Interkulturelle Kommunikation: Was passiert, wenn Muttersprachler und Fremdsprachler mit einander reden?

und sechs gute Nachrichten dazu finden Sie im Lernvideo (Länge 7 Minuten) von Irina Slot und Mira Menez.

Aus dem Museum von Joan Miro in Palma

Skript zum Video:

Guten Tag,

heute wollen wir Ihnen zeigen, was passiert, wenn zwei Menschen in einer Sprache reden, die für einen von ihnen – Muttersprache ist, und für den anderen – nicht.

Sie hören zum Beispiel, dass ich Deutsch mit einem Akzent spreche. Das heißt, in dieser Situation bin ich Fremdsprachler, aber auch Sie müssen und wollen als Fremdsprachler agieren. Deswegen hoffe ich, dass mein Wissen und meine Erfahrung dazu hilfreich sein werden und dass es sich für Sie lohnt, mir zuzuhören, wobei dies – wie bei jedem Akzent – eine gewisse Überwindung kostet.

Nein, nein, ich unterstelle Ihnen nichts! Den zusätzlichen Aufwand hat das Gehirn vom Muttersprachler ganz objektiv, er wurde von der russisschen Neurophysikerin Nina Bechtereva in Form von elektrischen Strömen richtig gemessen! Also muss der Muttersprachler praktisch Satz für Satz eine Abweichung vom sozusagen perfekten Satz in diesen perfekten Satz ÜBERSETZEN.

Und das kostet Energie. Je größer die Abweichung (z.B. durch Akzent, nicht korrekten Satzbau oder einer unpassenden Vokabel), desto höher der Energieaufwand. Aber – und das ist die gute Nachricht – die Abweichungen in der Sprache von ihrem Gegenüber – durch ihre oder seine Muttersprache verursacht – wiederholen sich. Irgendwann GEWÖHNT man sich daran. Auf der neuronalen Ebene heißt es dann: Ihr Gehirn hat die ursprüglich überraschende Information in einen Faden, eine Bahn übersetzt. Und das ist übrigens genau das, was in einem Lernprozess passiert: die bereits bestehenden Verbindungen (altes Wissen) werden um die neuen Verbindungen (neues Wissen) erweitert und verwoben. Und das ist die zweite gute Nachricht für den Muttersprachler: das anstrengende Zuhören übt ihr Gehirn in Lernfähigkeiten oder mit den Worten vom schweizerischen Wissenschaftler Luc Ciompi seine Elastizität und kognitive Fähigkeiten.

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INTERDISZIPLINARITÄT UND INTERKULTURALITÄT: HERBST-UPDATE VON IRINA SLOT

Wir melden uns aus der Sommerpause zurück!

Sommerpause ist fast für alle vorbei!

Nur Meng Meng kann sich weiter im Grünen entspannen, wobei wir auch im Sommer aktiv und produktiv waren. Hier finden Sie einige Beiträge bei Partnern:

Blog von Faircoach:

„Ein Team von jungen Wissenschaftlern aus unterschiedlichsten Ländern startet ein Forschungsprojekt. Der Projektleiter ist entzückt: „Das ist die neue Generation, die grenzenlos ausgebildet ist. Alle sprechen Englisch, alle sind vernetzt. Das ist ja ganz anders als in meinen jungen Jahren, in denen jeder sich an seinen „nationalen Labortisch“ geklammert hat“.

Doch schon bei der ersten Deadline zerfällt das Team in die „Chinesen, die immer zusammen hocken“, die „Franzosen, die immer nur ‘rumdiskutieren“, die „Deutschen, die endlose Präsentationen zeigen“ und die „Polen, die nie Termine halten“.

Was ist passiert? Lesen Sie hier mehr dazu:

Webinar vom VDI Verein Deutscher Ingenieure VDI e.V.

Internationales Projektmanagement (leider nur für VDI-Mitglieder zugänglich, und zwar hier:)

Rotary-Magazin (für alle zugänglich!)

Migranten besser verstehen – ein Workshop für Ärzte, fnden Sie hier

Wie ein Programm, das im Hintergrund läuft – finden Sie hier

In Arbeit:

Made-in-Germany: Blick von Außen

Берлин зовёт!

Berlin ist immer eine Reise wert! Das gilt nicht nur für die Deutsche und Westeuropäer, das gilt und viel mehr für die Osteuropäer und vor allem für die russische Menschen. Es gibt vielfältige historische und kulturelle – weitgehend positive – Assoziationen seitens Russen an die alte und neue Deutsche Hauptstadt. Die aktuelle Rolle von Berlin als Drehscheibe zwischen dem westlichen und östlichen Europa macht ihn für die russische Businessleute zusätzlich attraktiv. Berlin ist von Russland aus leicht zu erreichen – zahlreiche direkte Flüge und ein Nachtzug aus Moskau. Berlin bittet viel. Berlin ist großstädtisch und modern aber auch grün und überschaubar. Auf Russisch gibt es Ausdruck „Klassno!“ – über etwas, was Klasse hat. Diesen Ausdruck ist leicht zu merken und ist dann auch oft zu hören – wenn Sie ihre russischen Geschäftspartner in Berlin empfangen.
Damit spreche ich übrigens nicht nur die in Berlin ansässigen Firmen an. Die Erfahrung von vielen Vertriebsleuten, dass die wichtige und komplizierte Verhandlungen, knifflige Aussprachen am besten auf einem „neutralen“ Boden laufen. An einem Ort, wo keiner von Partnern ansässig ist, fühlen sich beide Seiten „gleich“ gestellt, erkunden gemeinsam diese spannende Stadt und machen gemeinsam abenteuerlichen Erfahrungen. Das verbindet!


Also – ab nach Berlin! Aber wie? Wie soll das Programm gestaltet werden, wo sollten die Gäste untergebracht werden, wo sollten die Verhandlungen laufen?


Auch hier gilt – alles möglichst individuell und persönlich gestalten! Versuchen Sie im Vorfeld Vorlieben Ihrer Geschäftspartner herauszufinden, was war für sie wichtig, positiv oder abstoßend auf ihrer letzten Reise nach Paris oder London. Vielleicht waren sie mal schon neulich in Berlin? Oder –die über fünfzigjährigen – waren noch zur Sowjetzeiten in Ostberlin? Wenn Sie keine Anhaltspunkte finden, dann gilt generell Folgendes:
Im ehemaligen Westberlin hausen und arbeiten, im ehemaligen Ostberlin essen und Spaß haben.


Ein Hotel soll dann nicht nur der Übernachtung dienen, es soll zu einem Standort für ihre Gäste in Berlin werden. Es empfiehlt sich dann auch in deren Besprechungsräumen Meetings zu platzieren: kurze Wege und „Zuhause sein-Gefühl“ ihrer Gäste. An dieser Stelle etwas Theorie des interkulturellen Managements. Die vierte der fünf Kultur-Dimensionen von Professor Hofstede heißt: „Unsicherheitsvermeidung“. Den russischen Menschen werden relativ hohe Werte für diese Kulturdimension zugeordnet. Das heißt, dass die russischen Menschen sich in den für sie neuen unbekannten Situationen sich besonders unkomfortabel fühlen, wenn auch dann diese Unsicherheit zu überspielen versuchen. In diesem Zusammenhang möchte ich von meiner Erfahrung berichten, dass die russische Geschäftsleute selten, fast nie „ihr“ Hotel wechseln: Jahre, ja Jahrzehnte lang werden sie in das gleiche Hotel fahren, egal, ob dieses Hotel ihrem Status nicht mehr entspricht oder ob die – wie in Berlin der Fall ist – das wachsende Hotelangebot viel attraktivere Alternativen anbietet. Einer von solchen Lieblingsplätzen „komme was wolle“ ist zum Beispiel das Hotel „Steigenberger“ in Berlin West. Das Hotel hat sich in der letzten Zeit erfolgreich aufgeputzt, die Hotelhalle und die Zimmer können sich sehen lassen, hat aber für den Gastgeber ein großes Problem mit oft wechselnden Veranstaltungsmanagern. Das erschwert eine reibungslose Zusammenarbeit, besonders im Falle einer russischen Delegation, wo sich die Wünsche und Pläne Öfteren mal ändern. Lassen Sie ihre russische Gäste doch mal Concorde Berlin versuchen: das relativ neue Haus ebenfalls in der Kurfürstendammnähe ist größer, schicker, moderner und …ist betont französisch. Vergessen Sie nicht, auch Russen sind große Frankophile: sie werden gern im „Louvre“ tagen und im „Saint Germain“ speisen. Vorteil für Sie als Organisator: der Concorde-Team ist vom Ehrgeiz überfüllt, ihr Haus an die Spitze zu bringen und lesen ihnen alle Wünsche von der Lippen ab. Ebenfalls nah am Kurfürstendamm liegend, perfekt im Service, aber privat geführt ist – und das ist mein Geheimtipp für die russischen Geschäftspartner – das Hotel „Savoy“ in der Fasanenstraße. Unschlagbar ist sein Frühstücksbuffet. Dieser verspricht immer ein erfolgreiches Business-Frühstück zum Beispiel weil Sie zwischen drei verschiedenen Räumlichkeit wählen können: ein klassischer und stillvoller Vorderraum, ein gediegener Raum zum Garten hin und im Sommer der Garten selbst. Ein „Nachteil“ von „Savoy“: moderate Preise, so dass Sie dort den höheren russischen Manager oder die s.g. Neureichen nicht unterbringen können. Sollten aber ihre Geschäftsgäste planen, über das Wochenende mit Familien in Berlin zu bleiben, werden sie Ihnen dankbar sein, so schick und preiswert ihr Aufenthalt in Berlin zu gestaltet.


Alle diese Hotels in Berlin-West haben gemein: die Nähe zum KaDeWe. Machen Sie sich nicht lustig über kauffreudige Russen: zum Einen ist es immer noch ein Nachholbedarf, zum Anderen liegen die Preise in Berlin etwas um die Hälfte im Vergleich zu den Preisen in Moskau. Alle ihre Geschäftsfreunde werden Geschenke nach Hause bringen „müssen“, und zwar an viel breiteren Kreis von Freunden und Verwandten, als Sie es beim Verreisen tut müssen. Wenn überhaupt. Also helfen Sie Ihren Gästen dezent, aber effektiv: planen Sie genug Zeit für Shopping ein, stellen Sie einen Begleitdolmetscher zur Verfügung, legen Sie ein Lunch in die 6.Etage von KaDeWe. Diese (Zeit) Investitionen werden sich schnell und nachhaltig amortisieren!


Sollte Ihre Gäste dem höchsten Rang des russischen Managements angehören und ihre Einkaufswünsche auch in Moskau, London und Paris problemlos decken können, dann ist die Empfehlung klar: „Adlon“ am Brandenburger Tor. Das ist übrigens das Hotel, wo meiner Erfahrung nach, organisatorisch gesehen alles möglich ist. Die kurzfristigste Veränderungen werden umgesetzt, ohne mit einem Wimpern zu zupfen und ohne eine Spur sich verhetz zu zeigen. Das Foyer von Adlon können Sie als Treffpunkt im Ostberlin in jeden Falle einplanen: Ihre russische Partner werden die klassische, etwas pompöse Umgebung und eine gehobene Geschäftigkeit mögen.


Somit sind wir im Osten von Berlin angelangt. Hier liegen meine Empfehlungen für Kulturprogramm, wenn es um allgemeine und „totsichere“ Tipps gehen soll. „Friedrichstadtpalast“ ist beliebt bei den älteren Herrschaften, die jüngeren Russen sind immer wieder positiv überrascht, wie toll die ehemalige „DDR- Kulturanstalt“ sich präsentiert. Der Ballet unter den Linden wird nach Rekonstruktion und Rückkehr in den Osten der Stadt wieder zwei Vorteile bieten: das ist quasi Bolschoj Theater in Moskau aber eben quasi, also nicht so bombastisch und von der tänzerischen Leistung zwar gut im europäischen Vergleich, aber doch etwas schwächer als Ballet in Russland. Das „Blue Man“ Show am Potsdamer Platz geht ebenfalls ohne Sprache, aber nur für jüngere russische Gäste. Denken Sie daran, dass Potsdam für einen Abendausflug zu einem Konzert und Abendessen geeignet ist und „dank“ der Potsdamer Konferenz bei Russen bekannt und positiv belegt ist.


Kulinarisch gesehen empfiehlt sich alles …außer russischer Küche. Ihre Gäste werden Deutsch und Bayrisch essen wollen, gern japanisch, gern international, aber grundsätzlich lieber schicker und reichhaltiger. Neben dem besagten Lunch bei KaDeWe empfehle ich für Lunch den „Käfer“ im Reichstag: schlechter Service wird kompensiert durch phänomenale Aussichten von der Restaurantterasse, die Reservierung eines Tisches dort bedeutet außerdem die Möglichkeit, die Schlange zur Kuppelbesichtigung umzugehen. Abendessen ist bei Borchert „in den guten Händen“. Im vergangenen – auch im Moskau sehr heißen Sommer -hat sich immer mehr ein Speisen „open-air“ durchgesetzt, sie können auch auf diesen Trend im Sommer ruhig setzten. Ein Treffen im Winter sollte auf Adventzeit gelegt werden, um die Einkäufer mit einem kulinarischen Genuss auf einem Weihnachtsmarkt zu verbinden. Auch hier gilt: Im Zweifelsfall lieber klassisch und gediegen als schräg und hip. „Totsicher“ ist ein gemeinsamer Abend auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt. (s. auch Juni-Ausgabe diesen Blogs „Kleine Geschenke mit großer Wirkung“).
Mein Vorsatz, die Blog-Texte kurz zu halten wird diesmal nicht umzusetzen sein. Und dabei konnte ich nur sehr allgemeine Tipps für ein gelungenes Treffen mit den russischen Geschäftspartner in Berlin zusammenstellen. Wenn Sie Ihr Programm individueller gestalten wollen, was auch empfehlenswert ist, sprechen Sie uns an. In ein bis zwei Stunden werden wir Ihnen ganz konkrete Vorschläge machen können, die zu dem Anlass des Treffens, zum Saison in Berlin und vor allem zu den Menschen, die Sie ganz persönlich empfangen wollen und für sich und Ihr Unternehmen „für immer gewinnen“ wollen, am besten passen.

So nah, so fern…

Ein Vorteil, keine Sommerpause zu machen, ist beobachten zu können, wie andere diese gestalten. So lassen sich aus den Ankündigungen dieser zwei benachbarten Geschäfte in Berlin Schönberg recht klare kulturelle Unterschiede erklären. Ist das eine Sommerpause von dem Tag bis zum dem Tag? Oder ist das eine Sommerpause „bis Mitte August“, die neben dem ersteren Tableau wie ein „Bis dann irgendwann“ klingt?

Lang lebe Edward Hall, der mit seiner Kulturdimension monochrone versus polychrone Kulturen so viele Phänomene aus dem interkulturellen Alltag erklären lässt. Im ersten Fall beeinflusst die Kultur ihre „Träger“ in der Weise, dass sie auf einer Zeitachse denken, somit die Zeit diktiert auch Prioritäten. Im zweiten Falle ist die Zeit „nur“ ein Messinstrument des Lebens, aber keine Dominante, die das Leben bestimmt und z.B. Pünktlichkeit mit Werten wie Respekt oder Verlässlichkeit (siehe Kultureisberge) verbindet.

Es ist ebenfalls ein Beispiel dafür, dass auch die gut integrierten Migranten, was die Betreiber des griechischen Einzelhandels wirklich sind, ihre kulturelle Prägung, die sie mit der „Muttermilch“ bekommen haben, im Erwachsenenalter nicht ablegen können. Können/Sollen/Müssen? Es wäre schon ganz praktisch zu wissen, ab wann ich wieder wunderbare Oliven und das ganz besondere Olivenöl wieder konsumieren kann, andererseits geht davon die Welt auch nicht unter…

Mit polychronen Sommergrüßen,

Irina Slot

P.S. Wie die Zeitorientierung den medizinischen Arbeitsalltag beeinflüsst, sehen Sie hier;

P.P.S. Auch im letzten Jahr haben wir uns mit SommerZEIT beschäftigt

Renaissance von Bauhaus

Bauhaus in Dessau /ikww

Eigentlich ist eine Renaissance vom Bauhaus nicht nötig, denn es war nie tot. Auch wenn seine Protagonisten, z.B. der Gründer Walter Gropius, aus dem Nazi-Deutschland fliehen oder wie Franz Ehrlich ihrem KZ mit der Bauhaus-Schrift „Jedem das seine“ entwerfen mussten, blühte das Bauhaus in der Westküste der USA (wie das Haus von Thomas Mann, entworfen von Julius Ralph Davidson) oder in der neuerbauten weißen Stadt von Tel-Aviv (s. Foto)

Bauhaus in Tel Aviv https://commons.wikimedia.org

Doch das Bauhaus ist ja nicht nur Stil in der Architektur und Design, sondern – und bei seiner Entstehung im Wesentlichen – die Art des Lernens. Und zwar in der Verquickung von Theorie und Praxis und in der radikalen Interdisziplinarität. Die zukünftigen Architekten mussten nicht nur fein entwerfen, sondern auch selbst bauen können. Und außerdem, bevor sie sich in die Architektur und Baukunst vertiefen „durften“, mussten sie bis zu zwei Jahre mit allen anderen Studierenden vom Bauhaus für sie fremde Fächer wie Musik oder Astronomie lernen. Die graphische Darstellung eines Curriculums zeigt außerdem, dass die erste, interdisziplinäre, Zeit als Peripherie, ja als Zugang zum Kern – dem Fachspezifischen bildet.

All das mussten zukünftige Architekten lernen, Museum Bauhaus Dessau

Und klar, so ausgebildete Spezialisten konnten nicht nur ihre Inspiration von anderen Fächern bekommen, sondern auch mit anderen Spezialisten besser arbeiten. Und vielleicht ist genau das die Erfolgsformel des Bauhauses. Und vielleicht ist es genau das, was wir vom Bauhaus lernen müssen, können, sollen. Das tuen wir auch, z.B. unter dem coolen Etikett von Design Thinking. Da ist das Anderssein (z.B. in der sozialen und kulturellen oder eben professionellen Prägung) weder ein Problem, noch ein nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. Und die dazugehörigen Konflikte nicht ein Killer-Kriterium, sondern eine willkommene Herausforderung, ein Lernprozess, der zur Innovation führt, von David Stark scharfsinnig „The sense of dissonance“ gennant.

 

Workshop im Bauhaus Archiv im Rahmen des Innovationsmanagement-Kurses von Uni Potsdam mit Irina Slot

Aber das auch können wir von Bauhaus lernen: die interkulturellen und interdisziplinären Spannungen wollen gemanagt werden, damit sie nicht zum Konflikt oder Krieg ausufern, sondern in ihrem produktiven Modus bleiben. Und diese Spielregeln der Kommunikation und Kooperation waren in Bauhaus ganz klar und ziemlich fest. Und um das zu erfahren und um daraus zu lernen, empfiehlt sich eine „Pilgerfahrt“ nach Dessau, zum zweiten Standort vom Bauhaus als Schule und nun einem spannenden Museum. Um auch die unglaubliche Vitalität und Lebendigkeit von Bauhaus als Stil und vielleicht sogar Lebensstil zu erleben.

 

Turm von Babel, Esperanto und Euro-Englisch

Vor genau 130 Jahren wurde – auf Russisch – eine neue Sprache proklamiert, die eine universelle sein sollte. Und da der Autor, der polnische Augenarzt jüdischer Herkunft Ludwik Leiser Zamenhof, das Buch unter dem Titel Dr.  Esperanto veröffentlichte und, wie ich denke, viele Wörter dieser Sprache aus dem Lateinischen entnommen sind und romanisch klingen, wurde die Sprache im Folgenden Esperanto genannt.

Dabei handelte es sich nicht um den ersten und nicht um den letzten Versuch, eine länderübergreifende Sprache zu etablieren. Abgesehen von Latein als Lingua Franca im christlichen Europa, können wir auf die Geschichte aus der alttestamentarischen Bibel zurückblicken. Da sprachen alle Menschen dieselbe Sprache, die ihnen zur Vereinigung der Kräfte beim Bau eines himmelhohen Turms diente. Was – laut Bibel – Gott nicht gefiel. Das Trennungsmechanismus Gottes hat funktioniert: Er „schenkte“ den Menschen 70 verschiedene Sprachen, die zum Chaos in der Kommunikation und zum Ende des gemeinsamen Projektes führte.

Sprachgeschichtlich könnte die Geschichte sogar im Groben stimmen, denn beim Übergang vom Tier zum Menschen kommunizierten unsere Vorfahren tatsächlich in einer gemeinsamen Sprache, nämlich nonverbal. Es gibt zwar zahlreiche Anekdoten über Missverständnisse in der Gestik, doch die Mimik, insbesondere die s.g. Mikro-Mimik ist bei allen Völkern gleich und wird sogar bei blindgeborenen Babys festgestellt (die ersten Beobachtungen und Thesen von Charles Darwin wurden von Paul Ekman vertieft und bestätigt).

Also trennt uns die Sprache mehr als sie uns vereint? Ja und nein. Innerhalb einer Kultur vereint uns die Sprache. Bestimmte Code-Wörter geben uns ein sicheres Zeichen über Zugehörigkeit zu einem Volk, einer sozialen Gruppe, ja, einer Berufsgruppe des Gegenübers. Die Aussprache und auch solche Code-Wörter „verraten“ uns auch, wenn wir nicht zu der anderen Gruppe gehören. Ein „Nö?“ am Ende des Satzes wird sächsische Wurzeln signalisieren, ein „Grundsätzlich Ja, aber“ auf einen Juristen hindeuten, ein übermäßiger Gebrauch von „Wir“ verrät, dass die Person aus einer kollektivistischen Kultur, z.B. der Russischen, stammt, und ein „Isch schwöre, Alter!“ – aus dem multikulturellen bzw. „asozialen“ Kiez. Und so weiter und so fort. So funktioniert die In-Group- und Out-Group-Bildung durch die Sprache.

Und das ist vermutlich auch der Grund, warum im XX Jahrhundert das Esperanto keine Chance hatte: die nationale und kulturelle Trennung und das damit verbundene – bewusste und unbewusste – „Andocken“ in der jeweiligen nationalen Sprache machte die Verbreitung einer „staatenlosen“ Sprache unmöglich. Im Widerstand gegen die aktuelle Ausbreitung des Englischen als der neuen Lingua Franca tauchen ebenfalls kulturkritische Argumente auf. Außerdem hat dieses Englisch leider mit richtigen Englisch wenig zu tun und wird oft in seiner vereinfachten, rein funktionalen Form genutzt: Basic-Englisch oder Euro-Englisch. Doch die alte Legende vom Babelturm und der wiederkehrenden Versuche, eine gemeinsame Sprache für alle Menschen der Erde zu finden, zeigen sowohl die Gründe als auch die Lösung des Problems auf. Und ganz im Gegenteil bzw. Spiegelgleich zum Hofstedischen „Lokal denken, global handeln“, können wir in einem mehr oder minder guten Englisch Gedanken und Ideen über die Grenzen hinweg teilen und die Lösungen für globale Probleme konzipieren. Und dann doch gleichzeitig und vielleicht umso mehr die sprachlichen kulturellen Wurzeln in den Landessprachen pflegen und für die Umsetzung von Visionen – im Lokalen, Alltäglichen, Konkretem – nutzen.

Foto: Das erste Lehrbuch für Esperanto, erschienen auf Russisch in Warschau im Jahre 1887. Quelle: Wikipedia Commons

Ton macht die Musik und Kontext – die interkulturelle Kommunikation

 Auszug aus meinem Aritkel Balint- Zeitschrift (Thieme-Verlag 2014) zum Thema Kontextorientierung in interkulturellen Kommunikation

Ein Klassiker von Edward Hall ist die Kulturdimension, die sich unmittelbar auf die verbale Kommunikation bezieht: low context vs. high context orientation. Je nach dem Land ihrer Sozialisierung neigen die Menschen zu einer eher direkten Kommunikation, in der Dinge beim Namen genannt werden und der „Sender“ möglichst alle Informationen zum Ausdruck bringt oder, auf der anderen Seite der „Scala“, zu einer indirekten Kommunikation, in der im eigentlich Gesagten implizit weitere Botschaften gesendet werden und unbewusst davon ausgegangen wird, dass der Empfänger die Dekodierung der vom Sender geäußerten Botschaft beherrscht. Ein extremes Beispiel dafür gab mir ein russischstämmiger Psychiater in einem interkulturellen Workshop für ausländische Ärzte: Die Phrase auf Russisch „Irgendwie wird es kälter“ bedeutet nicht mangelhafte Heizung oder kaltes Wetter, sondern eine Einladung zum Umtrunk. Ein Außenstehender hat keine Chance, diesen Code, der sich aus der allen Russen bekannten Fortsetzung eines Volksreims ergibt, richtig zu interpretieren. Doch im medizinischen Alltag gibt es viel mehr versteckte Botschaften, die vom Arzt dekodiert wer- den müssen, weil sie für die Diagnose und die Behandlung eben notwendig sind. Besonders in der Konstellation deutscher Arzt – ausländischer Patient sind Missverständnisse zu erwarten, wird doch die deutsche Kommunikationskultur von Hall und seinen Nachfolgern als eine der direktesten in der Welt eingeschätzt.

 

Übung zur Kulturdimension Kontextorientierung im Workshop von Irina Slot für die Pflegekräfte der Charité

Was tun? Ganz einfach – Nachfragen! Immer, wenn der Arzt das Gefühl hat, in umschreibenden, unklaren Aussagen zu versinken, immer wenn die Übersetzung nicht klar ist (wenn der Dolmetscher lediglich die Sprachen beherrscht und nicht das kulturrelevante Übersetzen), immer wenn seine Fragen ausweichend oder gar nicht beantwortet werden – Nachfragen! Hier darf keine falsche Höflichkeit eine Rolle spielen – ein Arzt braucht seine Informationen und wenn er aus einer anderen Kultur kommt und die Codes der Kultur der Patienten nicht kennt, muss er eben nachfragen. Nebenbei wird dadurch dem Dolmetscher bzw. dem Patienten signalisiert, dass sie sich in dieser Situation klarer ausdrucken sollten. Das Risiko, der Arzt wird als „penetranter Langweiler“ in Verruf geraten, muss hingenommen werden, am Ende geht es um das Wohl des Patienten. Und wenn die kontextbeladenen Ausführungen zu lang werden? – mit Nachfrage unterbrechen. Denn den Sprechenden zu unterbrechen ist nicht in allen Kulturen Tabu, wie im Folgenden dargelegt wird <…>

Mehr Information zur Lernformaten der IKWW (inhouse oder öffentlich) speziell für Mediziner, Pflegekräfte und Medizinmanager der Krankenhäuser finden Sie hier.

Beispiel des kompakten interaktiven Vortrages mit Diskussion finden Sie hier.

Happy New (Chinese) Year!

Und hier ist unser Geschenk für Sie: Aufnahme der Erklärung zum Zwei-Eisberg-Modell von Irina Slot (ca. 15 min.)

Mit Dank an Mira Menez (Aufnahme und Bearbeitung) und Prof. Nelke (Einladung und Genehmigung).

 

Was haben Medizin und Musik mit interkultureller Kompetenz zu tun?

Der Interkulturalität in Medizin und Musik widmete sich Berlinkij Salon am 8. März 2017

Meine Gäste und ich hatten dem Mediziner Zaher Halwani viel musikalischen Genuss (arabische Musik, Debussy und Bach) zu verdanken. Interessante Einblicke in die fast medizinische Geschichte des Entstehens der letzten Werke von Debussy und ungeahnte Wege von orientalischen Melodien über Spanien und Italien zu DEM europäischen Komponisten Joachan Sebastian Bach haben seine Kollegen (unter den Gästen hatten wir sowohl Ärzte als auch Musiker) überzeugt und fasziniert. Diese fachübergreifende Betrachtung bestätigte sehr anschaulich die These von der innovativen Kraft der kognitiven Vielfalt. Aber auch ich mit meinem Fach Interkulturelle Kompetenz kam „auf meine Kosten“: denn die Ausführungen von Zaher zur arabischen Tonleiter, die nicht nur halb- (wie in der europäischen „Harmonie“), sondern auch Vierteltöne beinhält, korrespondiert wunderbar mit der Theorie von Edward Hall über die „Zwischentöne“ in der Kommunikation von einigen Kulturen, z.B. arabischen oder russischen (mehr dazu lesen Sie hier).

Und als zum Tee die russische Süßspeise türkischer Herkunft Halwa serviert wurde, kam es zu noch einer Überraschung: Der Name meines Gastes Halwani beinhält genau dieses „Halwa“ als das arabische Wort für das „Süße“ und bedeutet direkt übersetzt „Süßmacher“!

Über ein Lernformat von Dr. Zaher Halwani und Irina Slot, der von Ärztekammer als Weiterbildung von der Ärztekammer Berlin anerkannt ist, lesen Sie hier .

Über unsere gemeinsame Veranstaltung für Rotarische Ärzte lesen Sie hier.