Futurium in Past Perfekt

Das erste Museum der Zukunft sollte es werden. Kuratoren vom benachbarten Bundesministerium für Bildung und Forschung kokettierten im Vorfeld mit diesem Paradox, denn normalerweise spiegeln die Museen die Vergangenheit wieder. Doch DAS Museum soll die Zukunft wagen.

Die Rechnung ist wohl nicht aufgegangen: die Begegnungsräume im Erdgeschoss, die dem Austausch und der Ideenfindung Rahmen geben sollen, entsprechen in keinster Weise den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Flexibilität und Transparenz solcher Räume. Ein Bespiel hätten sich die Macher aus dem Ministerium am Hasso Platner Institut nehmen können, doch als dort das gesamte Kabinett zum Thema Digitalisierung tagte (wie innovativ und zukunftsorientiert!), wurden genau diese Elemente der Innenraumgestaltung im Vorfeld aussortiert und am Ende saßen alle an einem großen ovalen Tisch – also wie zuhause im Kanzleramt.

Im Ausstellungsraum sollten zukunftsweisende Ideen interaktiv präsentiert werden. Doch die Ideen selbst, die auf thematischen Inseln wie z.B. Energie, Bau, Gesundheit brav geordnet sind, sind nicht neu. Etwas „cooler“ als sonst präsentiert, ja, aber auch hier lauert das nicht erfüllte Versprechen der Interaktion mit den Besuchern auf Augenhöhe: Werden wir aufgefordert, unsere Ideen zu dokumentieren, landen die Blätter dann im Mülleimer und auf dem coolsten Objekt der Ausstellung steht mehrfach und – oje, so altmodisch – „Betreten verboten!“

Den Höhepunkt bildet das Dachgeschoss. Buchstäblich und positiv: eine wunderbare Aussicht über die Spree und den Tiergarten, die sonst aus den benachbarten Häusern nur Ministerialbeamten und Angestellten einer großen Beratungsfirma vorenthalten sind. Aber auch der Höhepunkt des hohen Versprechens: Die Photovoltaikanlage, eigentlich das Heute der alternativen Energiegewinnung, bedeckt zwar fast die ganze Fläche, ist aber leider leider nicht angeschlossen.

Und wenn das alles nach „Früher war sogar die Zukunft besser…“ klingt, habe ich drei positive Momente zu vermelden. Die Architektur ist ungewöhnlich, ja provozierend vor allem im Kontrast zur monotonen Baureihe entlang vom Spree-Ufer. Eintritt ist frei. Und: Im Netzwerk von Themen der Zukunft ist „Kulturelle Vielfalt“ genannt (Foto: Gerhard Robbeler).

Sieben Tage, sieben Jahre

IMG_0174Dieser Blog, liebe Leserin, lieber Leser, feiert diese Woche seinen siebenjährigen Geburtstag. Es ist zwar kein Jubiläum im engeren Sinne des Wortes, dennoch ein Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen und auch über die symbolische Bedeutung dieser Zahl nachzudenken.

Sieben Tage der Woche sind ein Rhythmus, in dem die meisten Kulturen leben. Der siebte Tag als Tag der Ruhe, der Zuwendung zum Göttlichen, variiert zwar von Religion zu Religion zwischen Freitag, Samstag und Sonntag, doch sieben Tage bleiben als eine Mikroeinheit der Lebenszeit. Wahrscheinlich hängt es mit der Lunation zusammen – dem vollen Zyklus des Mondes aus unserer Sicht der Erde, der vier solcher Einheiten durchläuft. Und somit an das kosmische Geschehen, jenseits der kulturellen Grenzen, angedockt ist. Andererseits spielt die Zahl sieben auch auf der psychologischen Ebene eine Rolle: Die von John Locke entdeckte und nach George Miller benannte Millersche Zahl  beschreibt die Beschränkung des Kurzzeitgedächtnisses in sieben Einheiten. Deswegen sollen die Organisationsstrukturen nicht mehr als sieben Ebenen beinhalten und die Teams nicht mehr als sieben Mitglieder haben. Letzteres kann ich tatsächlich bestätigen, und zwar aus Beobachtung der Gruppenübungen oder Lernteams von Teilnehmern (z.B. Studierenden) aus verschiedensten Ländern: übersteigt die Zahl der Gruppe die magische Sieben, zerfällt die Gruppe in ihrem Wirken in mindestens zwei Untergruppen. Also wäre das ein psychologisches Phänomen, ebenfalls jenseits der kulturellen Grenzen.

Und dazwischen liegen sieben Berge, wo die sieben Zwerge leben und eben keine sieben Drachen hinter sieben chinesischen Mauern. Symbolisiert die Sieben in Europa das Glück, klingt sie im chinesischen wie „fortgegangen“ und hat eine neutrale bis negative Bedeutung.

Und was hat sich in meinem Blog in sieben Jahren getan? Sind die 41.711 Aufrufe viel oder wenig? Und weil die Zahlen eben so „relativ“ sind, schauen wir lieber auf die Themen des Blogs. Von russischen Business-Frauen im Mai 2010 bis zu vielfältigen (u.a. nach Herkunft und Gender) Teams als Innovations-Ressource. Also vom Gender- und Länderspezifischen zum Universellen. Zufall? Wahrscheinlich, korrespondiert aber zu schön mit den vorhergegangenen Überlegungen zur Zahl sieben.
Dann auf die nächsten – mindestens – sieben Jahre. Mit Ihnen und Dir, mein Leser und meine Leserin!

Diversity: vom Konfliktmanagement zum Innovationsmanagement im Kontext der aktuellen Megatrends

Venn-Diagramm von Irina Slot

Auszug aus dem Essay „Lost in Globalization, found in Diversity“

Die interkulturellen Konflikte verlaufen nicht nur entlang der „Gräben“ der Herkunft. Auch verschiedene Berufskulturen weisen klassische Attribute der kulturellen Ausgrenzung vor. Z.B. in der Sprache: „Fachchinesisch“ wird negativ konnotiert, auch als ein Instrument der Abgrenzung von anderen Berufen und Trägern anderer Ausbildungen (und klingt übrigens beleidigend für Menschen mit chinesischen Wurzeln). Anderes Beispiel: Stereotype. Mit dem „linearen Denken eines Ingenieurs“ begründete Hillary Clinton das Versagen des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Pikanterweise vor einem Publikum, in dem sich sehr wahrscheinlich viele Ingenieure befanden – bei der öffentlichen Vorstellung ihres letzten Buches in Berlin. Hätte Hillary Clinton einen Ingenieur in ihrem Team gehabt, wäre ihr ein solcher Fauxpas nicht passiert, der im Übrigen die Stereotype von der abgehobenen Politikelite bestätigt.

Auch verschiedene Generationen reiben sich aneinander. Wer arbeitet besser, die Alten oder die Jungen? „Diversity: vom Konfliktmanagement zum Innovationsmanagement im Kontext der aktuellen Megatrends“ weiterlesen

Notizen zum Europa-Wahlkampf

„Das Wesen aller Politik ist (…) Kampf, Werbung von Bundesgenossen und von freiwilliger Gefolgschaft“, schrieb Max Weber und behielt bis heute Recht. Wobei „Bundesgenossen“ in Bezug auf den EU-Wahlkampf ambivalent klingt: Wer ist hier im „Bund“? Europa, wessen Parlament wir gerade gewählt haben, oder doch das Land, wo der Wahlkampf stattgefunden hat?

An Max Weber habe ich oft während des aktuellen Wahlkampfes gedacht. Auch an die Ambivalenz in seinen Arbeiten in Bezug auf Emotion im Politischen. Einerseits bewunderte er die Propheten der Antike, speziell des antiken Judentums, die ohne reelle Machtbefugnissen, allein durch Kraft ihres Wortes und ihrer Persönlichkeit Menschen führten und politisch beeinflussten. Daraus ist übrigens der Begriff des sog. charismatischen Führungsstils entstanden, wo der verstorbene Steve Jobs oder quicklebendige Jack Ma verortet und wie auch ihre phänomenalen Erfolge und Beliebtheit bei Mitarbeitern erklärt werden (siehe „Freiwillige Gefolgschaft“ in Zitat von Weber oben).


Apropos, Jack Ma, Mitbegründer der Alibaba und eine Art Ikone des wissenschaftlichen und technologischen Aufstiegs Chinas. Max Weber spart nicht mit Sarkasmus, wenn er über China oder das antike Griechenland schreibt, wo „die Parteien durch Pathos, Tränen und Beschimpfungen des Gegners“ (Weber) agierten.

Was nun? Gehört die Emotion in die adequate politische Kommunikation oder ist sie nur ein Instrument der Populisten, die ihre öffentlichen Reden und social media affektiv „schmücken“?

Liest man Arbeiten des schweizerischen Wissenschaftler und Arztes Luc Ciompi, z.B. das mit Koautorin Elke Endert veröffentlichte Buch ‚Gefühle machen Geschichte‘, in welchem das Wirken des Dreiecks „Gefühl-Verhalten-Denken“ in der Geschichte und in aktuellen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen untersucht wird, so scheint die Emotion von der ‚Ratio‘ gar nicht zu trennen. Zu diesem Ergebnis kommen auch Linguisten wie Monika Schwarz-Friesel, welche die „emotive Wende“ in den Sprachwissenschaften feststellt. Den Nobelpreis in Wissenschaften 2002 erhielt der Psychologe Daniel Kahneman, der die affektive Entscheidungskomponente bei sog. Experten feststellt. Seine Theorien sind übrigens sehr „volksnah“ im Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ nachzulesen.


Ganz in der Tiefe, im Gehirn, untersuchte der Neurowissenschaftler Antonio Damasio Denkprozesse und nennt sein Buch „Ich fühle, also bin ich“. Nach Damasio entstünden emotionale Wertungen noch vor dem Bewusstem.
Zumindest sind beide Prozesse – Denken und Fühlen – im Gehirn abgebildet. So scheinen die Metaphern ‚Kopf‘ und ‚Herz‘ (sowie auch ‚Kopf‘ GEGEN ‚Herz‘) ausgedient zu haben.


Und neben negativen Emotionen wie Hass und Angst gibt es positive Emotionen wie Liebe und Freude. Vielleicht gewinnt man mit ihnen beim nächsten Wahlkampf mehr Stimmen?


Wenn schon das Wort ‚Stimmen‘ mit ‚Stimmung‘ im Deutschen verwandt ist?

Wirtschaft wird mit WIR geschrieben

 

Zugegeben, aus dem aktuellen Anlass der krampfhaften Regierungsbildung beginne ich meine Überlegungen zum Wort WIR mit dem Zitat von Franz Müntefering aus dem Jahre 2014: „Opposition ist Mist. Lasst das die Anderen machen – Wir wollen regieren!“

Spannend finde ich in diesem Spruch vor allem die „Opposition“ von WIR und DEN ANDEREN. Doch das hat mit Franz Müntefering nicht zu tun, auch nicht mit dem Politischen oder gar Kulturellem. Linguistische Forschung zeigt, dass diese „Dichotomie“ zwischen WIR und SIE in allen Sprachen und Kulturen vorkommt, sie scheint also universell zu sein. Das kann damit zu tun haben, dass sich die Menschen als soziales Wesen in Gruppen organisieren müssen/ wollen/dürfen und die Wörter WIR und SIE für Ingroup und Outgroup stehen. Ein WIR braucht für die eigene Definition ein IHR und umgekehrt.

Und genau das gilt auch für Wirtschaftsgeschehen: Es gibt eben ein Team und viele Menschen außerhalb dieses Teams; die „Mitgliedschaft“ in diesem Team kann durch Benennung durch den Chef postuliert werden, doch in der Arbeitskommunikation wird das WIR aus dem Munde der Teammitglieder das WIR wahrscheinlich auf die Teammitglieder beziehen (und hoffentlich nicht auf ein „Subteam“ darin). Es gibt ein großes Unterschied, ob jemand über sein/ihr Unternehmen sagt „Wir sind aufgekauft worden“ oder „Die haben den Deal gemacht“. Auch der Konkurrenzkampf „Wirtschaft wird mit WIR geschrieben“ weiterlesen

Der Weltraum für alle!

„Der Weltraum soll für alle da sein“, – sagt der Direktor am Institut für Luft-, Weltraum- und Cyberrecht, Stephan Hobe im Beitrag von Deutschlandradio Kultur „Warum Deutschland ein Weltraumgesetz braucht“ im Januar diesen Jahres. Wir wollen uns heute diesem Thema kurz widmen, anlässlich des Internationalen Tags der bemannten Raumfahrt. Der 12. April galt ursprünglich nur in der Sowjetunion und hieß Tag der Raumfahrt (День космонавтики, was leider irrtümlich als Tag der Kosmonauten bei Wikipedia übersetzt wurde). Denn am 12. April 1961 flog ein Mensch ins Weltall (und kam ebenfalls heil zurück zur Erde), Juri Gagarin. Erst im Jahre 2011 erklärte auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 12. April zum Internationalen Tag der BEMANNTEN Raumfahrt, denn die Raumfahrten fanden schon zuvor statt, allerdings mit Robotern und Hunden.

Der Vater der russischen Raumfahrt, Konstantin Ziolkowski (Константин Эдуардович Циолковский) war zunächst ein Träumer. Er wird mit „Erst kommen das Denken, die Fantasie und die Märchen, dann die wissenschaftliche Berechnung“ zitiert. Tatsächlich las er sehr viel von Jule Verne und schrieb zunächst fantasmagorische Geschichten, bevor er zu Berechnungen von reaktiven Bewegungen der Flüssig-Stoff-Raketen und Untersuchungen zum Widerstand der Luft in (selbstgebauten) aerodynamischen Kanälen kam. Und das alles „nebenberuflich“, parallel zu seiner Tätigkeit als Lehrer für Physik an einer kirchlichen Mädchenschule in der russischen Provinz. Ich als Kind empfand seinen Spruch „Das Unmögliche heute wird zum Möglichen morgen“ als sehr beeindruckend und behalte bis heute seine Idee, dass die abwechselnde Arbeit wie eine Ruhepause wirke. Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1935 fand er Anerkennung der sowjetischen Führung und immerhin schmückt seine selbstveröffentlichte Broschüre die erste Vitrine der Raumfahrt-Abteilung des Deutschen Museums in München. Und im Museum der Geschichte der Raumfahrt in Kaluga findet gerade die Ausstellung zum 85-jährigen Geburtstags des ersten Menschen im Weltall, Juri Gagarin, statt.

Schon paradox, dass die poetische Vorstellung von Sternen und anderen Planeten, die sich sogar in der Wortwahl eines promovierten Juristen (s. oben) wiederfindet und von jeher von Dichtern besungen wurde ( z.B. in „Mondin“ von Sappho), also die heile Welt ohne Grenzen, von Anfang an ein Schauplatz des Wettkampfs um Prestige war. Und nun geht es nicht nur um „Schneller, weiter, höher“, sondern um den Kampf um Ressourcen, z.B. in der Telekommunikation oder wahrscheinlich demnächst um Energieressourcen. Und schon jetzt schafft es der Mensch, den Weltall zu vermüllen. Als ob der Ozean auf der Erde dafür nicht genug wäre!

Im Kontext dieses rücksichtslosen und unbedachten Verhaltens der Menschheit bekommt ein anderes Zitat von Ziolkowski eine neue Bedeutung: „Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten“. Hoffentlich schaffen die Juristen und die Politiker, effektive „Spielregeln“ für die zunehmend allzu wild herumtobenden „Kinder“ aufzustellen und dies bald.

Alles Gute zum erdischen Tag der Raumfahrt!

Bild: Alexei Kostroma, Berlin

Ein ungewöhnlicher Feuerlöscher – Notizen über das Aussehen und die Funktion

Für diesen ungewöhnlichen Feuerlöscher haben die Gestalter der Räume von Daimler Contemporary viel Zeit und Nerven investiert, entspricht er doch ganz und gar nicht den Vorschriften und Gewohnheiten. Doch für sie war es sehr wichtig, dass ein gewöhnlicher Feuerlöscher mit seiner roten Farbe die weiß gehaltenen Ausstellungsräume ästhetisch nicht zerstört. Oder war es ein wenig sportlicher Ehrgeiz, an diesem ungewöhnlichen Ort alles ungewöhnlich zu gestalten?

Denn die Ausstellungsräume in Berliner Huth-Haus am Potsdamer Platz entsprechen ganz und gar nicht dem Image von Gesamt-Daimler. Mit Hauptsitz in Stuttgart. Dort – Feuerlöscherseit Jahrzehnten gereifte Technik und konservatives Design, hier – moderne, abstrakte Kunst. Dort – die Preisgestaltung für das s.g. Prämium-Segment, hier – kostenloser Eintritt. Dort die ganz nach TÜV und DIN massenhaft produzierten roten Feuerlöscher, hier – Einzelanfertigung des weißen Feuerlöscher.

Welche Ziele verfolgt die Daimler-Stiftung mit diesem Ort, die wohl eine spezielle SUBKULTUR präsentiert, die der Gesamtkultur des Konzerns so offenkundig widerspricht? Ist das der Versuch des „Aufpolierens“ des konservativen Images? Doch wozu? Immerhin schafft der Konzern gerade mit dieser Reputation eine gute Marktposition weltweit und – nebenbei – die Mittel für Einkauf der Kunstwerke. Es ist außerdem ganz fraglich, ob eine solche Anpassung des Images möglich ist oder mit diesem „Unbeholfensein“ das eigentliche Image des Konzerns unterstreicht.

Soweit der kulturwissenschaftliche Diskurs über Organisationskulturen und Subkulturen. Und was den weißen Feuerlöscher angeht, wird er vermutlich – trotz seines so ungewöhnlichen Aussehens, seine eigentliche Funktion erfüllen. Und uns daran erinnern, dass auch verschieden aussehende und in verschiedenen Arten und Weisen wirkende Menschen ihre Aufgaben schaffen. Anders als „wir“, und das ist gut so!

Methodisch-didaktische Handreichung_Auszug

Kultur

Das Wort „Kultur“ stammt vom lateinischen „cultura“ (Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) und bezeichnet hiermit im weitesten Sinne alles, was von Menschen geschaffen ist und nicht von der Natur aus kommt. In der Soziologie steht Kultur für „die Weise, in welcher Menschen sich verständigen, ihre Kenntnisse über die Einstellungen zum Leben weitergeben und entwickeln. Kultur ist das Muster der Sinngebung, in dessen Rahmen Menschen ihre Erfahrungen deuten und ihr Handeln lenken“ (Clifford Geertz). Als anschauliche und pragmatische Definition der Kultur kann der Vergleich der Kultur mit einer Software des Geistes dienen, die die Menschen aus einer Gruppe, z.B. einer Nation, miteinander eint und von den Menschen einer anderer Gruppe unterscheidet (vgl. Geert Hofstede 2011).

Mit der Begründung der Komplexität der Fragestellung wird erläutert, dass im Weiteren bewusst eine Vereinfachung mithilfe unterschiedlicher Modelle vorgenommen wird. 


Zwei-Eisberg-Modell

Als erstes wird das Eisberg-Modell der Kultur nach Edward Hall (1914 – 2009) vorgestellt. Der amerikanische Anthropologe nutzte die Metapher des Eisbergs, die bereits Siegmund Freud (1856 – 1939) für einen Menschen postulierte und erweiterte sie auf eine Landeskultur. Die Wasseroberfläche trennt den kleineren sichtbaren Teil des Eisbergs einer Kultur von dem größeren (unsichtbaren) Teil. Die einzelnen Kategorien können gemeinsam mit den Teilnehmern (m/w/d) ausgearbeitet werden – dafür eignet sich besonders das Flipchart (als Beispiel dazu sehen Sie auch das gleichnamige frei verfügbare Lernvideo von Irina Slot im Vorfeld der Lehrveranstaltung).

Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sichtbaren Aspekte einer Kultur: Wie die Menschen sich begrüßen, wie sie sich kleiden, wie sie gestikulieren, was und wie sie essen. Der Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt und in seinem Volumen den oberen Teil um ein Vielfaches überwiegt, steht hier für die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denk- und Verhaltensnormen, Werte, Normen und Tabus.

Die Religion und der Glaube gehören in den unteren Teil des Eisbergs, es sei denn, die Person artikuliert ihre religiöse Prägung im Gespräch oder zeigt diese mit eindeutigen Signalen. Allerdings können diese anscheinend „eindeutigen“ Signale Außenstehende irreführen. Es gibt reichlich Beispiele dafür: ähnliche Gebetsketten können von einem muslimischen Türken aber auch christlich-orthodoxen Griechen genutzt werden, ein Kreuz-Anhänger kann Zeichen für christliche Religiosität der Person, die es trägt, stehen, kann aber auch nur Modeschmuck sein. Auch das Kopftuch (das auf der Oberfläche nur ein Stück Stoff ist) kann für besondere Religiosität seiner Trägerin stehen, aber auch für Familientradition oder als Zeichen der Rebellion gegen die Mehrheitsgesellschaft.

Die Unterscheidung zwischen den sichtbaren Aspekten einer Kultur und ihrer tieferen Bedeutung bzw. der Interpretation und Wertung des Sichtbaren durch einen Außenstehenden (vom zweiten Eisberg aus) ist wichtig, um zu verstehen, dass die sogenannten Kulturkonflikte im unteren Teil des Eisbergs stattfinden. Nicht der nicht- erwiderte Handschlag an sich ist das Problem. Im oberen, rationalen Teil des Eisbergs ist es nur Körperkontakt samt Übertragung von Bakterien. Doch seine tiefere Bedeutung (z.B. Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Respekt in der deutschen Kultur) wird bei Nicht- Erwiderung zu einer Störung führen. So wie zwei Eisberge in der Regel unter dem Wasser kollidieren, so auch finden die Kulturkonflikte „unter dem Wasser“ statt.

Somit werden auch die Lösungen für Kulturkonflikte in den Denkweisen und Normen verankert. Doch bereits an dieser Stelle sei angedeutet, dass der Bereich des kulturellen Clashs auch die Zone für das Neue, das Innovative darstellt. Die durch unterschiedliche Denkweisen entstehende Spannung – solange sie nicht zum Konflikt führt und bewusst „organisiert“ wird – kann zu produktivem Perspektivenwechsel führen und etwas Neues schaffen.

Analog zum Zwei-Eisberg-Modell der zwei Kulturen kann auch das POF-Modell visualisiert werden. POF – für Person-Organisation-Fit stehend – stammt aus dem Personalwesen und zeigt, inwiefern ein Mensch zu einer Organisation passt. (vgl. A Kristof-Brown 2002). Ursprünglich bedeutete die POF-Formel, dass die Menschen in eine Organisation aufgenommen werden sollten, die den größten gemeinsamen Nenner mit dieser Organisation haben. So würden sich weniger Störungen ergeben und so stiege die Zufriedenheit der Mitglieder der Organisation mit ihrer Tätigkeit darin. Doch neuere Erkenntnisse aus der Soziologie und insbesondere die Studien von David Stark, die wissenschaftspopulär im Buch „The Sense of Dissonance“ präsentiert sind (vgl. D. Stark 2011) zeigen, dass eine absolute Übereinstimmung von Biographien, Denkweisen und Normen nicht nur schlecht für die Innovationskraft einer solchen Organisation, sondern sogar gefährlich sei: Die Fehler werden nicht rechtzeitig erkannt, geschweige denn aus falsch verstandener Loyalität heraus artikuliert. Somit wurde das POF-Modell erweitert: Man versteht zwar unter dem „Fit“ ein gewisses Maß an Übereinstimmung in Werten und Normen von einer Person und einer Organisation (s.g. supplementary fit); gleichzeitig sollte die Denkweise der Person, welche z.B. durch eine andere kulturelle Prägung, Gender, einen anderen sozialen Status, Alter etc. entstanden, das Mind-Set der Organisation oder die Organisationskultur ergänzen (s.g. complementary fit) (vgl. Slot 2016).

Wie entstehen unterschiedliche Denkweisen in verschiedenen Kulturen? Menschen werden durch die Kultur eines Landes oder ihrer Familie meist unbewusst beeinflusst. Insbesondere Kleinkinder saugen die Kultur ihrer Eltern quasi mit der Muttermilch auf, da ihre Eltern – ebenfalls meist unbewusst – ihnen ihre kulturelle Prägung weitergeben. Dadurch erscheint uns vieles als ganz natürlich und selbstverständlich, was in Wirklichkeit das Resultat jahrhundertelanger Geschichte, Tradition und sozialer Entwicklung ist. Menschen in anderen Kulturen durchlaufen denselben Prozess, aber mit anderen Inhalten.

Besonders früh wird die Förderung von Individualität oder aber vom Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Auch durch das Verhältnis von Mutter und Vater zum Kind wird sehr früh die Prägung formuliert, die später zur unterschiedlichen Wahrnehmung von Machtdistanz führt. Durch Ge- und Verbote, Erklärungen, zusammengefasst durch Vorbilder, werden richtige Verhaltensweisen vermittelt, soziale Grenzen gesetzt. Als soziales Wesen ahmen Kleinkinder die Erwachsenen nach, wenden die gelernten Regeln schon als Kinder auch untereinander an.

Allerdings wäre es falsch, einen Menschen auf seine Kultur zu reduzieren. Auch wenn der Fokus im weiteren Verlauf des Workshops auf kulturelle Prägungen gelegt wird, bedeutet es, dass jede Person aus dieser kulturellen Gruppe einerseits ein Individuum ist, andererseits viele Eigenschaften des Menschen als solchen hat. Dies wird schematisch mit der Kulturpyramide (s. Kopiervorlage in der Anlage) dargestellt. Das „Wir“ befindet sich zwischen einem „Ich“ und einem „Wir alle, wir alle Menschen“. In jeder konkreten Situation stellt sich die Frage, was durch Persönlichkeit und Charakter verursacht ist und was in der kulturellen Prägung zu suchen sei, und das immer in der jeweiligen Lebensphase, z.B. in der Pubertät, als junge Erwachsene etc.

Zwei – Eisberge – Modell von Irina Slot

Eisberg-Theorie: Auszug aus dem Artikel von Irina Slot aus Rotary-Magazin im Jahre 2015

Kultur wird oft mit einem Eisberg verglichen. Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sIMG_2791ichtbaren Aspekte einer Kultur: wie die Menschen sprechen, wie sie sich kleiden, was und wie sie essen. In dem Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt – und weit größer als der obere Teil des Eisbergs ist – verbergen sich die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denkweisen, Handlungsmuster, der Einfluss der Religionen sowie Normen und Werte überhaupt.

Eben diesen Teil der Kultur tragen wir wie einen Rucksack mit uns mit, egal, wohin wir als Erwachsene gehen. Wir geben große Teile davon – meist unbewusst – an unsere Kinder weiter. Die Vorstellung, dass durch Integration im neuen Land die kulturelle Prägung, die man durch Eltern und Großeltern erfahren hat, einfach ausradiert würde, ist naiv und gefährlich. Im oberen Teil des „Eisbergs“ (Kleidung, Manieren, Sprechweise) ist eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft möglich, doch das „kulturelle Betriebssystem“, im frühesten Kindesalter geschrieben, läuft weiter, quasi im Hintergrund und wird immer dann in Erscheinung treten, wenn ein Mensch sich in einer Stresssituation befindet (Gefahr, Krankheit, Zeitdruck) oder eine wichtige Entscheidung treffen muss (Berufswahl, Familiengründung). So wie beim Eisberg, der plötzlich von der Sonne stark angestrahlt wird, wenn nur der obere Teil zu schmelzen anfängt, wirken sich Veränderungen der kulturellen Umgebung nur langsam (wenn überhaupt) auf die tief liegenden Bereiche der kulturellen Persönlichkeit aus. Hierbei gilt die „Faustregel“, dass etwa drei Generationen dafür notwendig sind.

Der Vergleich mit einem Eisberg erklärt auch, wie kulturelle Konflikte entstehen. Wenn zwei Eisberge kollidieren, geschieht dies im unteren Teil der Eisberge, unter dem Wasser. Der schon fast sprichwörtliche „clash of cultures“ findet im unsichtbaren Teil der Kultur statt. In diesem automatischen Mechanismus, dass wir Verhaltensweisen, die von den unseren abweichen, bewerten, liegt übrigens auch das Geheimnis der Stereotypen. Auf unserem Eisberg sitzend und eine andere Verhaltensweise beobachtend, neigen wir ganz natürlich dazu, diese durch den „Unterbau“ unseres eigenen Eisbergs zu erklären. So wirken auch positive Stereotypen: Das Lächeln auf dem Gesicht eines Menschen, der aus Vietnam stammt, wird hierzulande mit Höflichkeit und Freundlichkeit verbunden, für meine Studenten mit vietnamesischen Wurzeln es ist nur eine „Maske“, der Ausdruck des Verbotes, Gefühle zu zeigen.

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Das Zwei-Eisberge-Modell von Irina Slot wurde erstmals im Kiehl-Verlag im Jahre 2012 veröffentlicht.

Außerdem ist es im Video über das Blockseminar von Irina Slot an der Universität Potsdam plastisch dargestellt.

Das Zwei-Eisberg-Modell gemeinsam mit FOM-Studierenden interkativ erstellt und aufgenommen.

Und in diesem Blog-Beitrag zum Thema Veränderung der Kultur wird die These über Trägheit der Kulturen mithilfe von Eisberg-Modell erläutert.

 

 

Silvester Made in Germany und Made in China

Chinese Year 2018 / 2019 Made in Berlin by M. Leytus

Im Auto fahrend (kein Diesel), schon auffallend viele Feuerwehrautors mit Blaulicht wahrnehmend, höre ich im Radio, dass in China zu Silvester für 400 Gemeinden Böller-Verbot gilt. Und das mit der Begründung: Feinstaub-Belastung (Wortlaut des Radiobeitrages und Audiodatei).

Das gibt es doch nicht! Erst erfinden die Chinesen das Feuerwerk, dann überfluten sie Europa mit ihren Made-in-China-Böllern und nun sind sich zu fein (Achtung: Wortspiel Fein-Staub), diese bei sich zuhause abzuknallen. Ein Skandal, finde ich! Zumal der Krach nicht nur Tiere, Babies, sondern auch zunehmend die erwachsene Bevölkerung stört. Die Feuerwehrleute halten sich wacker, aber auch für sie, vor allem für die Freiwilligen, wäre es vielleicht schöner, Silvester zuhause zu feiern, als aus Spaß entstandene Brände zu löschen. Langsam kommt es zu Widerstand bei den Notärzten, die Jahr für Jahr abgerissene Hände und verbrannte Gesichter zusammenflicken müssen, ohne Not (Wortspiel Nummer zwei, nicht wahr?). Einige wenige Inseln des Böller-Verbots in Deutschland werden dann vor allem mit gefährdeten Holzbeständen der Altstädte begrünet. Aber mit ökologischen Argumenten? Da sind uns Chinesen wohl voraus. Überholmanöver rechts, und das mit Elektroauto, sozusagen.

Das kommende Jahr wird nach dem chinesischen Horoskop das Jahr des Schweins (Element Erde) sein. Genau genommen, beginnt das Jahr am 5. Februar 2019. Und es soll Glück und Zufriedenheit bringen. Vielleicht werden wir dann „Schwein haben“ und auch in Berlin ein Böller-Verbot erleben (aller guten Dinge sind drei, gilt auch für nicht ganz elegante Wortspiele)?

Ich wünsche allen Lesern (m/w/d) meines Blogs für das kommende Jahr Glück, Zufriedenheit mit Ihrer Tätigkeit, mit Ihrer Umgebung und mit sich selbst. Und verziehe mich nach Venedig, denn da gilt: Ein öffentliches Feuerwerk und sonst Küsse statt Böller! Und im nächsten Jahr in Peking oder Berlin…

Salute per Capodanno, amichi!
祝你好运和繁荣 (Viel Glück und Wohlstand!)

俄语老师 (Irina)
P.S. Eine ernsthaftere Lektüre zum Thema Made-in-Germany von GTAI (Germany Trade and Invest) ist hier zu finden, meine Studie zum Thema wird voraussichtlich 2019 erscheinen.

P.P.S. Unsere Neujahres-Grüsse zum chinesischen Jahr 2018 finden Sie hier: Die Grüsse zum zentralen japanischen Feiertag finden Sie hier: