Zur Geschichte der Globalisierung – Gastbeitrag von Bastian Bethke

Leistungen, z.B. Workshop Interkulturelle Kompetenz für Erfolg in Verhandlungen
Foto: I. Leytus

 

 

 

 

 

Die Globalisierung als Untersuchungsgegenstand beschäftigt Wissenschaft und Medien seit Jahrzehnten im zunehmenden Maße. Dieses Phänomen des exponentiellen Anstiegs internationaler Verflechtungen, welches sich in den meisten Bereichen des menschlichen Lebens bemerkbar macht, übt eine ge- wisse Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Insbesondere im Laufe der letzten Dekaden hat eine rasante Entwicklung stattgefunden, die vor allem durch bahnbrechende Innovationen im Kommu- nikationswesen gekennzeichnet war, sodass die Grenzen zwischen den ein- zelnen Nationen immer mehr zu verschwimmen scheinen. Dementsprechend ist es heutzutage kaum vorstellbar, dass ein Informationsaustausch zwischen Europa und Asien einst mehrere Jahre dauern konnte – wobei natürlich auch ein nicht unerhebliches Risiko des Verlusts des Schriftstücks bestand.

Doch ungeachtet dessen ist die Globalisierung kein Prozess, der erst in den letzten Jahren angestoßen wurde. Im Gegenteil wird der Anfang dieser Ent- wicklung häufig im aufkommenden Kolonialismus gesehen, der mit der mari- timen Expansion der Königreiche Portugal und Spanien begann. Diese erste Phase zeichnete sich hauptsächlich durch ein rein staatliches Engagement aus – ein Umstand, der sich mit dem Aufstieg Großbritanniens und der Niederlade als führende Seemächte in der Welt änderte. Akteure in den frühen Globalisierungsprozessen waren nunmehr primär private Unternehmen ge- worden. Allen voran sind hier die britische East India Company (EIC) und ihr niederländisches Pendant, die Vereenigde Oost-Indische Compagnie (VOC), zu nennen.

In diesem Zusammenhang gelten die beiden Kontrahenten als die ersten global tätigen Handelsgesellschaften und somit als Vorläufer der heutigen multi- nationalen Unternehmen. Weiter lesen Sie hier mit freundlichen Genehmigung von Bastian Bethke, auch meinerseits: Handel und Herrschaft_Bastian Bethke.

Kontakt zum Autor: basti.bethke<at>yahoo.de

Sieben Tage, sieben Jahre

IMG_0174Dieser Blog, liebe Leserin, lieber Leser, feiert diese Woche seinen siebenjährigen Geburtstag. Es ist zwar kein Jubiläum im engeren Sinne des Wortes, dennoch ein Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen und auch über die symbolische Bedeutung dieser Zahl nachzudenken.

Sieben Tage der Woche sind ein Rhythmus, in dem die meisten Kulturen leben. Der siebte Tag als Tag der Ruhe, der Zuwendung zum Göttlichen, variiert zwar von Religion zu Religion zwischen Freitag, Samstag und Sonntag, doch sieben Tage bleiben als eine Mikroeinheit der Lebenszeit. Wahrscheinlich hängt es mit der Lunation zusammen – dem vollen Zyklus des Mondes aus unserer Sicht der Erde, der vier solcher Einheiten durchläuft. Und somit an das kosmische Geschehen, jenseits der kulturellen Grenzen, angedockt ist. Andererseits spielt die Zahl sieben auch auf der psychologischen Ebene eine Rolle: Die von John Locke entdeckte und nach George Miller benannte Millersche Zahl  beschreibt die Beschränkung des Kurzzeitgedächtnisses in sieben Einheiten. Deswegen sollen die Organisationsstrukturen nicht mehr als sieben Ebenen beinhalten und die Teams nicht mehr als sieben Mitglieder haben. Letzteres kann ich tatsächlich bestätigen, und zwar aus Beobachtung der Gruppenübungen oder Lernteams von Teilnehmern (z.B. Studierenden) aus verschiedensten Ländern: übersteigt die Zahl der Gruppe die magische Sieben, zerfällt die Gruppe in ihrem Wirken in mindestens zwei Untergruppen. Also wäre das ein psychologisches Phänomen, ebenfalls jenseits der kulturellen Grenzen.

Und dazwischen liegen sieben Berge, wo die sieben Zwerge leben und eben keine sieben Drachen hinter sieben chinesischen Mauern. Symbolisiert die Sieben in Europa das Glück, klingt sie im chinesischen wie „fortgegangen“ und hat eine neutrale bis negative Bedeutung.

Und was hat sich in meinem Blog in sieben Jahren getan? Sind die 41.711 Aufrufe viel oder wenig? Und weil die Zahlen eben so „relativ“ sind, schauen wir lieber auf die Themen des Blogs. Von russischen Business-Frauen im Mai 2010 bis zu vielfältigen (u.a. nach Herkunft und Gender) Teams als Innovations-Ressource. Also vom Gender- und Länderspezifischen zum Universellen. Zufall? Wahrscheinlich, korrespondiert aber zu schön mit den vorhergegangenen Überlegungen zur Zahl sieben.
Dann auf die nächsten – mindestens – sieben Jahre. Mit Ihnen und Dir, mein Leser und meine Leserin!

Innovation & Diversity

IMG_0091Dear English speaking reader, you can find my blog in English here:

In einer Unternehmensumfrage zum Stand der Diversity stellte 2016 „Charta der Vielfalt“ die Frage nach dem Nutzen der Diversity. Abgesehen davon, dass diese selbsternannten Kämpfer für die Vielfalt in Unternehmen, selbst als Verein oft ausschließlich Männer unter den Experten auf dem Podium haben, die keinen zumindest sichtbaren Migrationshintergrund haben (Beispiel hier), scheint die Broschüre mit den Ergebnissen der Studie eine Plattform für die Werbung der zahlenden Unternehmen des Vereins zu sein. Dementsprechend fallen die Ergebnisse positiv für die Unterzeichner der Charta  im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt aus.

Doch zurück zu dem Nutzen der Diversity. Neben der Kategorie „Personalressourcen besser nutzen“ oder „Den Zugang zu Teilmärkten erleichtern“ gibt es diejenige namens „Innovation und Kreativität durch Vielfalt fördern“. Der kritische und aufmerksame Leser fragt sich „Wieso? Ist euch ein homogenes Team nicht gut genug? Gefährdet man nicht die Harmonie im Team durch Konflikte und Missverständnisse, die sich aus der Vielfalt ergeben?“

Ja, die Harmonie ist dann wahrscheinlich tatsächlich hin. Und das ist auch gut so! (Wie schon unser damaliger homosexueller Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in diesem Zusammenhang sagte. Die Professorin der Uni Stuttgart Meike Tilebein spricht vom Spannungsfeld der Diversität als Konfliktherd. Und ein Herd ist eigentlich etwas Gutes, nicht wahr? Das ist die Energie, die zum Kochen der Speisen genutzt wird und nur beim falschen Gebrauch Feuer auslöst. Das heißt, die – wohl unvermeidliche – Spannung im heterogenen Team kann als Ressource für innovative Zusammenarbeit dienen, wenn die „Betriebsanweisung“ sprich Spielregeln der Teamarbeit festgelegt werden. Und das möglichst VOR dem Gebrauch, auf ein Projektteam übersetzt – in einem Kick-Off Meeting zur Beginn des Projektes.

Der Professor der Columbia University David Stark geht in seinen Untersuchungen ein Stück weiter und stellt fest, dass die Vielfalt in Teams nicht nur innovative Kraft bedeutet, sondern auch als Instrument für Fehlervermeidung fungiert. Hier ist der Link zum Buch und hier ist der Link zu meinen Thesen, die sich aus dem Buch ergeben.

Die Vielfalt im Team kann nicht nur durch kulturelle Vielfalt, Gender oder verschiedene Generationen entstehen, sondern auch durch kognitive Vielfalt (z.B. unterschiedliche Berufskulturen) oder funktionale Vielfalt (z.B. unterschiedliche Aufgabenfelder, „Subkulturen“ im Unternehmen, verschiedene Organisationskulturen) „erzeugt“ werden. Auch diese Vielfalt kann als Störungsfaktor aber auch als Innovations- Ressource genutzt werden, z.B. beim Anwenden von Design Thinking. Das könnten wir bereits in vielen Workshops mit dieser Methode feststellen. Und neben den spannenden Lösungen für unterschiedlichste Fragestellungen oder Produkt- und Service-Innovationen den Teilnehmenden das Erkenntnis vermitteln: „Vielfalt ist nervig. Und das ist auch gut so!“ Denn beim richtigen „Gebrauch“, sprich Management, bringt sie Innovation, Effizienz und – wie man auf dem Bild sieht – Freude!

Foto: ebc-Kurs Innovation Management & Design Thinking

Steve Jobs, Rosa Luxemburg und Kostja Zetkin: Kalenderblatt mit roten Rosen

Der internationale Frauentag naht. Bald wird die SPD auf den Straßen und in Supermärkten rote Rosen verteilen. Das ist einerseits ein Zeichen der Frauengleichberechtigung in der Partei (z.B. sind die Reden- und Diskussionsbeiträge so reglementiert, dass Frauen immer zum Wort kommen. Und dass Angela Merkel schon wieder einen männlichen Widersacher hat, hat nicht mit fehlender Kraft sondern mit fehlendem Interesse von Hannelore Kraft zu tun).

Die roten Rosen zum 8. März sollen auch an zwei moderne und zutiefst emanzipierte SPD-Grandes-Dames Klara Zetkin und Rosa Luxemburg erinnern, die auch privat weit vor ihrer Zeit waren: Klara Zetkin führte lebenslange wilde Ehe mit Ossip Zetkin, Rosa Luxemburg – eine mehrjährige Liebesbeziehung mit dem 14 Jahre jüngeren Kostja Zetkin, dem Sohn der älteren Freundin und Mitstreiterin Klara.

Die rote Rose als Symbol für den 8.März passt aber nicht so recht zur Bedeutung des 8. März hierzulande. Denn nicht die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung forderte Hildegard Knef in ihrem Lied „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, sondern „alles oder nichts“! Und klar, stehen rote Rosen für leidenschaftliche Liebe und erhabene Verehrung (Hier bewusst KEIN Link zur Telenovela im ARD „Rote Rosen“!). Und tatsächlich ist der internationale Frauentag in sehr vielen Ländern der Tag der Frau, der Liebe und der Verehrung zu ihr. Mehr dazu finden Sie hier.

Doch wie so oft lassen Symbole nicht nur eine oder zwei Interpretationen zu: verbindet doch manch einer aus Silicon Valley rote Rosen mit Steve Jobs. Seine minimalistisch eingerichtete Arbeits- und Lebensräume sind legendär (und können in jedem Apple-Store nachempfunden werden), doch sein Leben lang hatte er immer an all seinen Schreibtischen eine Schnittblume stehen. Eine rote Rose.

Lost in Globalization, Found in Diversity – Das Buch ist da!

cover-bildWas haben die Megatrends Globalisierung und Digitalisierung gemeinsam? Richtig: es geht um die Menschen, die diese Veränderungen treiben aber auch mittragen (müssen/dürfen). Unter der Annahme, dass diese Entwicklungen nicht zu stoppen seien, werden in der Broschüre die Wege skizziert, wie diese Veränderungen  für die Organisationen und Firmen und für jeden „Akteur“ gemeistert werden können, ganz nach dem Motto „Mach aus der Zitrone Limonade“ (D. Carnegie).

Die gedruckte und gebundene Version kann hier bestellt werden (Kosten 10 Euro)

Die elektronische Version kann unter der Adresse: info[at]interkulturell.eu bestellt werden (Kosten 5 Euro).

 

Viel Freude beim Lesen!  Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Feedback als Antwort auf diesen Post.

Ingenieure, Soziologen und berufskulturelle Überlegungen

enginners of jihad source amazon„Die Ingenieure des Jihad“ (Engeneers of Jihad) heißt das Buch des britischen Soziologen Diego Gambetta und des Politologen Steffen Hertog. Schon der Titel verschlägt einem den Atem, und die quantitativen Erkenntnisse darin – umso mehr. Wenn auch nicht alle Terroristen einen Hochschulabschluss haben (z.B. die Täter der Attentate auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris haben nicht mal einen Schulabschluss), überwiegt unter den Hochschulabsolventen die Anzahl der Ingenieure: „Von 207 muslimischen Radikalen aus den muslimischen Ländern, deren Beruf bekannt ist, haben 93 (oder 44.9%) Ingenieurwesen studiert, im Vergleich zu 11,6% des Anteils der Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung. Von 71 muslimischen Radikalen, die aus dem Westen kommen und deren Hochschulbildung bekannt ist, haben 32 (45%) einen Ingenieur-Titel im Vergleich zu 16,2% des Anteils der Ingenieure unter den in Westen vergebenen Hochschulabschlüssen“ (unsere Übersetzung).

Die Autoren des Buches geben auch eine weitere interessante Statistik kund, die nachweist, dass zumindest für die arabische Welt die Aussage „Arbeitslosigkeit führt zum Radikalismus und Terrorismus“ widerlegt: von 497 Militanten in der muslimischen Welt haben 46,5% einen Hochschulabschluss – im Vergleich zur entsprechenden Quote für die Gesamtbevölkerung von 25,2%. Speziell für Ingenieure bedeutet das für die Autoren, dass nicht die soziale Situation als solche, sondern die Diskrepanz zwischen der eigenen hohen Erwartung und der ernüchternden Realität ihrer sozialen Situation zur Radikalisierung in diesem Feld führt.

Doch im Blog für kulturelle Fragen beschäftigt uns sicherlich in erster Linie die Frage nach der Berufskultur. Hat Hillary Clinton die Ingenieure am Beispiel von Mursi des linearen Denkens bezichtigt (http://www.interkulturell.eu/2014/unsere-antwort-an-hilary-clinton/), vermuten die Autoren des o.g. Buches, dass Denken in Formeln und nicht das ständige Hinterfragen des Vorgegebenen (wie in ihren Studienfächern) die Menschen leichter radikalisieren lässt. Klingt plausibel, zumindest für die Soziologen, doch für Ingenieure – eher beleidigend. In diesem „Kulturkonflikt“ gibt es ja kaum Zwischengänger, die beide Denkweisen miteinander vergleichen könnten, wie es sie hingegen zwischen den Ingenieuren und BWLern oder zwischen den Soziologen und Politologen gibt.

An eine Ausnahme muss ich dabei unwillkürlich denken: der Guru des Interkulturellen Managements Geert Hofstede wird für seine „mechanische und oberflächliche“ Ländervergleiche von „Kollegen“ heftig kritisiert. Und er muss das Geheimnis seiner professionellen Herkunft hüten. Denn bevor er seine Doktorarbeit in der Soziologie schrieb, wurde er als Schiffbau-Ingenieur ausgebildet. Damit wird es klarer, warum er es sich zum Ziel gesetzt hat die Kulturdimensionen so zu formulieren, dass der quantitative objektive Vergleich möglich wurde (www.geerthofestede.nl) – im Vergleich zu den qualitativen Kulturdimensionen seines Vorgängers, dem US-amerikanischen Soziologen und Anthropologen Edward T. Hall (www.edwardthall.com). Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum seine Kulturdimensionen – bei aller berechtigten wissenschaftlichen Kritik – so gut in der Praxis funktionieren, von den Praktikern (nicht nur Ingenieuren, sondern auch Medizinern, Managern und Juristen) angenommen und verwendet werden, und tatsächlich zur besseren Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedenster Herkunft führt.

Doch auch für den hier vermuteten Kulturkonflikt zwischen dem Objekt des Buches und den Subjekten der Autoren hilft: die „Kulturelle Brille“ wenn nicht ablegen, dann aber wahrzunehmen, einander kennenzulernen, sich von verschiedenen Perspektiven nicht abschrecken zu lassen, sondern von ihnen zu profitieren.

Foto: Princeton University Press