographie, Haltung etc. Anderseits kann eine solche Vielfalt in der Gruppe zu unterschiedlichen Erwartungen an die Rolle des/der Trainer*in und des Unter- richtsstils (von Seniorität über „auf Augenhöhe“ bis zur Kameradschaftlichkeit) führen. Doch speziell im vorliegenden Schulungskonzept kann eine solche Diversität in der Gruppe konstruktiv genutzt werden, indem die verschiedenen Perspektiven, Berufserfahrungen und Interessen in Rahmen einer Kleingruppenarbeit aufeinander treffen und dank grup- penspezifischer Dynamik zu neuen Lösungsansätzen führen.

Bei der Aufteilung der Gesamtgruppe des Workshops in die verschiedenen Arbeits- (unter-)gruppen sollte als Faustregel gelten: keine Arbeitsgruppe sollte die Anzahl von sieben Teilnehmer*innen überschreiten. Wird es aus organisatorischen Gründen nicht möglich sein, z.B. weil die Gesamtgruppe aus mehr als 14 bzw. 21 Teilnehmer besteht, sollte der/ die Trainer*in die Diskussionen in der Arbeitsgruppe mit mehr als sieben Teilnehmer*in- nen moderieren. Hintergrund dafür sind Erkenntnisse aus der Praxis der Gruppenarbeit, die zeigten, dass bei Überschreitung der „magischen“ Zahl Sieben die Gruppen in zwei Gruppen zerfallen bzw. einige Mitglieder ihre geistige oder auch physische Teilnahme verlieren. Neulich wurde diese praktische Erfahrung durch Erkenntnisse von Neurowissen- schaftlern bestätigt, die herausgefunden haben, dass unser Kurzzeitgedächtnis höchstens sieben Elemente bearbeiten kann.

Somit wird auch die Anzahl der Teilnehmer des Workshops nach oben begrenzt: Bei drei Arbeitsgruppen (drei Aufgabenbereiche, s. unten) darf die Gesamtzahl der Teilnehmer*innen im Workshop 21 Personen nicht überschreiten, bei zwei Arbeitsgruppen (zwei Aufgabenbereiche von drei hier vorgeschlagenen und vorbereiteten Themen) darf die Gesamtzahl der Teilnehmer*innen 14 nicht überschreiten. Andererseits reglementieren auch einige professionelle Trainer*innen die Größe der Workshop-Gruppe z.B. mit 15 Teilnehmern. Somit wird hier empfohlen, die Gesamtanzahl der Teilnehmer*innen auf 14 zu beschränken: werden von den Teilnehmern nur zwei Themen ausgewählt, kann die Kleingruppenarbeit immer noch optimal selbstständig erfolgen. Bei drei Themen wird die Anzahl der Teilnehmer*innen in Kleingruppen 4-5 Teilnehmer*innen betragen. Die Be- schränkung nach unten kann aus der Überlegung erfolgen, dass die Mindestzahl in der Kleingruppe 3 Teilnehmer beträgt.

Es empfiehlt sich, die Aufteilung der gesamten Workshop-Gruppe in die Kleingruppen/ Thementeams mit der Vorstellungsrunde der Teilnehmer zu kombinieren. So kann die übliche Vorstellungsrunde an Tiefe und an Relevanz für das Thema des Workshops gewin- nen. Außerdem können durch die zeitliche Versetzung der Vorstellungsrunde Störungen durch Verspätungen der Teilnehmer*innen reduziert werden“.

Das Wort WIR – klein aber oho! Auszug aus meiner Broschüre „Werte verteidigen“, 2019

Die Identitäts-Beschreibung jeder einzelnen Person kann kaum ohne ein
„mitgedachtes“ „Wir“ erfolgen. Dass der kollektivistische Charakter der Identität die individuelle Identität überwiegt, wurde schon vom deutsch-amerikanischen Wissenschaftler Kurt Lewin vor dem Zweiten Weltkrieg nachgewiesen. Allerdings braucht die Selbst-Identität als Teil einer Gruppenidentität einen „Fremden“ bzw. „die Fremden“, um das Eigene zu definieren. „Im Sinne von ungewohnt, unüblich, undenkbar scheint das Fremde als allge- meine Negation des ständig mitbedachten Horizonts des Eigenen und bleibt als „mitlau- fende Selbstreferenz“ in der Regel latent“ (Schäffter O. 1991).

Die Abneigung gegen Fremde ist universell. Anthropologen stoßen überall in der Welt auf dieses Phänomen, und die Linguisten – in allen Sprachen der Welt. Die Evolution hat uns „gelehrt“, dass das Ungewöhnliche ein Risiko sein kann und produziert unbewusst das Gefühl der Angst. Dafür ist nicht ausschlaggebend, ob die Gefahr real ist. Der Diskrimi- nierungs-Forscher Manfred Markefka untersuchte zum Beispiel gegenseitige herabwürdi- gende Bezeichnungen von Mehrheiten und Minderheiten in einer Gesellschaft und stellte fest, dass diese ausgewogen seien, egal wie „mächtig“ oder „ohnmächtig“ eine Gruppe ist: „Makkaronifresser“ vs. „Kartoffelfresser“ oder aber ein Beispiel aus der Wendezeit in Deutschland mit „Jammerossis“ und „Besserwessis“ (vgl. M. Markefka 1995).

Die Identifikation geht Hand in Hand mit Distanzierung. Oder wie Manfred Markefka in seinem Buch zum Thema Diskriminierung schreibt: „Eigengruppe ist also <…> die Kenn- zeichnung einer Personeneinheit vom Standpunkt eines Individuums aus, das Mitglied dieser Gruppe ist. Jedes „Wir“ aber bedeutet gleichzeitig auch die Abhebung von anderen und beinhaltet letztlich Konfliktmöglichkeiten“ (M. Markefka 1995).

Das Besondere an dieser Gruppenbildung ist, dass diese stets an Emotionen angeknüpft sind und ein „Wir“ mit eher positiven Emotionen verbinden sowie ein „Die Anderen“ mit negativen. Auch das Hinterfragen eines solchen Konzeptes geht Hand in Hand mit Emotionen, nämlich mit der Angst um den Identitätsverlust. In diesem Sinne muss die Suche nach der Identität im „Wirren“ der Globalisierung mit Emotionen verbunden werden, z.B. wegen Schwächung der affektiven Bindung zur „eigenen“ fest und klar definierten Gruppe.

Das Buch zum Thema Globalisierung hat der französische Autor Dominique Moisi bezeich- nenderweise „Kampf der Emotionen“ genannt. Darin schreibt er zum Thema Identitätskri- se Folgendes (und verwendet dabei ebenfalls bezeichnenderweise oft das Wort „Wir“):

„Diese Krise lässt sich folgendermaßen beschreiben: „Was geschieht mit uns? Wir hatten unser gesellschaftliches Leben und unsere kollektive Identität im Griff. Wir glaubten, für den Rest der Welt verantwortlich zu sein. Auch wenn wir uns im 20. Jahrhundert um ein Haar selbst vernichtet hätten (im Ersten Weltkrieg) und unseren selbstmörderischen und mörderischen Regungen freien Lauf ließen (im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust), ha- ben wir uns das wenigstens selbst angetan. Es waren unsere eigenen Torheiten. Jetzt hat es den Anschein, als wären wir von Kräften, die sich unserer Kontrolle entziehen, drang-saliert. Asien steht im Begriff, uns wirtschaftlich zu überholen. Fundamentalisten in der islamischen Welt wollen uns vernichten. <…> Gibt es für uns überhaupt eine Möglichkeit wieder Herr über unser Schicksal zu werden?“ (D. Moisi 2009).

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Liebe Leserinnen, liebe Leser meines Blogs, nutzen Sie Ihre Zeit zuhause für das Lernen. Das sagt nicht nur eine naive Optimistin, sondern auch eine Pragmatikerin und Didaktikerin. IKWW unterrichtet online via Zoom, skype, Telefon sowie mit asynchrone online Methoden. Beim Interesse bitte melden: info<at>interkulturell.eu

Hier ist das Bild aus guten alten Zeiten: das war sowohl eine Ausstellung eröffnet, als auch eine kuschelige Sitzorndung erlaubt. Was ruft dieses Bild bei Ihnen hervor? Nostalgie oder Blick nach vorne? Oder beides? Ihre Irina Slot

Ole! Fragen über harmlose Werbung und positive Autostereotype

Ist das noch witzige multi-kulti-Werbung oder schon beleidigende Karikatur?

Pikant: die netteste Figur gibt  „Ssaftladenpanierin“ her, und das auf der Packung einer spanischen Firma, fotografiert im Lebensmittelgeschäft in Spanien.

In der Tat, das Wort „Stereotype“ bedeutet nichts Negatives, es wird im Deutschen aber negativ konnoniert. Wird Vorurteil positiv gemeint, gehört sich der Zusatz „Positiver Stereotype“.

Und dann gibt es noch in der Fachsprache des interkulturellen Managements „Autostereotype“, die Urteile oder vorgefertigte Meinung in Bezug auf eigene Kultur. Diese sind in der Regel positiver als die „einfache“ Stereotype. Und das ist kein besonderer Deutsche Phänomen und keine Besonderheit der Deutschen Sprache.

Ole again!

Internationale Kommunikation – Podcast von Petra Owen mit Irina Slot

Irina im Gespräch mit Petra Owen: live über das Telefonieren und über internationale Kommunikation

In einer weiteren Folge von Petra-on-Tour geht es heute im Gespräch mit Irina Slot um die Funktion der nicht-persönlichen Kommunikation:
Was ist da anders als im Gespräch face-to-face, wo ja das Thema Distanz eine große Rolle spielt (im englischen Sprachraum ist z.B. ein gewisser räumlicher Abstand zwischen den Teilnehmern unabdingbar)?

Für uns in Deutschland ist die E-Mail seit langem schon das selbstverständliche Mittel der Kommunikation, speziell im Geschäftsleben. Ist das in China oder Russland auch so?
Warum ist für Irina Slot die E-Mail eine der „schlimmsten Formen“ der virtuellen Kommunikation? Was für uns selbstverständlich ist, muss in einem anderen kulturellen Koordinatensystem nicht so sein … da spricht sich die erfahrene Dozentin und Referentin für interkulturelle Kompetenz ganz entschieden für ein Vorab-Telefonat aus.

Und wie ist das mit einem Dialekt oder Akzent beim Telefonieren? Ist der immer von Nachteil? Oder kann solch eine Tatsache nicht auch zu einer Art Merkmal werden?

Hört mehr darüber in der aktuellen Folge – auch darüber, in welchem Zeitraum die Beantwortung einer E-Mail erwartet wird … das ist nämlich von Land zu Land durchaus verschieden!

Viele Hörer von Guerrilla FM fanden diese Folge amüsant und sehr nützlich zugleich, und Sie?

Zu hören und zu kommentieren hier.

Quellen: www.GuerrillaFM.de; Fotorechte: Roman Leytus

Symbole und ihre Interpretationen

Fotorechte: M. Menez

Symbole und ihre Interpretationen

Das Wort „Symbol“ kommt aus dem Altgriechischen „Symbolon“ – Bedeutungszeichen. Und da haben wir schon zwei Aspekte – das Zeichen und seine Bedeutung – miteinander verbunden, ja verwoben. Ein Regenschirm ist zum Beispiel, neben seiner eigentlichen Funktion, den Menschen vor dem Regen zu schützen, kann als Symbol wirken. Der Protest in Hongkong gegen die Einverleibung durch China, der in 2014 zu einer Bewegung aufwuchs und 2019 aus dem Anlass der Auslieferungsgesetze nochmals aufflammte, nutzte Regenschirm zunächst in seiner Funktion als Schutz vor Wasser, dann auch als Symbol. Ein eigenes Piktogramm zeigt einen Regenschirm auf gelbem Hintergrund.

Leicht irritiert – weil diese Interpretation zur Atmosphäre, zum Kontext nicht passte – spazierte ich neulich in der Altstadt von Montpellier unter vielen aufgehängten Regenschirmen (s. Foto). Doch das war kein Zeichen des Protestes, sondern ein Zeichen des Willkommens und der Weltoffenheit. So zumindest die Aufschrift auf dem Straßenbelag. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Zeichen oben und der Erklärung unten, musste ich mein Interpretationsschema neu justieren und dabei feststellen, dass noch ein Symbol im Spiel war, was eine zusätzliche „falsche“ Bedeutung vorgaukelte: jene Farbe, die sonst die Telekom für sich beansprucht.

Ob der Farbenton des deutschen Konzerns Telekom, der als Marke geschützt ist, 100% der Farbe der Werbeaktion der Stadtverwaltung dieser französischen Mittelmeermetropole entspricht, können Gerichte entscheiden. Doch für die Interpretation dieses Symbols ist entscheidend, dass ich als potentielle Kundin beider Organisationen diese zum Verwechseln ähnlich fand.

Apropos, Farben. Goethe beschäftigte sich sehr viel mit Farben, jedoch nicht in ihrer symbolischen, sondern tatsächlichen Wirkung. So sind die Farben der Wände in seinem Haus in Weimar streng nach den von ihm aufgestellten Gesetzen normiert. So zum Beispiel, sind die Wände in seinem Arbeitszimmer dunkelgrün, um Konzentration und Ruhe zu fördern. Doch ist sein Werk reichlich mit Symbolen bestückt, z.B. das Licht als Symbol für Erkenntnis.

„Erleuchtet“ als Metapher würde wunderbar dazu passen. Andererseits, sind Metaphern überhaupt wunderbare Bilder, welche die Bedeutung von einem Objekt oder Subjekt auf ein anderes Objekt oder Subjekt übertragen (das Wort „Metapher“ kommt aus Altgriechischen, wo es tatsächlich „Übertragung“ bedeutet). Und dann ist es nicht nur ein Schmuckstück, sondern das Instrument, durch die Wirkung der Symbole eine (neue) Bedeutung zu transportieren. Es macht schon den Unterschied, eine Art der Artillerie als Schutzschirm zu bezeichnen.

Und da sind wir ganz nahe zum Begriff der Symbolpolitik. Somit wird die Politik bezeichnet, die nicht wirklich etwas ändern möchte, sondern nur symbolisch wirkt. Doch was heißt hier „nur“? Wenn mit solcher Politik potentielle Wähler erreicht sind, hat die Politik ihren Zweck doch erreicht!

Und wie schwer das ist, Symbole und ihre Interpretationen von einander zu halten, darf ich immer wieder im Unterricht erleben. Denn Symbole und Rituale in einer Kultur sind durch Stereotype mehr oder weniger fest mit ihrer Bedeutung verbunden. Liegt da ein „Übersetzungsfehler“, ist ein kulturelles Missverständnis vorprogrammiert. Und somit wird die Frage „Ist das denn tatsächlich so oder ist es nur meine Interpretation?“ zum ersten Schritt im interkulturellen Konfliktmanagement.

Also lassen wir uns nicht von den Symbolen „blenden“, sondern ihre Wirkung auf uns immer wieder hinterfragen.

Nun fehlt mir noch der Punkt als Symbol des Endes dieses Blogbeitrages. Doch diesmal möchte ich es mit einem Semikolon beenden, als Zeichen des Weiter-Forschens, Weiter-Lernens, Weiter-Lesens. Ganz nach Goethes Faust: „Weiter, immer weiter“;

Heute im Blog: Herbstliche Grüße mit Blumen von Liebermann und Hofstede

wp_20160910_12_16_23_proGestern habe ich mich vom Sommer im Sommerhaus des Malers Max Lieberman in Berlin Wannsee verabschiedet. Das Haus ist bekannt für seinen Garten, den der Künstler selbst angelegt und in unzähligen Bildern verewigt hat.

Das Bild des spätsommerlichen Blumenbeets (s. Foto) erinnerte mich an den Artikel meines Lehrers und Mentors Geert Hofstede „Multilevel Research of Human Systems: Flowers, Bouquets and Gardens“. Es geht um verschiedene Ebenen der „Menschlichen Wissenschaften“ Psychologie, Anthropologie und Soziologie. Und jawohl, ein wenig um Rechtfertigung seines Ansatzes, das kulturelle Programmieren durch das Land und die Familie, wo ein Individuum aufgewachsen ist, zu untersuchttp://www.geerthofstede.nl/prehistory-of-culturehen und um sein Appell, diesen Einfluss nicht zu vernachlässigen – egal wie weit die geografischen und biografischen Bewegungen in der globalisierten Welt ausgeprägt sind. Der Vergleich des Ökosystems des Gartens (Kultur des Landes) und seinen Einflusses auf die Blume (Individuum) leuchtet auch umgekehrt ein: Die einzelnen und so unterschiedlichen Blumen machen gemeinsam den Garten aus. Jede von ihnen einzeln betrachtet oder im Strauß gebunden (Organisationskultur) lässt nicht sofort ahnen, aus welchem Garten sie stammt, doch ein Teil von ihr ist durch den Boden, die Luft und die anderen Blumen in Blumenbeet bestimmt und durch sie nachhaltig „programmiert“.
Dementsprechend sollte nicht der kulturelle Einsatz den individuellen Einsatz und umgekehrt ausschliessen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Wie im Garten von Lieberman an einem schönen Spätsommer-Samstag.

Futurium in Past Perfekt

Das erste Museum der Zukunft sollte es werden. Kuratoren vom benachbarten Bundesministerium für Bildung und Forschung kokettierten im Vorfeld mit diesem Paradox, denn normalerweise spiegeln die Museen die Vergangenheit wieder. Doch DAS Museum soll die Zukunft wagen.

Die Rechnung ist wohl nicht aufgegangen: die Begegnungsräume im Erdgeschoss, die dem Austausch und der Ideenfindung Rahmen geben sollen, entsprechen in keinster Weise den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Flexibilität und Transparenz solcher Räume. Ein Bespiel hätten sich die Macher aus dem Ministerium am Hasso Platner Institut nehmen können, doch als dort das gesamte Kabinett zum Thema Digitalisierung tagte (wie innovativ und zukunftsorientiert!), wurden genau diese Elemente der Innenraumgestaltung im Vorfeld aussortiert und am Ende saßen alle an einem großen ovalen Tisch – also wie zuhause im Kanzleramt.

Im Ausstellungsraum sollten zukunftsweisende Ideen interaktiv präsentiert werden. Doch die Ideen selbst, die auf thematischen Inseln wie z.B. Energie, Bau, Gesundheit brav geordnet sind, sind nicht neu. Etwas „cooler“ als sonst präsentiert, ja, aber auch hier lauert das nicht erfüllte Versprechen der Interaktion mit den Besuchern auf Augenhöhe: Werden wir aufgefordert, unsere Ideen zu dokumentieren, landen die Blätter dann im Mülleimer und auf dem coolsten Objekt der Ausstellung steht mehrfach und – oje, so altmodisch – „Betreten verboten!“

Den Höhepunkt bildet das Dachgeschoss. Buchstäblich und positiv: eine wunderbare Aussicht über die Spree und den Tiergarten, die sonst aus den benachbarten Häusern nur Ministerialbeamten und Angestellten einer großen Beratungsfirma vorenthalten sind. Aber auch der Höhepunkt des hohen Versprechens: Die Photovoltaikanlage, eigentlich das Heute der alternativen Energiegewinnung, bedeckt zwar fast die ganze Fläche, ist aber leider leider nicht angeschlossen.

Und wenn das alles nach „Früher war sogar die Zukunft besser…“ klingt, habe ich drei positive Momente zu vermelden. Die Architektur ist ungewöhnlich, ja provozierend vor allem im Kontrast zur monotonen Baureihe entlang vom Spree-Ufer. Eintritt ist frei. Und: Im Netzwerk von Themen der Zukunft ist „Kulturelle Vielfalt“ genannt (Foto: Gerhard Robbeler).

Interkulturelle Kommunikation: Was passiert, wenn Muttersprachler und Fremdsprachler mit einander reden?

und sechs gute Nachrichten dazu finden Sie im Lernvideo (Länge 7 Minuten) von Irina Slot und Mira Menez.

Aus dem Museum von Joan Miro in Palma

Skript zum Video:

Guten Tag,

heute wollen wir Ihnen zeigen, was passiert, wenn zwei Menschen in einer Sprache reden, die für einen von ihnen – Muttersprache ist, und für den anderen – nicht.

Sie hören zum Beispiel, dass ich Deutsch mit einem Akzent spreche. Das heißt, in dieser Situation bin ich Fremdsprachler, aber auch Sie müssen und wollen als Fremdsprachler agieren. Deswegen hoffe ich, dass mein Wissen und meine Erfahrung dazu hilfreich sein werden und dass es sich für Sie lohnt, mir zuzuhören, wobei dies – wie bei jedem Akzent – eine gewisse Überwindung kostet.

Nein, nein, ich unterstelle Ihnen nichts! Den zusätzlichen Aufwand hat das Gehirn vom Muttersprachler ganz objektiv, er wurde von der russisschen Neurophysikerin Nina Bechtereva in Form von elektrischen Strömen richtig gemessen! Also muss der Muttersprachler praktisch Satz für Satz eine Abweichung vom sozusagen perfekten Satz in diesen perfekten Satz ÜBERSETZEN.

Und das kostet Energie. Je größer die Abweichung (z.B. durch Akzent, nicht korrekten Satzbau oder einer unpassenden Vokabel), desto höher der Energieaufwand. Aber – und das ist die gute Nachricht – die Abweichungen in der Sprache von ihrem Gegenüber – durch ihre oder seine Muttersprache verursacht – wiederholen sich. Irgendwann GEWÖHNT man sich daran. Auf der neuronalen Ebene heißt es dann: Ihr Gehirn hat die ursprüglich überraschende Information in einen Faden, eine Bahn übersetzt. Und das ist übrigens genau das, was in einem Lernprozess passiert: die bereits bestehenden Verbindungen (altes Wissen) werden um die neuen Verbindungen (neues Wissen) erweitert und verwoben. Und das ist die zweite gute Nachricht für den Muttersprachler: das anstrengende Zuhören übt ihr Gehirn in Lernfähigkeiten oder mit den Worten vom schweizerischen Wissenschaftler Luc Ciompi seine Elastizität und kognitive Fähigkeiten.

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