Zur Geschichte der Globalisierung – Gastbeitrag von Bastian Bethke

Leistungen, z.B. Workshop Interkulturelle Kompetenz für Erfolg in Verhandlungen
Foto: I. Leytus

 

 

 

 

 

Die Globalisierung als Untersuchungsgegenstand beschäftigt Wissenschaft und Medien seit Jahrzehnten im zunehmenden Maße. Dieses Phänomen des exponentiellen Anstiegs internationaler Verflechtungen, welches sich in den meisten Bereichen des menschlichen Lebens bemerkbar macht, übt eine ge- wisse Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Insbesondere im Laufe der letzten Dekaden hat eine rasante Entwicklung stattgefunden, die vor allem durch bahnbrechende Innovationen im Kommu- nikationswesen gekennzeichnet war, sodass die Grenzen zwischen den ein- zelnen Nationen immer mehr zu verschwimmen scheinen. Dementsprechend ist es heutzutage kaum vorstellbar, dass ein Informationsaustausch zwischen Europa und Asien einst mehrere Jahre dauern konnte – wobei natürlich auch ein nicht unerhebliches Risiko des Verlusts des Schriftstücks bestand.

Doch ungeachtet dessen ist die Globalisierung kein Prozess, der erst in den letzten Jahren angestoßen wurde. Im Gegenteil wird der Anfang dieser Ent- wicklung häufig im aufkommenden Kolonialismus gesehen, der mit der mari- timen Expansion der Königreiche Portugal und Spanien begann. Diese erste Phase zeichnete sich hauptsächlich durch ein rein staatliches Engagement aus – ein Umstand, der sich mit dem Aufstieg Großbritanniens und der Niederlade als führende Seemächte in der Welt änderte. Akteure in den frühen Globalisierungsprozessen waren nunmehr primär private Unternehmen ge- worden. Allen voran sind hier die britische East India Company (EIC) und ihr niederländisches Pendant, die Vereenigde Oost-Indische Compagnie (VOC), zu nennen.

In diesem Zusammenhang gelten die beiden Kontrahenten als die ersten global tätigen Handelsgesellschaften und somit als Vorläufer der heutigen multi- nationalen Unternehmen. Weiter lesen Sie hier mit freundlichen Genehmigung von Bastian Bethke, auch meinerseits: Handel und Herrschaft_Bastian Bethke.

Kontakt zum Autor: basti.bethke<at>yahoo.de

Zwei Männer, die den Frauentag verschönern: Edward Hall und Zaher Halwani im Berlinskij Salon am 8. März

zaherMeine Gäste und ich hatten dem Mediziner Zaher Halwani viel musikalischen Genuss (arabische Musik, Debussy und Bach) zu verdanken. Interessante Einblicke in die fast medizinische Geschichte des Entstehens der letzten Werke von Claude Debussy und ungeahnte Wege von orientalischen Melodien über Spanien und Italien zu DEM europäischen Komponisten Johann Sebastian Bach haben seine Kollegen (unter den Gästen hatten wir sowohl Ärzte als auch Musiker) überzeugt und fasziniert.

Diese fachübergreifende Betrachtung bestätigte sehr anschaulich die These von der innovativen Kraft der kognitiven Vielfalt. Aber auch ich mit meinem Fach Interkulturelle Kompetenz kam „auf meine Kosten“: denn die Ausführungen von Zaher zur arabischen Tonleiter, die nicht nur halb- (wie in der europäischen „Harmonie“), sondern auch Vierteltöne beinhält, korrespondiert wunderbar mit der Theorie von Edward Hall über die „Zwischentöne“ in der Kommunikation von einigen Kulturen, z.B. arabischen oder russischen (mehr dazu s. unten).

Und als zum Tee die russische Süßspeise asiatischer Herkunft Halwa serviert wurde, kam es zu noch einer Überraschung: Der Name meines Gastes Halwani beinhält genau dieses „Halwa“ als das arabische Wort für das „Süße“ und bedeutet direkt übersetzt „Süßmacher“!

 

Auszug aus meinem Aritkel Balint- Zeitschrift (Thieme-Verlag 2014)

Ein Klassiker von Edward Hall ist die Kulturdimension, die sich unmittelbar auf die verbale Kommunikation bezieht: low context vs. high context orientation. Je nach dem Land ihrer Sozialisierung neigen die Menschen zu einer eher direkten Kommunikation, in der Dinge beim Namen genannt werden und der „Sender“ möglichst alle Informationen zum Ausdruck bringt oder, auf der anderen Seite der „Scala“, zu einer indirekten Kommunikation, in der im eigentlich Gesagten implizit weitere Botschaften gesendet werden und unbewusst davon ausgegangen wird, dass der Empfänger die Dekodierung der vom Sender geäußerten Botschaft beherrscht. Ein extremes Beispiel dafür gab mir ein russischstämmiger Psychiater in einem interkulturellen Workshop für ausländische Ärzte: Die Phrase auf Russisch „Irgendwie wird es kälter“ bedeutet nicht mangelhafte Heizung oder kaltes Wetter, sondern eine Einladung zum Umtrunk. Ein Außenstehender hat keine Chance, diesen Code, der sich aus der allen Russen bekannten Fortsetzung eines Volksreims ergibt, richtig zu interpretieren. Doch im medizinischen Alltag gibt es viel mehr versteckte Botschaften, die vom Arzt dekodiert wer- den müssen, weil sie für die Diagnose und die Behandlung eben notwendig sind. Besonders in der Konstellation deutscher Arzt – ausländischer Patient sind Missverständnisse zu erwarten, wird doch die deutsche Kommunikationskultur von Hall und seinen Nachfolgern als eine der direktesten in der Welt eingeschätzt.
Was tun? Ganz einfach – Nachfragen! Immer, wenn der Arzt das Gefühl hat, in umschreibenden, unklaren Aussagen zu versinken, immer wenn die Übersetzung nicht klar ist (wenn der Dolmetscher lediglich die Sprachen beherrscht und nicht das kulturrelevante Übersetzen), immer wenn seine Fragen ausweichend oder gar nicht beantwortet werden – Nachfragen! Hier darf keine falsche Höflichkeit eine Rolle spielen – ein Arzt braucht seine Informationen und wenn er aus einer anderen Kultur kommt und die Codes der Kultur der Patienten nicht kennt, muss er eben nachfragen. Nebenbei wird dadurch dem Dolmetscher bzw. dem Patienten signalisiert, dass sie sich in dieser Situation klarer ausdrucken sollten. Das Risiko, der Arzt wird als „penetranter Langweiler“ in Verruf geraten, muss hingenommen werden, am Ende geht es um das Wohl des Patienten. Und wenn die kontextbeladenen Ausführungen zu lang werden? – mit Nachfrage unterbrechen. Denn den Sprechenden zu unterbrechen ist nicht in allen Kulturen tabu, wie im Folgenden dargelegt wird (im Folgenden Text, den ich hier in Zusammenhang mit Verlagsrechten nicht veröffentlichen darf, geht es um Thema Monochrone vs. polychrone Kulturen)

Steve Jobs, Rosa Luxemburg und Kostja Zetkin: Kalenderblatt mit roten Rosen

Der internationale Frauentag naht. Bald wird die SPD auf den Straßen und in Supermärkten rote Rosen verteilen. Das ist einerseits ein Zeichen der Frauengleichberechtigung in der Partei (z.B. sind die Reden- und Diskussionsbeiträge so reglementiert, dass Frauen immer zum Wort kommen. Und dass Angela Merkel schon wieder einen männlichen Widersacher hat, hat nicht mit fehlender Kraft sondern mit fehlendem Interesse von Hannelore Kraft zu tun).

Die roten Rosen zum 8. März sollen auch an zwei moderne und zutiefst emanzipierte SPD-Grandes-Dames Klara Zetkin und Rosa Luxemburg erinnern, die auch privat weit vor ihrer Zeit waren: Klara Zetkin führte lebenslange wilde Ehe mit Ossip Zetkin, Rosa Luxemburg – eine mehrjährige Liebesbeziehung mit dem 14 Jahre jüngeren Kostja Zetkin, dem Sohn der älteren Freundin und Mitstreiterin Klara.

Die rote Rose als Symbol für den 8.März passt aber nicht so recht zur Bedeutung des 8. März hierzulande. Denn nicht die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung forderte Hildegard Knef in ihrem Lied „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, sondern „alles oder nichts“! Und klar, stehen rote Rosen für leidenschaftliche Liebe und erhabene Verehrung (Hier bewusst KEIN Link zur Telenovela im ARD „Rote Rosen“!). Und tatsächlich ist der internationale Frauentag in sehr vielen Ländern der Tag der Frau, der Liebe und der Verehrung zu ihr. Mehr dazu finden Sie hier.

Doch wie so oft lassen Symbole nicht nur eine oder zwei Interpretationen zu: verbindet doch manch einer aus Silicon Valley rote Rosen mit Steve Jobs. Seine minimalistisch eingerichtete Arbeits- und Lebensräume sind legendär (und können in jedem Apple-Store nachempfunden werden), doch sein Leben lang hatte er immer an all seinen Schreibtischen eine Schnittblume stehen. Eine rote Rose.

Die unternehmerische Vielfalt – Preisverleihung von BAREX in Berlin

WP_20160920_10_21_21_ProDie Laudatio auf Claudia Cornelsen von Irina Slot:

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, schrieb der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein.

Davon können einige in diesem Saal und auch ich persönlich ein Lied singen. In einer Fremdsprache zu arbeiten und zu leben bedeutet Grenzen in dem Ausdruck eigener Gedanken, aber auch Defizite in der Wahrnehmung von außen. „Kanaken-Sprache“ ist so abwertend als Begriff, dass es sich für einen Menschen, der Hochdeutsch spricht, gar nicht lohnt, herein zu hören und versuchen, den Inhalt nachzuvollziehen. Dabei ist das kein Verdienst des Hochdeutsch-Sprechenden die deutsche Sprache so wunderbar zu können, in den meisten Fällen ist es einfach „Glück“ oder Zufall, im passenden Stück Erde eine passende Muttersprache zu erlernen.
Apropos Hochdeutsch. Meine Kollegen aus der Uni Potsdam, die sich mit Sprachvariationen beschäftigen, sagen, dass man Deutsch als Fremdsprache am besten in der Gegend in und um Hannover lernt, dann schleppt man „nur“ den eigenen Akzent mit und nicht eine Mischung aus eigenen und der regionalen Sprachvariation wie zum Beispiel der hessische, bayrische oder gar sächsische Dialekt, nö?
Und wie es der Zufall will, wurde unsere nächste Preisträgerin in Hannover geboren. Und wie es der Zufall will, produziert und verkauft ihr Unternehmen – nach eigenen Angaben – Wörter. Ist das alles? Oh ja, das ist ganz und gar viel, denn nach dem berühmten Spruch aus dem Talmud werden aus Wörtern – Taten, aus Taten – Gewohnheiten und aus Gewohnheiten – Schicksal.

Und wie definiert unsere Wort-Expertin das Leitwort dieser Veranstaltung „Vielfalt“? Vielfalt bedeutet für Claudia Cornelsen die Offenheit gegenüber allen Themen, die an sie herangetragen werden. Sie kommen aus der Kundschaft, die durch ihre vielfältige Herkunft gekennzeichnet ist. Sie kommen von den Mitarbeitern, denn im Team von Claudia Cornelsen gibt es junge und alte Menschen, die aus christlichen, muslimischen und jüdischen Kulturkreisen kommen oder – um Gottes Willen! – Atheisten sind.
Und wenn auf dem ursprünglichen Parnass die neuen Musen und Apollon als Boss residierten, so lenkt auf diesem Parnass eine Frau die Geschicke der einzelnen „Musen“ beider Geschlechter.

Apropos Frau. Der zur Beginn meiner kurzen Rede zitierte Ludwig Wittgenstein nannte eines seiner Bücher „Wie uns die Sprache verhext“. Schön, dass auch gute Feen helfen, die uns helfen, dagegen zu halten.  Weiterhin viel Erfolg, liebe Frau Cornelsen!

Foto: Wittgenstein als Motivation für junge Linguisten der Universität Dublin (Foto: Irina Slot)

Impacts for Expats

ikra

Am letzten Wochenende war es wieder so weit: eine Gruppe von Expats musste in Fragen der interkulturellen und sprachlichen Kompetenz auf ihren Einsatz in Moskau intensiv und spontan (wie denn sonst!) vorbereitet werden. Die Erkenntnisse in Bezug auf Sprache sind hier zusammengefasst.

Für den kleinen Hunger und für kulinarische Einstimmung gab es den Klassiker: олади с игрой (s. Bild).

Gute Reise und Viel Erfolg!

 

P.S. Wir bereiten Sie und Ihre Mitarbeiter auf Auslandseinsatz in ALLEN europäischen Ländern. Auch den Impats (Expats aus allen Ländern, die in Deutschland tätig sind und tätig sein werden) – gern auf Englisch, gern verbunden mit Business-Deutsch-Unterricht.

Warten Sie nicht auf den ersten interkulturellen Konflikt ganz nach dem Motto „Wird schon!“ (für solche Fälle vermitteln wir gern Coaching aus unserem Netzwerk). Arbeiten und schulen Sie Ihr Personal lieber PRÄVENTIV!

 

Ein ungewöhnlicher Feuerlöscher – Notizen über das Aussehen und die Funktion

Für diesen ungewöhnlichen Feuerlöscher haben die Gestalter der Räume von Daimler Contemporary viel Zeit und Nerven investiert, entspricht er doch ganz und gar nicht den Vorschriften und Gewohnheiten. Doch für sie war es sehr wichtig, dass ein gewöhnlicher Feuerlöscher mit seiner roten Farbe die weiß gehaltenen Ausstellungsräume ästhetisch nicht zerstört. Oder war es ein wenig sportlicher Ehrgeiz, an diesem ungewöhnlichen Ort alles ungewöhnlich zu gestalten?

Denn die Ausstellungsräume in Berliner Huth-Haus am Potsdamer Platz entsprechen ganz und gar nicht dem Image von Gesamt-Daimler. Mit Hauptsitz in Stuttgart. Dort – Feuerlöscherseit Jahrzehnten gereifte Technik und konservatives Design, hier – moderne, abstrakte Kunst. Dort – die Preisgestaltung für das s.g. Prämium-Segment, hier – kostenloser Eintritt. Dort die ganz nach TÜV und DIN massenhaft produzierten roten Feuerlöscher, hier – Einzelanfertigung des weißen Feuerlöscher.

Welche Ziele verfolgt die Daimler-Stiftung mit diesem Ort, die wohl eine spezielle SUBKULTUR präsentiert, die der Gesamtkultur des Konzerns so offenkundig widerspricht? Ist das der Versuch des „Aufpolierens“ des konservativen Images? Doch wozu? Immerhin schafft der Konzern gerade mit dieser Reputation eine gute Marktposition weltweit und – nebenbei – die Mittel für Einkauf der Kunstwerke. Es ist außerdem ganz fraglich, ob eine solche Anpassung des Images möglich ist oder mit diesem „Unbeholfensein“ das eigentliche Image des Konzerns unterstreicht.

Soweit der kulturwissenschaftliche Diskurs über Organisationskulturen und Subkulturen. Und was den weißen Feuerlöscher angeht, wird er vermutlich – trotz seines so ungewöhnlichen Aussehens, seine eigentliche Funktion erfüllen. Und uns daran erinnern, dass auch verschieden aussehende und in verschiedenen Arten und Weisen wirkende Menschen ihre Aufgaben schaffen. Anders als „wir“, und das ist gut so!

Seasonal Greetings, Betriebsruhe und Happy New Year

tannenbaum-bellevue-grossDas Aufstellen des Weihnachtsbaums vor dem Sitz des Präsidenten – dem Schloss Bellevue – macht es „amtlich“: Weihnachten ist schon wieder vor der Tür und der allgemein verspürte Stress hat mit Ende des Geschäftsjahres auch etwas zu tun.

Und nun das: das Erwähnen von „Weihnachten“ im Schriftverkehr mit dem Kunden und Mitarbeitern zum Ende des Jahres sollte vermieden werden. Nur für den Fall, dass Ihr Geschäftspartner Jude, Muslim, Buddhist oder – um Gottes Willen! – Atheist ist. Für den Fall, dass Ihr Mitarbeiter auch von Weihnachten nicht „Betroffener“ ist oder doch Christ, der keinen gewünschten Urlaub für die Zeit um die Weihnachten bekommen hat.
Alternativen? Die Universität Potsdam, an der ich unterrichte, hat für die Weihnachtszeit die Sprachformel „Betriebsruhe“ gewählt – religiös neutral und eindeutig positiv besetzt. Ein international tätiges Unternehmen, das mit mir und meinen Studierenden ein Lernprojekt durchführt, wählte die Formel „Seasonal Greetings“ – englischsprachig, kulturneutral und dazu noch „kundenfokussiert“: „Wir grüßen Sie und wünschen Ihnen alles Liebe, und der Jahreswechsel ist nur ein Anlass dazu“. Ich selbst bekam schon Mitte November eine Karte mit „Happy New Year“, die das gleichnamige Lied von ABBA vorführt und grundsätzlich für die Glückseligkeit sorgt, es sei denn, bis Ende des Jahres gibt es noch eine To-Do-Liste aus tausenden von Punkten und die eigene Weihnachtspost hängt hinterher. Also auch hier – Timing ist alles, Wording ist vieles, Greetings sind immer gut.

Viel Erfolg auf der Zielgerade des Jahres 2016! Hier sind noch einige Tipps für Geschäftsgeschenke im internationalen Kontext – zwar ein wenig zu spät, aber die nächsten Weihnachten kommen bestimmt bald wieder …

Lost in Globalization, Found in Diversity – Das Buch ist da!

cover-bildWas haben die Megatrends Globalisierung und Digitalisierung gemeinsam? Richtig: es geht um die Menschen, die diese Veränderungen treiben aber auch mittragen (müssen/dürfen). Unter der Annahme, dass diese Entwicklungen nicht zu stoppen seien, werden in der Broschüre die Wege skizziert, wie diese Veränderungen  für die Organisationen und Firmen und für jeden „Akteur“ gemeistert werden können, ganz nach dem Motto „Mach aus der Zitrone Limonade“ (D. Carnegie).

Die gedruckte und gebundene Version kann hier bestellt werden (Kosten 10 Euro)

Die elektronische Version kann unter der Adresse: info[at]interkulturell.eu bestellt werden (Kosten 5 Euro).

 

Viel Freude beim Lesen!  Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Feedback als Antwort auf diesen Post.

„Berlin – Stadt der Frauen“- Bilder einer Ausstellung

 Das Bild Nummer eins: die ausschliessliche Mehrheit der Besucherinnen dieser Ausstellung im Berliner Ephraim Palais sind Frauen. (Liebe männliche Leser dieses Blogs: lassen Sie diesen Artikel nicht zum Text „Von Frau zur Frau“ verkommen und bleiben Sie bitte beim Lesen!)

 

Das Bild Nummer zwei: Das Korsett. Es nimmt eine zentrale Rolle als Exponat ein und dient auch als Symbol der Ausstellung, z.B. in den Denkzetteln der Kuratorinnen (?), worum es bei den insgesamt 20 Frauenbiographien geht: um das Recht zur Selbstbestimmung, zur Bildung, zur Berufswahlfreiheit usw.

Dabei werden einige der Protagonistinnen zwar ein Korsett getragen, aber sich dennoch von den Zwängen ihrer Zeit nicht einschnüren gelassen hatten. So zum Beispiel Hedwig Dohm, die Großmutter von Katia Mann, die zwar kein Korsett getragen und sehr gute Ausbildung genossen hat, aber ihrem „schwierigen“ und sehr erfolgreichen Mann emotional unterworfen bzw. in der Ehe für Erziehung der sechs Kinder allein verantwortlich war.

korset

Ist ein Korsett also doch nur ein Symbol? Wäre dann auch nicht das Kopftuch nur ein Symbol, das zwar hierzulande für die Frauenunterwerfung steht, aber in jedem einzelnen Fall doch was anderes bedeuten kann. Und wird es nicht wie jedes Symbol überbewertet bzw. gern stereotypisch ausgelegt? Wie zu kurze Kleider an den Körpern und zu hohe Pumps an den Füßen der russischen und chinesischen Frauen sie als Verhandlungspartnerinnen unterschätzen lässt und zur suboptimalen Ergebnissen führt, wenn nicht zum Abbruch der Business-Beziehung überhaupt.

Und was nützt der elegante graue Hosenanzug den deutschen oder amerikanischen Frauen, die immer noch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen? Mit einer Ausnahme – lesbische Frauen scheinen laut Statistiken mehr zu verdienen als ihre heterosexuelle „Schwestern“: http://www.economist.com/news/finance-and-economics/21692938-lesbians-tend-earn-more-heterosexual-women-girl-power. Leider steht im Artikel nichts über die Gründe dieses Phänomens, doch die Frage stellt sich: vielleicht sind es nicht mal die Busen als Symbol der Schwäche des anderen Geschlechtes, sondern eventuell die innere Haltung der jeweiligen Dame, die bessere oder eben schlechtere Arbeitsverträge aushandelt?

Und diese Haltung lässt sich nicht an Symbolen ausmachen. Und auch nicht durch die Symbolpolitik verändern, die sich selbst als solche ab und zu verrät. Wie kann es denn sonst sein, dass das Podium von mehreren Diversity-Konferenzen nur von Männern besetzt sind, und das vom politischen Verein „Charta der Vielfalt“ (das Team allesamt Frauen) organisiert?

Fragen über Fragen und doch ein Fazit zum Schluss: lassen wir uns nicht von Symbolen, Ritualen und hübschen Glanzbroschüren verblenden, schauen wir auf das Wesentliche! Gern zur Ausstellung: http://www.stadtmuseum.de/ausstellungen/berlin-stadt-der-frauen gehen, aber sich nicht nur über die „furchtbare“ Vergangenheit und „Die da in den anderen Ländern“ aufregen, sondern lieber das Heute und Hier kritisch betrachten. Frauen wie Männer!

Nachschlag von März 2017: Abgeordnete von Jordanien und Marokko im Deutschen Bundestag:

Dat is och Berlin!

Abgeordnete aus Jordanien und Marroko im deutschen Bundestag

Ingenieure, Soziologen und berufskulturelle Überlegungen

enginners of jihad source amazon„Die Ingenieure des Jihad“ (Engeneers of Jihad) heißt das Buch des britischen Soziologen Diego Gambetta und des Politologen Steffen Hertog. Schon der Titel verschlägt einem den Atem, und die quantitativen Erkenntnisse darin – umso mehr. Wenn auch nicht alle Terroristen einen Hochschulabschluss haben (z.B. die Täter der Attentate auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris haben nicht mal einen Schulabschluss), überwiegt unter den Hochschulabsolventen die Anzahl der Ingenieure: „Von 207 muslimischen Radikalen aus den muslimischen Ländern, deren Beruf bekannt ist, haben 93 (oder 44.9%) Ingenieurwesen studiert, im Vergleich zu 11,6% des Anteils der Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung. Von 71 muslimischen Radikalen, die aus dem Westen kommen und deren Hochschulbildung bekannt ist, haben 32 (45%) einen Ingenieur-Titel im Vergleich zu 16,2% des Anteils der Ingenieure unter den in Westen vergebenen Hochschulabschlüssen“ (unsere Übersetzung).

Die Autoren des Buches geben auch eine weitere interessante Statistik kund, die nachweist, dass zumindest für die arabische Welt die Aussage „Arbeitslosigkeit führt zum Radikalismus und Terrorismus“ widerlegt: von 497 Militanten in der muslimischen Welt haben 46,5% einen Hochschulabschluss – im Vergleich zur entsprechenden Quote für die Gesamtbevölkerung von 25,2%. Speziell für Ingenieure bedeutet das für die Autoren, dass nicht die soziale Situation als solche, sondern die Diskrepanz zwischen der eigenen hohen Erwartung und der ernüchternden Realität ihrer sozialen Situation zur Radikalisierung in diesem Feld führt.

Doch im Blog für kulturelle Fragen beschäftigt uns sicherlich in erster Linie die Frage nach der Berufskultur. Hat Hillary Clinton die Ingenieure am Beispiel von Mursi des linearen Denkens bezichtigt (http://www.interkulturell.eu/2014/unsere-antwort-an-hilary-clinton/), vermuten die Autoren des o.g. Buches, dass Denken in Formeln und nicht das ständige Hinterfragen des Vorgegebenen (wie in ihren Studienfächern) die Menschen leichter radikalisieren lässt. Klingt plausibel, zumindest für die Soziologen, doch für Ingenieure – eher beleidigend. In diesem „Kulturkonflikt“ gibt es ja kaum Zwischengänger, die beide Denkweisen miteinander vergleichen könnten, wie es sie hingegen zwischen den Ingenieuren und BWLern oder zwischen den Soziologen und Politologen gibt.

An eine Ausnahme muss ich dabei unwillkürlich denken: der Guru des Interkulturellen Managements Geert Hofstede wird für seine „mechanische und oberflächliche“ Ländervergleiche von „Kollegen“ heftig kritisiert. Und er muss das Geheimnis seiner professionellen Herkunft hüten. Denn bevor er seine Doktorarbeit in der Soziologie schrieb, wurde er als Schiffbau-Ingenieur ausgebildet. Damit wird es klarer, warum er es sich zum Ziel gesetzt hat die Kulturdimensionen so zu formulieren, dass der quantitative objektive Vergleich möglich wurde (www.geerthofestede.nl) – im Vergleich zu den qualitativen Kulturdimensionen seines Vorgängers, dem US-amerikanischen Soziologen und Anthropologen Edward T. Hall (www.edwardthall.com). Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum seine Kulturdimensionen – bei aller berechtigten wissenschaftlichen Kritik – so gut in der Praxis funktionieren, von den Praktikern (nicht nur Ingenieuren, sondern auch Medizinern, Managern und Juristen) angenommen und verwendet werden, und tatsächlich zur besseren Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedenster Herkunft führt.

Doch auch für den hier vermuteten Kulturkonflikt zwischen dem Objekt des Buches und den Subjekten der Autoren hilft: die „Kulturelle Brille“ wenn nicht ablegen, dann aber wahrzunehmen, einander kennenzulernen, sich von verschiedenen Perspektiven nicht abschrecken zu lassen, sondern von ihnen zu profitieren.

Foto: Princeton University Press