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Берлин зовёт!

Berlin ist immer eine Reise wert! Das gilt nicht nur für die Deutsche und Westeuropäer, das gilt und viel mehr für die Osteuropäer und vor allem für die russische Menschen. Es gibt vielfältige historische und kulturelle – weitgehend positive – Assoziationen seitens Russen an die alte und neue Deutsche Hauptstadt. Die aktuelle Rolle von Berlin als Drehscheibe zwischen dem westlichen und östlichen Europa macht ihn für die russische Businessleute zusätzlich attraktiv. Berlin ist von Russland aus leicht zu erreichen – zahlreiche direkte Flüge und ein Nachtzug aus Moskau. Berlin bittet viel. Berlin ist großstädtisch und modern aber auch grün und überschaubar. Auf Russisch gibt es Ausdruck „Klassno!“ – über etwas, was Klasse hat. Diesen Ausdruck ist leicht zu merken und ist dann auch oft zu hören – wenn Sie ihre russischen Geschäftspartner in Berlin empfangen.
Damit spreche ich übrigens nicht nur die in Berlin ansässigen Firmen an. Die Erfahrung von vielen Vertriebsleuten, dass die wichtige und komplizierte Verhandlungen, knifflige Aussprachen am besten auf einem „neutralen“ Boden laufen. An einem Ort, wo keiner von Partnern ansässig ist, fühlen sich beide Seiten „gleich“ gestellt, erkunden gemeinsam diese spannende Stadt und machen gemeinsam abenteuerlichen Erfahrungen. Das verbindet!


Also – ab nach Berlin! Aber wie? Wie soll das Programm gestaltet werden, wo sollten die Gäste untergebracht werden, wo sollten die Verhandlungen laufen?


Auch hier gilt – alles möglichst individuell und persönlich gestalten! Versuchen Sie im Vorfeld Vorlieben Ihrer Geschäftspartner herauszufinden, was war für sie wichtig, positiv oder abstoßend auf ihrer letzten Reise nach Paris oder London. Vielleicht waren sie mal schon neulich in Berlin? Oder –die über fünfzigjährigen – waren noch zur Sowjetzeiten in Ostberlin? Wenn Sie keine Anhaltspunkte finden, dann gilt generell Folgendes:
Im ehemaligen Westberlin hausen und arbeiten, im ehemaligen Ostberlin essen und Spaß haben.


Ein Hotel soll dann nicht nur der Übernachtung dienen, es soll zu einem Standort für ihre Gäste in Berlin werden. Es empfiehlt sich dann auch in deren Besprechungsräumen Meetings zu platzieren: kurze Wege und „Zuhause sein-Gefühl“ ihrer Gäste. An dieser Stelle etwas Theorie des interkulturellen Managements. Die vierte der fünf Kultur-Dimensionen von Professor Hofstede heißt: „Unsicherheitsvermeidung“. Den russischen Menschen werden relativ hohe Werte für diese Kulturdimension zugeordnet. Das heißt, dass die russischen Menschen sich in den für sie neuen unbekannten Situationen sich besonders unkomfortabel fühlen, wenn auch dann diese Unsicherheit zu überspielen versuchen. In diesem Zusammenhang möchte ich von meiner Erfahrung berichten, dass die russische Geschäftsleute selten, fast nie „ihr“ Hotel wechseln: Jahre, ja Jahrzehnte lang werden sie in das gleiche Hotel fahren, egal, ob dieses Hotel ihrem Status nicht mehr entspricht oder ob die – wie in Berlin der Fall ist – das wachsende Hotelangebot viel attraktivere Alternativen anbietet. Einer von solchen Lieblingsplätzen „komme was wolle“ ist zum Beispiel das Hotel „Steigenberger“ in Berlin West. Das Hotel hat sich in der letzten Zeit erfolgreich aufgeputzt, die Hotelhalle und die Zimmer können sich sehen lassen, hat aber für den Gastgeber ein großes Problem mit oft wechselnden Veranstaltungsmanagern. Das erschwert eine reibungslose Zusammenarbeit, besonders im Falle einer russischen Delegation, wo sich die Wünsche und Pläne Öfteren mal ändern. Lassen Sie ihre russische Gäste doch mal Concorde Berlin versuchen: das relativ neue Haus ebenfalls in der Kurfürstendammnähe ist größer, schicker, moderner und …ist betont französisch. Vergessen Sie nicht, auch Russen sind große Frankophile: sie werden gern im „Louvre“ tagen und im „Saint Germain“ speisen. Vorteil für Sie als Organisator: der Concorde-Team ist vom Ehrgeiz überfüllt, ihr Haus an die Spitze zu bringen und lesen ihnen alle Wünsche von der Lippen ab. Ebenfalls nah am Kurfürstendamm liegend, perfekt im Service, aber privat geführt ist – und das ist mein Geheimtipp für die russischen Geschäftspartner – das Hotel „Savoy“ in der Fasanenstraße. Unschlagbar ist sein Frühstücksbuffet. Dieser verspricht immer ein erfolgreiches Business-Frühstück zum Beispiel weil Sie zwischen drei verschiedenen Räumlichkeit wählen können: ein klassischer und stillvoller Vorderraum, ein gediegener Raum zum Garten hin und im Sommer der Garten selbst. Ein „Nachteil“ von „Savoy“: moderate Preise, so dass Sie dort den höheren russischen Manager oder die s.g. Neureichen nicht unterbringen können. Sollten aber ihre Geschäftsgäste planen, über das Wochenende mit Familien in Berlin zu bleiben, werden sie Ihnen dankbar sein, so schick und preiswert ihr Aufenthalt in Berlin zu gestaltet.


Alle diese Hotels in Berlin-West haben gemein: die Nähe zum KaDeWe. Machen Sie sich nicht lustig über kauffreudige Russen: zum Einen ist es immer noch ein Nachholbedarf, zum Anderen liegen die Preise in Berlin etwas um die Hälfte im Vergleich zu den Preisen in Moskau. Alle ihre Geschäftsfreunde werden Geschenke nach Hause bringen „müssen“, und zwar an viel breiteren Kreis von Freunden und Verwandten, als Sie es beim Verreisen tut müssen. Wenn überhaupt. Also helfen Sie Ihren Gästen dezent, aber effektiv: planen Sie genug Zeit für Shopping ein, stellen Sie einen Begleitdolmetscher zur Verfügung, legen Sie ein Lunch in die 6.Etage von KaDeWe. Diese (Zeit) Investitionen werden sich schnell und nachhaltig amortisieren!


Sollte Ihre Gäste dem höchsten Rang des russischen Managements angehören und ihre Einkaufswünsche auch in Moskau, London und Paris problemlos decken können, dann ist die Empfehlung klar: „Adlon“ am Brandenburger Tor. Das ist übrigens das Hotel, wo meiner Erfahrung nach, organisatorisch gesehen alles möglich ist. Die kurzfristigste Veränderungen werden umgesetzt, ohne mit einem Wimpern zu zupfen und ohne eine Spur sich verhetz zu zeigen. Das Foyer von Adlon können Sie als Treffpunkt im Ostberlin in jeden Falle einplanen: Ihre russische Partner werden die klassische, etwas pompöse Umgebung und eine gehobene Geschäftigkeit mögen.


Somit sind wir im Osten von Berlin angelangt. Hier liegen meine Empfehlungen für Kulturprogramm, wenn es um allgemeine und „totsichere“ Tipps gehen soll. „Friedrichstadtpalast“ ist beliebt bei den älteren Herrschaften, die jüngeren Russen sind immer wieder positiv überrascht, wie toll die ehemalige „DDR- Kulturanstalt“ sich präsentiert. Der Ballet unter den Linden wird nach Rekonstruktion und Rückkehr in den Osten der Stadt wieder zwei Vorteile bieten: das ist quasi Bolschoj Theater in Moskau aber eben quasi, also nicht so bombastisch und von der tänzerischen Leistung zwar gut im europäischen Vergleich, aber doch etwas schwächer als Ballet in Russland. Das „Blue Man“ Show am Potsdamer Platz geht ebenfalls ohne Sprache, aber nur für jüngere russische Gäste. Denken Sie daran, dass Potsdam für einen Abendausflug zu einem Konzert und Abendessen geeignet ist und „dank“ der Potsdamer Konferenz bei Russen bekannt und positiv belegt ist.


Kulinarisch gesehen empfiehlt sich alles …außer russischer Küche. Ihre Gäste werden Deutsch und Bayrisch essen wollen, gern japanisch, gern international, aber grundsätzlich lieber schicker und reichhaltiger. Neben dem besagten Lunch bei KaDeWe empfehle ich für Lunch den „Käfer“ im Reichstag: schlechter Service wird kompensiert durch phänomenale Aussichten von der Restaurantterasse, die Reservierung eines Tisches dort bedeutet außerdem die Möglichkeit, die Schlange zur Kuppelbesichtigung umzugehen. Abendessen ist bei Borchert „in den guten Händen“. Im vergangenen – auch im Moskau sehr heißen Sommer -hat sich immer mehr ein Speisen „open-air“ durchgesetzt, sie können auch auf diesen Trend im Sommer ruhig setzten. Ein Treffen im Winter sollte auf Adventzeit gelegt werden, um die Einkäufer mit einem kulinarischen Genuss auf einem Weihnachtsmarkt zu verbinden. Auch hier gilt: Im Zweifelsfall lieber klassisch und gediegen als schräg und hip. „Totsicher“ ist ein gemeinsamer Abend auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt. (s. auch Juni-Ausgabe diesen Blogs „Kleine Geschenke mit großer Wirkung“).
Mein Vorsatz, die Blog-Texte kurz zu halten wird diesmal nicht umzusetzen sein. Und dabei konnte ich nur sehr allgemeine Tipps für ein gelungenes Treffen mit den russischen Geschäftspartner in Berlin zusammenstellen. Wenn Sie Ihr Programm individueller gestalten wollen, was auch empfehlenswert ist, sprechen Sie uns an. In ein bis zwei Stunden werden wir Ihnen ganz konkrete Vorschläge machen können, die zu dem Anlass des Treffens, zum Saison in Berlin und vor allem zu den Menschen, die Sie ganz persönlich empfangen wollen und für sich und Ihr Unternehmen „für immer gewinnen“ wollen, am besten passen.

So nah, so fern…

Ein Vorteil, keine Sommerpause zu machen, ist beobachten zu können, wie andere diese gestalten. So lassen sich aus den Ankündigungen dieser zwei benachbarten Geschäfte in Berlin Schönberg recht klare kulturelle Unterschiede erklären. Ist das eine Sommerpause von dem Tag bis zum dem Tag? Oder ist das eine Sommerpause „bis Mitte August“, die neben dem ersteren Tableau wie ein „Bis dann irgendwann“ klingt?

Lang lebe Edward Hall, der mit seiner Kulturdimension monochrone versus polychrone Kulturen so viele Phänomene aus dem interkulturellen Alltag erklären lässt. Im ersten Fall beeinflusst die Kultur ihre „Träger“ in der Weise, dass sie auf einer Zeitachse denken, somit die Zeit diktiert auch Prioritäten. Im zweiten Falle ist die Zeit „nur“ ein Messinstrument des Lebens, aber keine Dominante, die das Leben bestimmt und z.B. Pünktlichkeit mit Werten wie Respekt oder Verlässlichkeit (siehe Kultureisberge) verbindet.

Es ist ebenfalls ein Beispiel dafür, dass auch die gut integrierten Migranten, was die Betreiber des griechischen Einzelhandels wirklich sind, ihre kulturelle Prägung, die sie mit der „Muttermilch“ bekommen haben, im Erwachsenenalter nicht ablegen können. Können/Sollen/Müssen? Es wäre schon ganz praktisch zu wissen, ab wann ich wieder wunderbare Oliven und das ganz besondere Olivenöl wieder konsumieren kann, andererseits geht davon die Welt auch nicht unter…

Mit polychronen Sommergrüßen,

Irina Slot

P.S. Wie die Zeitorientierung den medizinischen Arbeitsalltag beeinflüsst, sehen Sie hier;

P.P.S. Auch im letzten Jahr haben wir uns mit SommerZEIT beschäftigt

Renaissance von Bauhaus

Bauhaus in Dessau /ikww

Eigentlich ist eine Renaissance vom Bauhaus nicht nötig, denn es war nie tot. Auch wenn seine Protagonisten, z.B. der Gründer Walter Gropius, aus dem Nazi-Deutschland fliehen oder wie Franz Ehrlich ihrem KZ mit der Bauhaus-Schrift „Jedem das seine“ entwerfen mussten, blühte das Bauhaus in der Westküste der USA (wie das Haus von Thomas Mann, entworfen von Julius Ralph Davidson) oder in der neuerbauten weißen Stadt von Tel-Aviv (s. Foto)

Bauhaus in Tel Aviv https://commons.wikimedia.org

Doch das Bauhaus ist ja nicht nur Stil in der Architektur und Design, sondern – und bei seiner Entstehung im Wesentlichen – die Art des Lernens. Und zwar in der Verquickung von Theorie und Praxis und in der radikalen Interdisziplinarität. Die zukünftigen Architekten mussten nicht nur fein entwerfen, sondern auch selbst bauen können. Und außerdem, bevor sie sich in die Architektur und Baukunst vertiefen „durften“, mussten sie bis zu zwei Jahre mit allen anderen Studierenden vom Bauhaus für sie fremde Fächer wie Musik oder Astronomie lernen. Die graphische Darstellung eines Curriculums zeigt außerdem, dass die erste, interdisziplinäre, Zeit als Peripherie, ja als Zugang zum Kern – dem Fachspezifischen bildet.

All das mussten zukünftige Architekten lernen, Museum Bauhaus Dessau

Und klar, so ausgebildete Spezialisten konnten nicht nur ihre Inspiration von anderen Fächern bekommen, sondern auch mit anderen Spezialisten besser arbeiten. Und vielleicht ist genau das die Erfolgsformel des Bauhauses. Und vielleicht ist es genau das, was wir vom Bauhaus lernen müssen, können, sollen. Das tuen wir auch, z.B. unter dem coolen Etikett von Design Thinking. Da ist das Anderssein (z.B. in der sozialen und kulturellen oder eben professionellen Prägung) weder ein Problem, noch ein nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. Und die dazugehörigen Konflikte nicht ein Killer-Kriterium, sondern eine willkommene Herausforderung, ein Lernprozess, der zur Innovation führt, von David Stark scharfsinnig „The sense of dissonance“ gennant.

 

Workshop im Bauhaus Archiv im Rahmen des Innovationsmanagement-Kurses von Uni Potsdam mit Irina Slot

Aber das auch können wir von Bauhaus lernen: die interkulturellen und interdisziplinären Spannungen wollen gemanagt werden, damit sie nicht zum Konflikt oder Krieg ausufern, sondern in ihrem produktiven Modus bleiben. Und diese Spielregeln der Kommunikation und Kooperation waren in Bauhaus ganz klar und ziemlich fest. Und um das zu erfahren und um daraus zu lernen, empfiehlt sich eine „Pilgerfahrt“ nach Dessau, zum zweiten Standort vom Bauhaus als Schule und nun einem spannenden Museum. Um auch die unglaubliche Vitalität und Lebendigkeit von Bauhaus als Stil und vielleicht sogar Lebensstil zu erleben.

 

Diversity: vom Konfliktmanagement zum Innovationsmanagement im Kontext der aktuellen Megatrends

Venn-Diagramm von Irina Slot

Auszug aus dem Essay „Lost in Globalization, found in Diversity“

Die interkulturellen Konflikte verlaufen nicht nur entlang der „Gräben“ der Herkunft. Auch verschiedene Berufskulturen weisen klassische Attribute der kulturellen Ausgrenzung vor. Z.B. in der Sprache: „Fachchinesisch“ wird negativ konnotiert, auch als ein Instrument der Abgrenzung von anderen Berufen und Trägern anderer Ausbildungen (und klingt übrigens beleidigend für Menschen mit chinesischen Wurzeln). Anderes Beispiel: Stereotype. Mit dem „linearen Denken eines Ingenieurs“ begründete Hillary Clinton das Versagen des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Pikanterweise vor einem Publikum, in dem sich sehr wahrscheinlich viele Ingenieure befanden – bei der öffentlichen Vorstellung ihres letzten Buches in Berlin. Hätte Hillary Clinton einen Ingenieur in ihrem Team gehabt, wäre ihr ein solcher Fauxpas nicht passiert, der im Übrigen die Stereotype von der abgehobenen Politikelite bestätigt.

Auch verschiedene Generationen reiben sich aneinander. Wer arbeitet besser, die Alten oder die Jungen? „Diversity: vom Konfliktmanagement zum Innovationsmanagement im Kontext der aktuellen Megatrends“ weiterlesen

Turm von Babel, Esperanto und Euro-Englisch

Vor genau 130 Jahren wurde – auf Russisch – eine neue Sprache proklamiert, die eine universelle sein sollte. Und da der Autor, der polnische Augenarzt jüdischer Herkunft Ludwik Leiser Zamenhof, das Buch unter dem Titel Dr.  Esperanto veröffentlichte und, wie ich denke, viele Wörter dieser Sprache aus dem Lateinischen entnommen sind und romanisch klingen, wurde die Sprache im Folgenden Esperanto genannt.

Dabei handelte es sich nicht um den ersten und nicht um den letzten Versuch, eine länderübergreifende Sprache zu etablieren. Abgesehen von Latein als Lingua Franca im christlichen Europa, können wir auf die Geschichte aus der alttestamentarischen Bibel zurückblicken. Da sprachen alle Menschen dieselbe Sprache, die ihnen zur Vereinigung der Kräfte beim Bau eines himmelhohen Turms diente. Was – laut Bibel – Gott nicht gefiel. Das Trennungsmechanismus Gottes hat funktioniert: Er „schenkte“ den Menschen 70 verschiedene Sprachen, die zum Chaos in der Kommunikation und zum Ende des gemeinsamen Projektes führte.

Sprachgeschichtlich könnte die Geschichte sogar im Groben stimmen, denn beim Übergang vom Tier zum Menschen kommunizierten unsere Vorfahren tatsächlich in einer gemeinsamen Sprache, nämlich nonverbal. Es gibt zwar zahlreiche Anekdoten über Missverständnisse in der Gestik, doch die Mimik, insbesondere die s.g. Mikro-Mimik ist bei allen Völkern gleich und wird sogar bei blindgeborenen Babys festgestellt (die ersten Beobachtungen und Thesen von Charles Darwin wurden von Paul Ekman vertieft und bestätigt).

Also trennt uns die Sprache mehr als sie uns vereint? Ja und nein. Innerhalb einer Kultur vereint uns die Sprache. Bestimmte Code-Wörter geben uns ein sicheres Zeichen über Zugehörigkeit zu einem Volk, einer sozialen Gruppe, ja, einer Berufsgruppe des Gegenübers. Die Aussprache und auch solche Code-Wörter „verraten“ uns auch, wenn wir nicht zu der anderen Gruppe gehören. Ein „Nö?“ am Ende des Satzes wird sächsische Wurzeln signalisieren, ein „Grundsätzlich Ja, aber“ auf einen Juristen hindeuten, ein übermäßiger Gebrauch von „Wir“ verrät, dass die Person aus einer kollektivistischen Kultur, z.B. der Russischen, stammt, und ein „Isch schwöre, Alter!“ – aus dem multikulturellen bzw. „asozialen“ Kiez. Und so weiter und so fort. So funktioniert die In-Group- und Out-Group-Bildung durch die Sprache.

Und das ist vermutlich auch der Grund, warum im XX Jahrhundert das Esperanto keine Chance hatte: die nationale und kulturelle Trennung und das damit verbundene – bewusste und unbewusste – „Andocken“ in der jeweiligen nationalen Sprache machte die Verbreitung einer „staatenlosen“ Sprache unmöglich. Im Widerstand gegen die aktuelle Ausbreitung des Englischen als der neuen Lingua Franca tauchen ebenfalls kulturkritische Argumente auf. Außerdem hat dieses Englisch leider mit richtigen Englisch wenig zu tun und wird oft in seiner vereinfachten, rein funktionalen Form genutzt: Basic-Englisch oder Euro-Englisch. Doch die alte Legende vom Babelturm und der wiederkehrenden Versuche, eine gemeinsame Sprache für alle Menschen der Erde zu finden, zeigen sowohl die Gründe als auch die Lösung des Problems auf. Und ganz im Gegenteil bzw. Spiegelgleich zum Hofstedischen „Lokal denken, global handeln“, können wir in einem mehr oder minder guten Englisch Gedanken und Ideen über die Grenzen hinweg teilen und die Lösungen für globale Probleme konzipieren. Und dann doch gleichzeitig und vielleicht umso mehr die sprachlichen kulturellen Wurzeln in den Landessprachen pflegen und für die Umsetzung von Visionen – im Lokalen, Alltäglichen, Konkretem – nutzen.

Foto: Das erste Lehrbuch für Esperanto, erschienen auf Russisch in Warschau im Jahre 1887. Quelle: Wikipedia Commons

Kultureisberg und Tradition

Das Kultureisberg-Modell von Edward Hall, erweitert um den zweiten Eisberg von mir, beinhaltet in seinem verborgenen Teil die Komponente Tradition. Oft verbunden mit den sichtbaren Aspekten der Kultur, wie der Rituale, Symbole, Kleidung, doch bis jetzt als unumstrittener und statischer Teil der kulturellen Prägung und kulturellen Identifikation. Die These von Prof. Hermann Mückler,  der die Tradition nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart verankert sieht und über „Konstruierte Überlieferung“ spricht, machen aus der „Tradition“ eine vom Hier und Jetzt heraus reflektierte Überlieferung. Seine in Kompaktform veröffentlichte  Theorie finden Sie – mit freundlicher Genehmigung vom Autor finden Sie  hier.IMG_0161

Das Lexem „Geschichte“ habe ich persönlich bereits früher vom Eisberg weggejagt, sprechen wir doch selten bis nie über die objektive Geschichte eines Landes, einer Region, einer Nation, sondern über Narrative, postuliert, interpretiert und weitergegeben durch die aktuelle Träger dieser Kultur – oft unterschiedlich innerhalb einer Gesellschaft.

Foto: Cover des Potsdamer Universitätsmagazins. In der März-Ausgabe geht es nicht um den Kultureisberg, sondern um Forschung in Meeren und Ozeanen. Auch sehr lesenswert!

https://rotary.de/gesellschaft/eine-botschaft-fuer-das-hier-und-jetzt-a-10771.html

Visions of Exchange: Unser Lernworkshop in der gleichnamigen Ausstellung

Am 5. Juni, dem sogenanten Diversity Day, veranstaltete IKWW einen Braun-Bag-Workshop in der Ausstellung der Daimler-Foundation in Berlin. Unter Visions of Exchange wurden Arbeiten von fünf deutschen und sechs japanischen Künstlern präsentiert, die am Austauschprogramm der Daimler-Foundation teilnahmen.

Unsere Lernaufgabe war zu erraten „Visions of Exchange: Unser Lernworkshop in der gleichnamigen Ausstellung“ weiterlesen

Wirtschaft wird mit WIR geschrieben

 

Zugegeben, aus dem aktuellen Anlass der krampfhaften Regierungsbildung beginne ich meine Überlegungen zum Wort WIR mit dem Zitat von Franz Müntefering aus dem Jahre 2014: „Opposition ist Mist. Lasst das die Anderen machen – Wir wollen regieren!“

Spannend finde ich in diesem Spruch vor allem die „Opposition“ von WIR und DEN ANDEREN. Doch das hat mit Franz Müntefering nicht zu tun, auch nicht mit dem Politischen oder gar Kulturellem. Linguistische Forschung zeigt, dass diese „Dichotomie“ zwischen WIR und SIE in allen Sprachen und Kulturen vorkommt, sie scheint also universell zu sein. Das kann damit zu tun haben, dass sich die Menschen als soziales Wesen in Gruppen organisieren müssen/ wollen/dürfen und die Wörter WIR und SIE für Ingroup und Outgroup stehen. Ein WIR braucht für die eigene Definition ein IHR und umgekehrt.

Und genau das gilt auch für Wirtschaftsgeschehen: Es gibt eben ein Team und viele Menschen außerhalb dieses Teams; die „Mitgliedschaft“ in diesem Team kann durch Benennung durch den Chef postuliert werden, doch in der Arbeitskommunikation wird das WIR aus dem Munde der Teammitglieder das WIR wahrscheinlich auf die Teammitglieder beziehen (und hoffentlich nicht auf ein „Subteam“ darin). Es gibt ein großes Unterschied, ob jemand über sein/ihr Unternehmen sagt „Wir sind aufgekauft worden“ oder „Die haben den Deal gemacht“. Auch der Konkurrenzkampf „Wirtschaft wird mit WIR geschrieben“ weiterlesen

Sieben Tage, sieben Jahre

IMG_0174Dieser Blog, liebe Leserin, lieber Leser, feiert diese Woche seinen siebenjährigen Geburtstag. Es ist zwar kein Jubiläum im engeren Sinne des Wortes, dennoch ein Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen und auch über die symbolische Bedeutung dieser Zahl nachzudenken.

Sieben Tage der Woche sind ein Rhythmus, in dem die meisten Kulturen leben. Der siebte Tag als Tag der Ruhe, der Zuwendung zum Göttlichen, variiert zwar von Religion zu Religion zwischen Freitag, Samstag und Sonntag, doch sieben Tage bleiben als eine Mikroeinheit der Lebenszeit. Wahrscheinlich hängt es mit der Lunation zusammen – dem vollen Zyklus des Mondes aus unserer Sicht der Erde, der vier solcher Einheiten durchläuft. Und somit an das kosmische Geschehen, jenseits der kulturellen Grenzen, angedockt ist. Andererseits spielt die Zahl sieben auch auf der psychologischen Ebene eine Rolle: Die von John Locke entdeckte und nach George Miller benannte Millersche Zahl  beschreibt die Beschränkung des Kurzzeitgedächtnisses in sieben Einheiten. Deswegen sollen die Organisationsstrukturen nicht mehr als sieben Ebenen beinhalten und die Teams nicht mehr als sieben Mitglieder haben. Letzteres kann ich tatsächlich bestätigen, und zwar aus Beobachtung der Gruppenübungen oder Lernteams von Teilnehmern (z.B. Studierenden) aus verschiedensten Ländern: übersteigt die Zahl der Gruppe die magische Sieben, zerfällt die Gruppe in ihrem Wirken in mindestens zwei Untergruppen. Also wäre das ein psychologisches Phänomen, ebenfalls jenseits der kulturellen Grenzen.

Und dazwischen liegen sieben Berge, wo die sieben Zwerge leben und eben keine sieben Drachen hinter sieben chinesischen Mauern. Symbolisiert die Sieben in Europa das Glück, klingt sie im chinesischen wie „fortgegangen“ und hat eine neutrale bis negative Bedeutung.

Und was hat sich in meinem Blog in sieben Jahren getan? Sind die 41.711 Aufrufe viel oder wenig? Und weil die Zahlen eben so „relativ“ sind, schauen wir lieber auf die Themen des Blogs. Von russischen Business-Frauen im Mai 2010 bis zu vielfältigen (u.a. nach Herkunft und Gender) Teams als Innovations-Ressource. Also vom Gender- und Länderspezifischen zum Universellen. Zufall? Wahrscheinlich, korrespondiert aber zu schön mit den vorhergegangenen Überlegungen zur Zahl sieben.
Dann auf die nächsten – mindestens – sieben Jahre. Mit Ihnen und Dir, mein Leser und meine Leserin!

Ingenieure, Soziologen und berufskulturelle Überlegungen

„Die Ingenieure des Jihad“ (Engeneers of Jihad) heißt das Buch des britischen Soziologen Diego Gambetta und des Politologen Steffen Hertog. Schon der Titel verschlägt einem den Atem, und die quantitativen Erkenntnisse darin – umso mehr. Wenn auch nicht alle Terroristen einen Hochschulabschluss haben (z.B. die Täter der Attentate auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris haben nicht mal einen Schulabschluss), überwiegt unter den Hochschulabsolventen die Anzahl der Ingenieure: „Von 207 muslimischen Radikalen aus den muslimischen Ländern, deren Beruf bekannt ist, haben 93 (oder 44.9%) Ingenieurwesen studiert, im Vergleich zu 11,6% des Anteils der Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung. Von 71 muslimischen Radikalen, die aus dem Westen kommen und deren Hochschulbildung bekannt ist, haben 32 (45%) einen Ingenieur-Titel im Vergleich zu 16,2% des Anteils der Ingenieure unter den in Westen vergebenen Hochschulabschlüssen“ (unsere Übersetzung).

Die Autoren des Buches geben auch eine weitere interessante Statistik kund, die nachweist, dass zumindest für die arabische Welt die Aussage „Arbeitslosigkeit führt zum Radikalismus und Terrorismus“ widerlegt: von 497 Militanten in der muslimischen Welt haben 46,5% einen Hochschulabschluss – im Vergleich zur entsprechenden Quote für die Gesamtbevölkerung von 25,2%. Speziell für Ingenieure bedeutet das für die Autoren, dass nicht die soziale Situation als solche, sondern die Diskrepanz zwischen der eigenen hohen Erwartung und der ernüchternden Realität ihrer sozialen Situation zur Radikalisierung in diesem Feld führt.

Doch im Blog für kulturelle Fragen beschäftigt uns sicherlich in erster Linie die Frage nach der Berufskultur. Hat Hillary Clinton die Ingenieure am Beispiel von Mursi des linearen Denkens bezichtigt (http://www.interkulturell.eu/2014/unsere-antwort-an-hilary-clinton/), vermuten die Autoren des o.g. Buches, dass Denken in Formeln und nicht das ständige Hinterfragen des Vorgegebenen (wie in ihren Studienfächern) die Menschen leichter radikalisieren lässt. Klingt plausibel, zumindest für die Soziologen, doch für Ingenieure – eher beleidigend. In diesem „Kulturkonflikt“ gibt es ja kaum Zwischengänger, die beide Denkweisen miteinander vergleichen könnten, wie es sie hingegen zwischen den Ingenieuren und BWLern oder zwischen den Soziologen und Politologen gibt.

An eine Ausnahme muss ich dabei unwillkürlich denken: der Guru des Interkulturellen Managements Geert Hofstede wird für seine „mechanische und oberflächliche“ Ländervergleiche von „Kollegen“ heftig kritisiert. Und er muss das Geheimnis seiner professionellen Herkunft hüten. Denn bevor er seine Doktorarbeit in der Soziologie schrieb, wurde er als Schiffbau-Ingenieur ausgebildet. Damit wird es klarer, warum er es sich zum Ziel gesetzt hat die Kulturdimensionen so zu formulieren, dass der quantitative objektive Vergleich möglich wurde (www.geerthofestede.nl) – im Vergleich zu den qualitativen Kulturdimensionen seines Vorgängers, dem US-amerikanischen Soziologen und Anthropologen Edward T. Hall (www.edwardthall.com). Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum seine Kulturdimensionen – bei aller berechtigten wissenschaftlichen Kritik – so gut in der Praxis funktionieren, von den Praktikern (nicht nur Ingenieuren, sondern auch Medizinern, Managern und Juristen) angenommen und verwendet werden, und tatsächlich zur besseren Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedenster Herkunft führt.

Doch auch für den hier vermuteten Kulturkonflikt zwischen dem Objekt des Buches und den Subjekten der Autoren hilft: die „Kulturelle Brille“ wenn nicht ablegen, dann aber wahrzunehmen, einander kennenzulernen, sich von verschiedenen Perspektiven nicht abschrecken zu lassen, sondern von ihnen zu profitieren.