Symbole und ihre Interpretationen

Fotorechte: M. Menez

Symbole und ihre Interpretationen

Das Wort „Symbol“ kommt aus dem Altgriechischen „Symbolon“ – Bedeutungszeichen. Und da haben wir schon zwei Aspekte – das Zeichen und seine Bedeutung – miteinander verbunden, ja verwoben. Ein Regenschirm ist zum Beispiel, neben seiner eigentlichen Funktion, den Menschen vor dem Regen zu schützen, kann als Symbol wirken. Der Protest in Hongkong gegen die Einverleibung durch China, der in 2014 zu einer Bewegung aufwuchs und 2019 aus dem Anlass der Auslieferungsgesetze nochmals aufflammte, nutzte Regenschirm zunächst in seiner Funktion als Schutz vor Wasser, dann auch als Symbol. Ein eigenes Piktogramm zeigt einen Regenschirm auf gelbem Hintergrund.

Leicht irritiert – weil diese Interpretation zur Atmosphäre, zum Kontext nicht passte – spazierte ich neulich in der Altstadt von Montpellier unter vielen aufgehängten Regenschirmen (s. Foto). Doch das war kein Zeichen des Protestes, sondern ein Zeichen des Willkommens und der Weltoffenheit. So zumindest die Aufschrift auf dem Straßenbelag. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Zeichen oben und der Erklärung unten, musste ich mein Interpretationsschema neu justieren und dabei feststellen, dass noch ein Symbol im Spiel war, was eine zusätzliche „falsche“ Bedeutung vorgaukelte: jene Farbe, die sonst die Telekom für sich beansprucht.

Ob der Farbenton des deutschen Konzerns Telekom, der als Marke geschützt ist, 100% der Farbe der Werbeaktion der Stadtverwaltung dieser französischen Mittelmeermetropole entspricht, können Gerichte entscheiden. Doch für die Interpretation dieses Symbols ist entscheidend, dass ich als potentielle Kundin beider Organisationen diese zum Verwechseln ähnlich fand.

Apropos, Farben. Goethe beschäftigte sich sehr viel mit Farben, jedoch nicht in ihrer symbolischen, sondern tatsächlichen Wirkung. So sind die Farben der Wände in seinem Haus in Weimar streng nach den von ihm aufgestellten Gesetzen normiert. So zum Beispiel, sind die Wände in seinem Arbeitszimmer dunkelgrün, um Konzentration und Ruhe zu fördern. Doch ist sein Werk reichlich mit Symbolen bestückt, z.B. das Licht als Symbol für Erkenntnis.

„Erleuchtet“ als Metapher würde wunderbar dazu passen. Andererseits, sind Metaphern überhaupt wunderbare Bilder, welche die Bedeutung von einem Objekt oder Subjekt auf ein anderes Objekt oder Subjekt übertragen (das Wort „Metapher“ kommt aus Altgriechischen, wo es tatsächlich „Übertragung“ bedeutet). Und dann ist es nicht nur ein Schmuckstück, sondern das Instrument, durch die Wirkung der Symbole eine (neue) Bedeutung zu transportieren. Es macht schon den Unterschied, eine Art der Artillerie als Schutzschirm zu bezeichnen.

Und da sind wir ganz nahe zum Begriff der Symbolpolitik. Somit wird die Politik bezeichnet, die nicht wirklich etwas ändern möchte, sondern nur symbolisch wirkt. Doch was heißt hier „nur“? Wenn mit solcher Politik potentielle Wähler erreicht sind, hat die Politik ihren Zweck doch erreicht!

Und wie schwer das ist, Symbole und ihre Interpretationen von einander zu halten, darf ich immer wieder im Unterricht erleben. Denn Symbole und Rituale in einer Kultur sind durch Stereotype mehr oder weniger fest mit ihrer Bedeutung verbunden. Liegt da ein „Übersetzungsfehler“, ist ein kulturelles Missverständnis vorprogrammiert. Und somit wird die Frage „Ist das denn tatsächlich so oder ist es nur meine Interpretation?“ zum ersten Schritt im interkulturellen Konfliktmanagement.

Also lassen wir uns nicht von den Symbolen „blenden“, sondern ihre Wirkung auf uns immer wieder hinterfragen.

Nun fehlt mir noch der Punkt als Symbol des Endes dieses Blogbeitrages. Doch diesmal möchte ich es mit einem Semikolon beenden, als Zeichen des Weiter-Forschens, Weiter-Lernens, Weiter-Lesens. Ganz nach Goethes Faust: „Weiter, immer weiter“;

Heute im Blog: Herbstliche Grüße mit Blumen von Liebermann und Hofstede

wp_20160910_12_16_23_proGestern habe ich mich vom Sommer im Sommerhaus des Malers Max Lieberman in Berlin Wannsee verabschiedet. Das Haus ist bekannt für seinen Garten, den der Künstler selbst angelegt und in unzähligen Bildern verewigt hat.

Das Bild des spätsommerlichen Blumenbeets (s. Foto) erinnerte mich an den Artikel meines Lehrers und Mentors Geert Hofstede „Multilevel Research of Human Systems: Flowers, Bouquets and Gardens“. Es geht um verschiedene Ebenen der „Menschlichen Wissenschaften“ Psychologie, Anthropologie und Soziologie. Und jawohl, ein wenig um Rechtfertigung seines Ansatzes, das kulturelle Programmieren durch das Land und die Familie, wo ein Individuum aufgewachsen ist, zu untersuchttp://www.geerthofstede.nl/prehistory-of-culturehen und um sein Appell, diesen Einfluss nicht zu vernachlässigen – egal wie weit die geografischen und biografischen Bewegungen in der globalisierten Welt ausgeprägt sind. Der Vergleich des Ökosystems des Gartens (Kultur des Landes) und seinen Einflusses auf die Blume (Individuum) leuchtet auch umgekehrt ein: Die einzelnen und so unterschiedlichen Blumen machen gemeinsam den Garten aus. Jede von ihnen einzeln betrachtet oder im Strauß gebunden (Organisationskultur) lässt nicht sofort ahnen, aus welchem Garten sie stammt, doch ein Teil von ihr ist durch den Boden, die Luft und die anderen Blumen in Blumenbeet bestimmt und durch sie nachhaltig „programmiert“.
Dementsprechend sollte nicht der kulturelle Einsatz den individuellen Einsatz und umgekehrt ausschliessen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Wie im Garten von Lieberman an einem schönen Spätsommer-Samstag.

Jetzt im Blog: „The Sense of Dissonance“ _ Generationskulturen, Berufskulturen und Innovation

Die interkulturellen Konflikte verlaufen nicht nur entlang der „Gräben“ der Herkunft. Auch verschiedene Berufskulturen weisen klassische Attribute der kulturellen Ausgrenzung vor. Z.B. in der Sprache: „Fachchinesisch“ wird negativ konnotiert, auch als ein Instrument der Abgrenzung von anderen Berufen und Trägern anderer Ausbildungen (und klingt übrigens beleidigend für Menschen mit chinesischen Wurzeln). Anderes Beispiel: Stereotype. Mit dem „linearen Denken eines Ingenieurs“ begründete damals als Außenministerin der USA Hillary Clinton das Versagen des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Pikanterweise vor einem Publikum, in dem sich sehr wahrscheinlich viele Ingenieure befanden – bei der öffentlichen Vorstellung ihres letzen Buches in Berlin. Hätte Hillary Clinton einen Ingenieur in ihrem Team gehabt wäre ihr ein solcher Fauxpas nicht passiert, der im Übrigen die Stereotype von abgehobener Politikelite bestätigt.

Auch verschiedene Generationen reiben sich aneinander. Wer arbeitet besser, die Alten oder die Jungen? „Die Jungen laufen schneller, aber die Älteren kennen die Abkürzung“, pflegte Ursula von den Leyen zu sagen, als sie noch Arbeitsministerin war. Klingt smart und sympathisch, wurde auch immer gut vom Publikum angenommen, in dem nur wenige Vertreter der Y-Generation zu sehen waren. Diese machen sich wiederum lustig über diese ewig jungen, agilen und allgegenwärtigen Alten: „Sie können echt nicht loslassen! Und warum müssen sie immer anwesend sein, um ihren wertvollen Beitrag zu leisten?“ Doch auch diese unterschiedlichen Denkweisen sind zu „managen“, indem die Führungskraft – unabhängig vom eigenen Alter – alle Akteure wertschätzend miteinander vernetzt und ihre Zusammenarbeit moderiert. Die eigentliche Kunst besteht gerade darin, die kulturell bedingten Spannungen als etwas ganz natürliches anzusehen und daraus eine neue Form des Zusammenwirkens entstehen zu lassen – über alle Silos und Gräben hinweg.

Der amerikanische Soziologe David Stark (beschreibt in seinem Buch „The sense of dissonance“ seine Untersuchungen von Innovationen, die zu einem wirtschaftlichen Erfolg geführt haben. Eines der Untersuchungsobjekte sind Computerspiele, und zwar seit ihrer Entstehung vor 30 Jahren. Er legt den Fokus seiner Studie auf die Autorenteams und kommt zu dem Ergebnis, dass neue und erfolgreiche Produkte dann – und nur dann – entstanden sind, wenn die Teammitglieder verschiedene kognitive Schwerpunkte hatten. Er geht noch weiter und stellt auch die qualitative Verbindung zwischen der kognitiven Diversität und der Innovation her: je größer die kulturelle Distanz zwischen den Teammitgliedern, z.B. durch verschiedene Studienfächer ist, umso höher ist die Spannung im Team, und umso höher ist die Innovation.

Das würde bedeuten, dass die Harmonie im Team nicht nur nicht erforderlich ist, sondern sogar kontraproduktiv sein kann. Eine historische und umfangreiche Untersuchung der monetären Fehler in der Stadtverwaltung von New York City bringt Stark ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sie immer dann entstanden sind, wenn ausschließlich eine Herkunft oder nur ein Geschlecht mit der Aufgabe betraut war. Noch bevor Diversity ein Modebegriff wurde, hat sich deswegen die Stadtverwaltung von New York City in den 80ern entschieden, die Controller-Teams sowohl in Bezug auf ihre Herkunft als auch in Bezug auf ihr Geschlecht „bunt“ zu besetzen. Der Autor der Studie sieht darin seine These bestätigt: eine gewisse Spannung ist Garant für ein produktives Arbeiten. Und wie diese produktive Spannung für Innovation produktiv zu nutzen ist, lesen Sie in der Broschüre von Irina Slot „Thesen zur Globalisierung“ Anfragen unter: info<at>interkulturell.eu). (Anfragen unter: info<at>interkulturell.eu).

Foto: Prof. Stark „The Sense of Dissonance“, Princeton University Press, 2011The Sense of Dissonance

Sieben Tage, sieben Jahre

IMG_0174Dieser Blog, liebe Leserin, lieber Leser, feiert diese Woche seinen siebenjährigen Geburtstag. Es ist zwar kein Jubiläum im engeren Sinne des Wortes, dennoch ein Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen und auch über die symbolische Bedeutung dieser Zahl nachzudenken.

Sieben Tage der Woche sind ein Rhythmus, in dem die meisten Kulturen leben. Der siebte Tag als Tag der Ruhe, der Zuwendung zum Göttlichen, variiert zwar von Religion zu Religion zwischen Freitag, Samstag und Sonntag, doch sieben Tage bleiben als eine Mikroeinheit der Lebenszeit. Wahrscheinlich hängt es mit der Lunation zusammen – dem vollen Zyklus des Mondes aus unserer Sicht der Erde, der vier solcher Einheiten durchläuft. Und somit an das kosmische Geschehen, jenseits der kulturellen Grenzen, angedockt ist. Andererseits spielt die Zahl sieben auch auf der psychologischen Ebene eine Rolle: Die von John Locke entdeckte und nach George Miller benannte Millersche Zahl  beschreibt die Beschränkung des Kurzzeitgedächtnisses in sieben Einheiten. Deswegen sollen die Organisationsstrukturen nicht mehr als sieben Ebenen beinhalten und die Teams nicht mehr als sieben Mitglieder haben. Letzteres kann ich tatsächlich bestätigen, und zwar aus Beobachtung der Gruppenübungen oder Lernteams von Teilnehmern (z.B. Studierenden) aus verschiedensten Ländern: übersteigt die Zahl der Gruppe die magische Sieben, zerfällt die Gruppe in ihrem Wirken in mindestens zwei Untergruppen. Also wäre das ein psychologisches Phänomen, ebenfalls jenseits der kulturellen Grenzen.

Und dazwischen liegen sieben Berge, wo die sieben Zwerge leben und eben keine sieben Drachen hinter sieben chinesischen Mauern. Symbolisiert die Sieben in Europa das Glück, klingt sie im chinesischen wie „fortgegangen“ und hat eine neutrale bis negative Bedeutung.

Und was hat sich in meinem Blog in sieben Jahren getan? Sind die 41.711 Aufrufe viel oder wenig? Und weil die Zahlen eben so „relativ“ sind, schauen wir lieber auf die Themen des Blogs. Von russischen Business-Frauen im Mai 2010 bis zu vielfältigen (u.a. nach Herkunft und Gender) Teams als Innovations-Ressource. Also vom Gender- und Länderspezifischen zum Universellen. Zufall? Wahrscheinlich, korrespondiert aber zu schön mit den vorhergegangenen Überlegungen zur Zahl sieben.
Dann auf die nächsten – mindestens – sieben Jahre. Mit Ihnen und Dir, mein Leser und meine Leserin!

Wirtschaft wird mit WIR geschrieben

 

Zugegeben, aus dem aktuellen Anlass der krampfhaften Regierungsbildung beginne ich meine Überlegungen zum Wort WIR mit dem Zitat von Franz Müntefering aus dem Jahre 2014: „Opposition ist Mist. Lasst das die Anderen machen – Wir wollen regieren!“

Spannend finde ich in diesem Spruch vor allem die „Opposition“ von WIR und DEN ANDEREN. Doch das hat mit Franz Müntefering nicht zu tun, auch nicht mit dem Politischen oder gar Kulturellem. Linguistische Forschung zeigt, dass diese „Dichotomie“ zwischen WIR und SIE in allen Sprachen und Kulturen vorkommt, sie scheint also universell zu sein. Das kann damit zu tun haben, dass sich die Menschen als soziales Wesen in Gruppen organisieren müssen/ wollen/dürfen und die Wörter WIR und SIE für Ingroup und Outgroup stehen. Ein WIR braucht für die eigene Definition ein IHR und umgekehrt.

Und genau das gilt auch für Wirtschaftsgeschehen: Es gibt eben ein Team und viele Menschen außerhalb dieses Teams; die „Mitgliedschaft“ in diesem Team kann durch Benennung durch den Chef postuliert werden, doch in der Arbeitskommunikation wird das WIR aus dem Munde der Teammitglieder das WIR wahrscheinlich auf die Teammitglieder beziehen (und hoffentlich nicht auf ein „Subteam“ darin). Es gibt ein großes Unterschied, ob jemand über sein/ihr Unternehmen sagt „Wir sind aufgekauft worden“ oder „Die haben den Deal gemacht“. Auch der Konkurrenzkampf „Wirtschaft wird mit WIR geschrieben“ weiterlesen

Der Weltraum für alle!

„Der Weltraum soll für alle da sein“, – sagt der Direktor am Institut für Luft-, Weltraum- und Cyberrecht, Stephan Hobe im Beitrag von Deutschlandradio Kultur „Warum Deutschland ein Weltraumgesetz braucht“ im Januar diesen Jahres. Wir wollen uns heute diesem Thema kurz widmen, anlässlich des Internationalen Tags der bemannten Raumfahrt. Der 12. April galt ursprünglich nur in der Sowjetunion und hieß Tag der Raumfahrt (День космонавтики, was leider irrtümlich als Tag der Kosmonauten bei Wikipedia übersetzt wurde). Denn am 12. April 1961 flog ein Mensch ins Weltall (und kam ebenfalls heil zurück zur Erde), Juri Gagarin. Erst im Jahre 2011 erklärte auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 12. April zum Internationalen Tag der BEMANNTEN Raumfahrt, denn die Raumfahrten fanden schon zuvor statt, allerdings mit Robotern und Hunden.

Der Vater der russischen Raumfahrt, Konstantin Ziolkowski (Константин Эдуардович Циолковский) war zunächst ein Träumer. Er wird mit „Erst kommen das Denken, die Fantasie und die Märchen, dann die wissenschaftliche Berechnung“ zitiert. Tatsächlich las er sehr viel von Jule Verne und schrieb zunächst fantasmagorische Geschichten, bevor er zu Berechnungen von reaktiven Bewegungen der Flüssig-Stoff-Raketen und Untersuchungen zum Widerstand der Luft in (selbstgebauten) aerodynamischen Kanälen kam. Und das alles „nebenberuflich“, parallel zu seiner Tätigkeit als Lehrer für Physik an einer kirchlichen Mädchenschule in der russischen Provinz. Ich als Kind empfand seinen Spruch „Das Unmögliche heute wird zum Möglichen morgen“ als sehr beeindruckend und behalte bis heute seine Idee, dass die abwechselnde Arbeit wie eine Ruhepause wirke. Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1935 fand er Anerkennung der sowjetischen Führung und immerhin schmückt seine selbstveröffentlichte Broschüre die erste Vitrine der Raumfahrt-Abteilung des Deutschen Museums in München. Und im Museum der Geschichte der Raumfahrt in Kaluga findet gerade die Ausstellung zum 85-jährigen Geburtstags des ersten Menschen im Weltall, Juri Gagarin, statt.

Schon paradox, dass die poetische Vorstellung von Sternen und anderen Planeten, die sich sogar in der Wortwahl eines promovierten Juristen (s. oben) wiederfindet und von jeher von Dichtern besungen wurde ( z.B. in „Mondin“ von Sappho), also die heile Welt ohne Grenzen, von Anfang an ein Schauplatz des Wettkampfs um Prestige war. Und nun geht es nicht nur um „Schneller, weiter, höher“, sondern um den Kampf um Ressourcen, z.B. in der Telekommunikation oder wahrscheinlich demnächst um Energieressourcen. Und schon jetzt schafft es der Mensch, den Weltall zu vermüllen. Als ob der Ozean auf der Erde dafür nicht genug wäre!

Im Kontext dieses rücksichtslosen und unbedachten Verhaltens der Menschheit bekommt ein anderes Zitat von Ziolkowski eine neue Bedeutung: „Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten“. Hoffentlich schaffen die Juristen und die Politiker, effektive „Spielregeln“ für die zunehmend allzu wild herumtobenden „Kinder“ aufzustellen und dies bald.

Alles Gute zum erdischen Tag der Raumfahrt!

Bild: Alexei Kostroma, Berlin

Ein ungewöhnlicher Feuerlöscher – Notizen über das Aussehen und die Funktion

Für diesen ungewöhnlichen Feuerlöscher haben die Gestalter der Räume von Daimler Contemporary viel Zeit und Nerven investiert, entspricht er doch ganz und gar nicht den Vorschriften und Gewohnheiten. Doch für sie war es sehr wichtig, dass ein gewöhnlicher Feuerlöscher mit seiner roten Farbe die weiß gehaltenen Ausstellungsräume ästhetisch nicht zerstört. Oder war es ein wenig sportlicher Ehrgeiz, an diesem ungewöhnlichen Ort alles ungewöhnlich zu gestalten?

Denn die Ausstellungsräume in Berliner Huth-Haus am Potsdamer Platz entsprechen ganz und gar nicht dem Image von Gesamt-Daimler. Mit Hauptsitz in Stuttgart. Dort – Feuerlöscherseit Jahrzehnten gereifte Technik und konservatives Design, hier – moderne, abstrakte Kunst. Dort – die Preisgestaltung für das s.g. Prämium-Segment, hier – kostenloser Eintritt. Dort die ganz nach TÜV und DIN massenhaft produzierten roten Feuerlöscher, hier – Einzelanfertigung des weißen Feuerlöscher.

Welche Ziele verfolgt die Daimler-Stiftung mit diesem Ort, die wohl eine spezielle SUBKULTUR präsentiert, die der Gesamtkultur des Konzerns so offenkundig widerspricht? Ist das der Versuch des „Aufpolierens“ des konservativen Images? Doch wozu? Immerhin schafft der Konzern gerade mit dieser Reputation eine gute Marktposition weltweit und – nebenbei – die Mittel für Einkauf der Kunstwerke. Es ist außerdem ganz fraglich, ob eine solche Anpassung des Images möglich ist oder mit diesem „Unbeholfensein“ das eigentliche Image des Konzerns unterstreicht.

Soweit der kulturwissenschaftliche Diskurs über Organisationskulturen und Subkulturen. Und was den weißen Feuerlöscher angeht, wird er vermutlich – trotz seines so ungewöhnlichen Aussehens, seine eigentliche Funktion erfüllen. Und uns daran erinnern, dass auch verschieden aussehende und in verschiedenen Arten und Weisen wirkende Menschen ihre Aufgaben schaffen. Anders als „wir“, und das ist gut so!

Polnische Frauen

Liebe Damen und Leser aller Geschlechter,

im März letzten Jahres habe ich mit einer Serie von Kurzberichten angefangen, die dem Internationalen Frauentag in unterschiedlichen Ländern gewidmet ist. Und bekam viel Lob und Dank für die Geschichte über chinesische Frauen, auch von jenen, die vom 8. März an sich nicht viel halten. Also setze ich die Serie fort und widme diese Ausgabe, wie geplant, den polnischen Frauen.

Doch bevor ich zu den Interviews mit lebenden Frauen komme, möchte ich über zwei Frauen berichten, die in der Frauenbewegung Ikonen-Status haben und in Polen geboren sind.

Als nur eine von sieben Frauen, die den Nobelpreis erhielt und die einzige Frau (neben drei Männern), die den Nobelpreis zwei Mal bekommen hat, ging Marie Curie in die Geschichte ein (im Jahre 1903 Nobelpreis in Physik und dann im Jahre 1911 in Chemie). Übrigens, kurz nach ihrem Tod bekam auch ihre ältere Tochter Irene in 1935 den Nobelpreis für Chemie. Marie Curie wurde als Marie Skłodowska in 1867 in Warschau geboren. Zum Studium ging sie nach Paris, wo sie ihren zukünftigen Ehemann Pierre traf. Nach seinem Tod bei einem Autounfall im Jahre 1906 trug sie wieder ihren Mädchennamen, wobei sie von der französischen Presse für ihre polnische und angeblich jüdische Herkunft drangsaliert wurde. Zunächst wurde die romantische Liebe im Labor zwischen Marie und Pierre sarkastisch thematisiert. Doch richtig aufgebracht war die gelbe Presse, als ihre Affäre als verwitwete Mutter zum jüngeren Kollegen, ebenfalls einem Professoren, bekannt wurde. Das alles belastete Curie sehr, wobei sie in ihren Briefen an die Familie in Polen nur heile Welt präsentierte und auch als erfolgreiche und weltbekannte Frau mit größten Respekt an Eltern und Tanten schrieb.

Aus heutiger Sicht kann Marie Skłodowska als DAS Beispiel für die emanzipierte Frau gehalten werden: extern erfolgreich im Beruf, liebevolle Mutter, welche die Entwicklung beider Töchter ernst nahm und von ihnen respektiert wurde und auch als Frau, die ihr privates Glück der konservativen Öffentlichkeit zuliebe nicht opferte.

Von so viel persönlichem Glück und Anerkennung kann unsere zweite Heldin vielleicht nicht sprechen, doch ihr Bekanntheitsgrad ist noch höher: Rosa Luxemburg. Sie wurde in der polnischen Provinz in Zamość, unweit von Lublin, geboren. Als Rosa zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Warschau, wo Rosa ein russischsprachiges Gymnasium besuchte. Wegen oppositioneller Gesinnung bekam Rosa keine Goldmedaille trotz bester Noten und musste schon mit 18 Jahren das zaristische Polen verlassen und zunähst in die Schweiz und dann nach Deutschland gehen. Der Rest ist – Geschichte! Ich persönlich würde sehr gerne erfahren, ob sie Deutsch mit Akzent sprach, lernte sie doch die Sprache erst auf dem Gymnasium und schrieb zeitlang Briefe auf polnisch mit russischen Anmerkungen oder Ansprachen (z.B. an Kolja Zetkin, dem Sohn der älteren Freundin und Kollegin Clara).

Auf eine wundersame Weise ist meine Freundin, Wirtschaftsprofessorin in Deutschland, mit beiden Frauen verbunden: Sie besuchte in Polen die Schule namens Marie Skłodowska und… wusste nicht, dass Rosa Luxemburg aus Polen stammt. Der internationale Frauentag ist für Lisa zunächst einmal Nostalgie. Sie muss dann an die Schulzeit zurückdenken, an die verkrampfen Jungs, die den Mädchen Lieder singen und Blümchen (meist Nelken) überreichen mussten, was zur allgemeinen Verwirrung und noch mehr Verkrampfung führte. Aus ihrer Sicht stand der Feiertag in Polen unter dem Einfluss der Sowjetunion und wurde nur halbherzig gefeiert, zudem war es kein offizieller Feiertag wie in Russland. Aktuell würde sie eine Zweiteilung der polnischen Gesellschaft in dieser Frage sehen: in den gebildeten Familien sind Frauen gleichberechtigt und stark, in weniger gebildeten Familien haben immer noch die „Machos“ das Sagen.

Apropos Frau, auf Polnisch „Kobieta“. Unter diesem Namen gründete und baute sieben Jahre lang eine Frau aus Stettin praktisch aus ihrem Wohnzimmer ein Online-Magazin auf, das bei Frauen jeden Alters in Polen bekannt und geliebt war. Mehrmals kam Gosha nach Berlin, um hiesige Trends anzuschauen und sich mit ihren Leserinnen im polnischen Berlin zu treffen, z.B. im einzigen deutsch-polnischen Rotary Club in Deutschland. Wie es der Zufall will, hat dieser Club die höchste Frauenquote bundesweit (57%) und wird aktuell von einer Frau als Präsidentin geführt.

Gosha von Kobieta widmet sich nun, nach dem erfolgreichen Verkauf ihrer Kobieta an Burda Media Polska, ganz und gar den karitativen Projekten und kommt seitdem seltener nach Berlin. In ihrem Gruss an Sie wünscht sie uns hier mehr Mut zur Farbe.

Und apropos Farbe, farbenfroh und energiebeladen sind die Portraits der polnischen Künstlerin Tamara de Lempicka, geborenen Gorska. Mit ihrem Portrait von Frau Bush aus dem Jahre 1929 schließe ich diesen Bericht.

Im nächsten Jahr blicken wir dann gemeinsam nach Italien. Alla prossima! Ihre,

Irina Slot

Methodisch-didaktische Handreichung_Auszug

Kultur

Das Wort „Kultur“ stammt vom lateinischen „cultura“ (Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) und bezeichnet hiermit im weitesten Sinne alles, was von Menschen geschaffen ist und nicht von der Natur aus kommt. In der Soziologie steht Kultur für „die Weise, in welcher Menschen sich verständigen, ihre Kenntnisse über die Einstellungen zum Leben weitergeben und entwickeln. Kultur ist das Muster der Sinngebung, in dessen Rahmen Menschen ihre Erfahrungen deuten und ihr Handeln lenken“ (Clifford Geertz). Als anschauliche und pragmatische Definition der Kultur kann der Vergleich der Kultur mit einer Software des Geistes dienen, die die Menschen aus einer Gruppe, z.B. einer Nation, miteinander eint und von den Menschen einer anderer Gruppe unterscheidet (vgl. Geert Hofstede 2011).

Mit der Begründung der Komplexität der Fragestellung wird erläutert, dass im Weiteren bewusst eine Vereinfachung mithilfe unterschiedlicher Modelle vorgenommen wird. 


Zwei-Eisberg-Modell

Als erstes wird das Eisberg-Modell der Kultur nach Edward Hall (1914 – 2009) vorgestellt. Der amerikanische Anthropologe nutzte die Metapher des Eisbergs, die bereits Siegmund Freud (1856 – 1939) für einen Menschen postulierte und erweiterte sie auf eine Landeskultur. Die Wasseroberfläche trennt den kleineren sichtbaren Teil des Eisbergs einer Kultur von dem größeren (unsichtbaren) Teil. Die einzelnen Kategorien können gemeinsam mit den Teilnehmern (m/w/d) ausgearbeitet werden – dafür eignet sich besonders das Flipchart (als Beispiel dazu sehen Sie auch das gleichnamige frei verfügbare Lernvideo von Irina Slot im Vorfeld der Lehrveranstaltung).

Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sichtbaren Aspekte einer Kultur: Wie die Menschen sich begrüßen, wie sie sich kleiden, wie sie gestikulieren, was und wie sie essen. Der Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt und in seinem Volumen den oberen Teil um ein Vielfaches überwiegt, steht hier für die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denk- und Verhaltensnormen, Werte, Normen und Tabus.

Die Religion und der Glaube gehören in den unteren Teil des Eisbergs, es sei denn, die Person artikuliert ihre religiöse Prägung im Gespräch oder zeigt diese mit eindeutigen Signalen. Allerdings können diese anscheinend „eindeutigen“ Signale Außenstehende irreführen. Es gibt reichlich Beispiele dafür: ähnliche Gebetsketten können von einem muslimischen Türken aber auch christlich-orthodoxen Griechen genutzt werden, ein Kreuz-Anhänger kann Zeichen für christliche Religiosität der Person, die es trägt, stehen, kann aber auch nur Modeschmuck sein. Auch das Kopftuch (das auf der Oberfläche nur ein Stück Stoff ist) kann für besondere Religiosität seiner Trägerin stehen, aber auch für Familientradition oder als Zeichen der Rebellion gegen die Mehrheitsgesellschaft.

Die Unterscheidung zwischen den sichtbaren Aspekten einer Kultur und ihrer tieferen Bedeutung bzw. der Interpretation und Wertung des Sichtbaren durch einen Außenstehenden (vom zweiten Eisberg aus) ist wichtig, um zu verstehen, dass die sogenannten Kulturkonflikte im unteren Teil des Eisbergs stattfinden. Nicht der nicht- erwiderte Handschlag an sich ist das Problem. Im oberen, rationalen Teil des Eisbergs ist es nur Körperkontakt samt Übertragung von Bakterien. Doch seine tiefere Bedeutung (z.B. Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Respekt in der deutschen Kultur) wird bei Nicht- Erwiderung zu einer Störung führen. So wie zwei Eisberge in der Regel unter dem Wasser kollidieren, so auch finden die Kulturkonflikte „unter dem Wasser“ statt.

Somit werden auch die Lösungen für Kulturkonflikte in den Denkweisen und Normen verankert. Doch bereits an dieser Stelle sei angedeutet, dass der Bereich des kulturellen Clashs auch die Zone für das Neue, das Innovative darstellt. Die durch unterschiedliche Denkweisen entstehende Spannung – solange sie nicht zum Konflikt führt und bewusst „organisiert“ wird – kann zu produktivem Perspektivenwechsel führen und etwas Neues schaffen.

Analog zum Zwei-Eisberg-Modell der zwei Kulturen kann auch das POF-Modell visualisiert werden. POF – für Person-Organisation-Fit stehend – stammt aus dem Personalwesen und zeigt, inwiefern ein Mensch zu einer Organisation passt. (vgl. A Kristof-Brown 2002). Ursprünglich bedeutete die POF-Formel, dass die Menschen in eine Organisation aufgenommen werden sollten, die den größten gemeinsamen Nenner mit dieser Organisation haben. So würden sich weniger Störungen ergeben und so stiege die Zufriedenheit der Mitglieder der Organisation mit ihrer Tätigkeit darin. Doch neuere Erkenntnisse aus der Soziologie und insbesondere die Studien von David Stark, die wissenschaftspopulär im Buch „The Sense of Dissonance“ präsentiert sind (vgl. D. Stark 2011) zeigen, dass eine absolute Übereinstimmung von Biographien, Denkweisen und Normen nicht nur schlecht für die Innovationskraft einer solchen Organisation, sondern sogar gefährlich sei: Die Fehler werden nicht rechtzeitig erkannt, geschweige denn aus falsch verstandener Loyalität heraus artikuliert. Somit wurde das POF-Modell erweitert: Man versteht zwar unter dem „Fit“ ein gewisses Maß an Übereinstimmung in Werten und Normen von einer Person und einer Organisation (s.g. supplementary fit); gleichzeitig sollte die Denkweise der Person, welche z.B. durch eine andere kulturelle Prägung, Gender, einen anderen sozialen Status, Alter etc. entstanden, das Mind-Set der Organisation oder die Organisationskultur ergänzen (s.g. complementary fit) (vgl. Slot 2016).

Wie entstehen unterschiedliche Denkweisen in verschiedenen Kulturen? Menschen werden durch die Kultur eines Landes oder ihrer Familie meist unbewusst beeinflusst. Insbesondere Kleinkinder saugen die Kultur ihrer Eltern quasi mit der Muttermilch auf, da ihre Eltern – ebenfalls meist unbewusst – ihnen ihre kulturelle Prägung weitergeben. Dadurch erscheint uns vieles als ganz natürlich und selbstverständlich, was in Wirklichkeit das Resultat jahrhundertelanger Geschichte, Tradition und sozialer Entwicklung ist. Menschen in anderen Kulturen durchlaufen denselben Prozess, aber mit anderen Inhalten.

Besonders früh wird die Förderung von Individualität oder aber vom Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Auch durch das Verhältnis von Mutter und Vater zum Kind wird sehr früh die Prägung formuliert, die später zur unterschiedlichen Wahrnehmung von Machtdistanz führt. Durch Ge- und Verbote, Erklärungen, zusammengefasst durch Vorbilder, werden richtige Verhaltensweisen vermittelt, soziale Grenzen gesetzt. Als soziales Wesen ahmen Kleinkinder die Erwachsenen nach, wenden die gelernten Regeln schon als Kinder auch untereinander an.

Allerdings wäre es falsch, einen Menschen auf seine Kultur zu reduzieren. Auch wenn der Fokus im weiteren Verlauf des Workshops auf kulturelle Prägungen gelegt wird, bedeutet es, dass jede Person aus dieser kulturellen Gruppe einerseits ein Individuum ist, andererseits viele Eigenschaften des Menschen als solchen hat. Dies wird schematisch mit der Kulturpyramide (s. Kopiervorlage in der Anlage) dargestellt. Das „Wir“ befindet sich zwischen einem „Ich“ und einem „Wir alle, wir alle Menschen“. In jeder konkreten Situation stellt sich die Frage, was durch Persönlichkeit und Charakter verursacht ist und was in der kulturellen Prägung zu suchen sei, und das immer in der jeweiligen Lebensphase, z.B. in der Pubertät, als junge Erwachsene etc.

Zwei – Eisberge – Modell von Irina Slot

Eisberg-Theorie: Auszug aus dem Artikel von Irina Slot aus Rotary-Magazin im Jahre 2015

Kultur wird oft mit einem Eisberg verglichen. Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sIMG_2791ichtbaren Aspekte einer Kultur: wie die Menschen sprechen, wie sie sich kleiden, was und wie sie essen. In dem Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt – und weit größer als der obere Teil des Eisbergs ist – verbergen sich die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denkweisen, Handlungsmuster, der Einfluss der Religionen sowie Normen und Werte überhaupt.

Eben diesen Teil der Kultur tragen wir wie einen Rucksack mit uns mit, egal, wohin wir als Erwachsene gehen. Wir geben große Teile davon – meist unbewusst – an unsere Kinder weiter. Die Vorstellung, dass durch Integration im neuen Land die kulturelle Prägung, die man durch Eltern und Großeltern erfahren hat, einfach ausradiert würde, ist naiv und gefährlich. Im oberen Teil des „Eisbergs“ (Kleidung, Manieren, Sprechweise) ist eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft möglich, doch das „kulturelle Betriebssystem“, im frühesten Kindesalter geschrieben, läuft weiter, quasi im Hintergrund und wird immer dann in Erscheinung treten, wenn ein Mensch sich in einer Stresssituation befindet (Gefahr, Krankheit, Zeitdruck) oder eine wichtige Entscheidung treffen muss (Berufswahl, Familiengründung). So wie beim Eisberg, der plötzlich von der Sonne stark angestrahlt wird, wenn nur der obere Teil zu schmelzen anfängt, wirken sich Veränderungen der kulturellen Umgebung nur langsam (wenn überhaupt) auf die tief liegenden Bereiche der kulturellen Persönlichkeit aus. Hierbei gilt die „Faustregel“, dass etwa drei Generationen dafür notwendig sind.

Der Vergleich mit einem Eisberg erklärt auch, wie kulturelle Konflikte entstehen. Wenn zwei Eisberge kollidieren, geschieht dies im unteren Teil der Eisberge, unter dem Wasser. Der schon fast sprichwörtliche „clash of cultures“ findet im unsichtbaren Teil der Kultur statt. In diesem automatischen Mechanismus, dass wir Verhaltensweisen, die von den unseren abweichen, bewerten, liegt übrigens auch das Geheimnis der Stereotypen. Auf unserem Eisberg sitzend und eine andere Verhaltensweise beobachtend, neigen wir ganz natürlich dazu, diese durch den „Unterbau“ unseres eigenen Eisbergs zu erklären. So wirken auch positive Stereotypen: Das Lächeln auf dem Gesicht eines Menschen, der aus Vietnam stammt, wird hierzulande mit Höflichkeit und Freundlichkeit verbunden, für meine Studenten mit vietnamesischen Wurzeln es ist nur eine „Maske“, der Ausdruck des Verbotes, Gefühle zu zeigen.

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Das Zwei-Eisberge-Modell von Irina Slot wurde erstmals im Kiehl-Verlag im Jahre 2012 veröffentlicht.

Außerdem ist es im Video über das Blockseminar von Irina Slot an der Universität Potsdam plastisch dargestellt.

Das Zwei-Eisberg-Modell gemeinsam mit FOM-Studierenden interkativ erstellt und aufgenommen.

Und in diesem Blog-Beitrag zum Thema Veränderung der Kultur wird die These über Trägheit der Kulturen mithilfe von Eisberg-Modell erläutert.