Sommerzeit ist nicht gleich summer time! Notizen zur Semantik und zur Kultur

DALI-Ausstellung in Florenz_2000

Am Tag danach, nach der Zeitumstellung zur Sommerzeit, werden die Uhren umgestellt, die sich nicht automatisch umgestellt haben. Bei dieser fast meditativen Tätigkeit kommen die Gedanken über die Hilflosigkeit einzelner Person gegenüber der Verwaltung, die einmal etwas beschlossen hat und davon nicht abrückt, egal wie viele Studien es bestätigt haben: Die Umstellung auf Winter- und dann zur Sommerzeit bringt keine Energieeinsparung und bedeuten nur Komfortverlust bei der Umstellung der „Bio-Uhr“.

Doch wir wollen hier nicht meckern, sondern unseren Horizont erweitern. Diese Assoziationen mit dem Wort „Sommerzeit“, nicht die direkte Bedeutung, sondern das Bedeutungskonzept, macht es unmöglich, das Wort Sommerzeit direkt in die summer time zu übersetzten, steht doch die letztere für die berühmte Melodie von George Gershwin von seiner Oper „Porgy and Bess“. Und genau das lehrt uns die Semantik und genau das macht die Übersetzungsarbeit so kompliziert und so spannend.

Und wenn wir beim Wort ZEIT verweilen möchten, das bei der Sommerzeit doch etwas anderes bedeutet als bei summer time, so kommen wir unausweichlich zur Phrase „Die Zeit ist relativ“, die absolut mit dem Namen Albert Einstein verbunden ist.

Diese relative Zeit, die sich „dehnen“ oder komprimieren kann, findet sich auch in Kulturwissenschaften. Die Kulturdimension von Edward Hall monochrone vs. polychrone Kulturen beschreibt den Unterschied zwischen der „absoluten“, monochronen Zeitrechnung, wo die Zeit die Prioritäten diktiert („Eins nach dem anderen!“) oder eher relative Zeitrechnung, wo mehrere Zeitachsen (polychron) existieren. Konkret bedeutet dieser Kulturunterschied die Einstellung zur Pünktlichkeit. Es ist nicht so, dass die Menschen, die in monochronen Kulturen sozialisiert sind, immer pünktlich sind, sondern wie groß das Drama von selbst unpünktlich sein oder auf jemanden zu warten, ist. Und überhaupt: „Wie spät ist spät?“ Ab wann wird eine SMS geschrieben, dass jemand sich verspätet, ab wann wird die Verspätung als Respektlosigkeit interpretiert, ab wann wird es dann ZU SPÄT?

Oh, es ist spät geworden! Lesen Sie mehr über die kulturellen Aspekten der Zeit und ihrer Auswirkung in dem medizinischen Alltag – natürlich wenn Sie Zeit haben! – hier: Zeit im medizinischen Alltag

Have a good time! Schöne Zeit noch! Irina Slot

Was haben Medizin und Musik mit interkultureller Kompetenz zu tun?

Der Interkulturalität in Medizin und Musik widmete sich Berlinkij Salon am 8. März 2017

Meine Gäste und ich hatten dem Mediziner Zaher Halwani viel musikalischen Genuss (arabische Musik, Debussy und Bach) zu verdanken. Interessante Einblicke in die fast medizinische Geschichte des Entstehens der letzten Werke von Debussy und ungeahnte Wege von orientalischen Melodien über Spanien und Italien zu DEM europäischen Komponisten Joachan Sebastian Bach haben seine Kollegen (unter den Gästen hatten wir sowohl Ärzte als auch Musiker) überzeugt und fasziniert. Diese fachübergreifende Betrachtung bestätigte sehr anschaulich die These von der innovativen Kraft der kognitiven Vielfalt. Aber auch ich mit meinem Fach Interkulturelle Kompetenz kam „auf meine Kosten“: denn die Ausführungen von Zaher zur arabischen Tonleiter, die nicht nur halb- (wie in der europäischen „Harmonie“), sondern auch Vierteltöne beinhält, korrespondiert wunderbar mit der Theorie von Edward Hall über die „Zwischentöne“ in der Kommunikation von einigen Kulturen, z.B. arabischen oder russischen (mehr dazu lesen Sie hier).

Und als zum Tee die russische Süßspeise türkischer Herkunft Halwa serviert wurde, kam es zu noch einer Überraschung: Der Name meines Gastes Halwani beinhält genau dieses „Halwa“ als das arabische Wort für das „Süße“ und bedeutet direkt übersetzt „Süßmacher“!

Über ein Lernformat von Dr. Zaher Halwani und Irina Slot, der von Ärztekammer als Weiterbildung von der Ärztekammer Berlin anerkannt ist, lesen Sie hier .

Über unsere gemeinsame Veranstaltung für Rotarische Ärzte lesen Sie hier. 

Steve Jobs, Rosa Luxemburg und Kostja Zetkin: Kalenderblatt mit roten Rosen

Der internationale Frauentag naht. Bald wird die SPD auf den Straßen und in Supermärkten rote Rosen verteilen. Das ist einerseits ein Zeichen der Frauengleichberechtigung in der Partei (z.B. sind die Reden- und Diskussionsbeiträge so reglementiert, dass Frauen immer zum Wort kommen. Und dass Angela Merkel schon wieder einen männlichen Widersacher hat, hat nicht mit fehlender Kraft sondern mit fehlendem Interesse von Hannelore Kraft zu tun).

Die roten Rosen zum 8. März sollen auch an zwei moderne und zutiefst emanzipierte SPD-Grandes-Dames Klara Zetkin und Rosa Luxemburg erinnern, die auch privat weit vor ihrer Zeit waren: Klara Zetkin führte lebenslange wilde Ehe mit Ossip Zetkin, Rosa Luxemburg – eine mehrjährige Liebesbeziehung mit dem 14 Jahre jüngeren Kostja Zetkin, dem Sohn der älteren Freundin und Mitstreiterin Klara.

Die rote Rose als Symbol für den 8.März passt aber nicht so recht zur Bedeutung des 8. März hierzulande. Denn nicht die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung forderte Hildegard Knef in ihrem Lied „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, sondern „alles oder nichts“! Und klar, stehen rote Rosen für leidenschaftliche Liebe und erhabene Verehrung (Hier bewusst KEIN Link zur Telenovela im ARD „Rote Rosen“!). Und tatsächlich ist der internationale Frauentag in sehr vielen Ländern der Tag der Frau, der Liebe und der Verehrung zu ihr. Mehr dazu finden Sie hier.

Doch wie so oft lassen Symbole nicht nur eine oder zwei Interpretationen zu: verbindet doch manch einer aus Silicon Valley rote Rosen mit Steve Jobs. Seine minimalistisch eingerichtete Arbeits- und Lebensräume sind legendär (und können in jedem Apple-Store nachempfunden werden), doch sein Leben lang hatte er immer an all seinen Schreibtischen eine Schnittblume stehen. Eine rote Rose.

Ein ungewöhnlicher Feuerlöscher – Notizen über das Aussehen und die Funktion

Für diesen ungewöhnlichen Feuerlöscher haben die Gestalter der Räume von Daimler Contemporary viel Zeit und Nerven investiert, entspricht er doch ganz und gar nicht den Vorschriften und Gewohnheiten. Doch für sie war es sehr wichtig, dass ein gewöhnlicher Feuerlöscher mit seiner roten Farbe die weiß gehaltenen Ausstellungsräume ästhetisch nicht zerstört. Oder war es ein wenig sportlicher Ehrgeiz, an diesem ungewöhnlichen Ort alles ungewöhnlich zu gestalten?

Denn die Ausstellungsräume in Berliner Huth-Haus am Potsdamer Platz entsprechen ganz und gar nicht dem Image von Gesamt-Daimler. Mit Hauptsitz in Stuttgart. Dort – Feuerlöscherseit Jahrzehnten gereifte Technik und konservatives Design, hier – moderne, abstrakte Kunst. Dort – die Preisgestaltung für das s.g. Prämium-Segment, hier – kostenloser Eintritt. Dort die ganz nach TÜV und DIN massenhaft produzierten roten Feuerlöscher, hier – Einzelanfertigung des weißen Feuerlöscher.

Welche Ziele verfolgt die Daimler-Stiftung mit diesem Ort, die wohl eine spezielle SUBKULTUR präsentiert, die der Gesamtkultur des Konzerns so offenkundig widerspricht? Ist das der Versuch des „Aufpolierens“ des konservativen Images? Doch wozu? Immerhin schafft der Konzern gerade mit dieser Reputation eine gute Marktposition weltweit und – nebenbei – die Mittel für Einkauf der Kunstwerke. Es ist außerdem ganz fraglich, ob eine solche Anpassung des Images möglich ist oder mit diesem „Unbeholfensein“ das eigentliche Image des Konzerns unterstreicht.

Soweit der kulturwissenschaftliche Diskurs über Organisationskulturen und Subkulturen. Und was den weißen Feuerlöscher angeht, wird er vermutlich – trotz seines so ungewöhnlichen Aussehens, seine eigentliche Funktion erfüllen. Und uns daran erinnern, dass auch verschieden aussehende und in verschiedenen Arten und Weisen wirkende Menschen ihre Aufgaben schaffen. Anders als „wir“, und das ist gut so!

Ole! Fragen über harmlose Werbung und positive Autostereotype

Ist das noch witzige multi-kulti-Werbung oder schon beleidigende Karikatur?

Pikant: die netteste Figur gibt  „Ssaftladenpanierin“ her, und das auf der Packung einer spanischen Firma, fotografiert im Lebensmittelgeschäft in Spanien.

In der Tat, das Wort „Stereotype“ bedeutet nichts Negatives, es wird im Deutschen aber negativ konnoniert. Wird Vorurteil positiv gemeint, gehört sich der Zusatz „Positiver Stereotype“.

Und dann gibt es noch in der Fachsprache des interkulturellen Managements „Autostereotype“, die Urteile oder vorgefertigte Meinung in Bezug auf eigene Kultur. Diese sind in der Regel positiver als die „einfache“ Stereotype. Und das ist kein besonderer Deutsche Phänomen und keine Besonderheit der Deutschen Sprache.

Ole again!

Heute im Blog: Herbstliche Grüße mit Blumen von Liebermann und Hofstede

wp_20160910_12_16_23_proGestern habe ich mich vom Sommer im Sommerhaus des Malers Max Lieberman in Berlin Wannsee verabschiedet. Das Haus ist bekannt für seinen Garten, den der Künstler selbst angelegt und in unzähligen Bildern verewigt hat.

Das Bild des spätsommerlichen Blumenbeets (s. Foto) erinnerte mich an den Artikel meines Lehrers und Mentors Geert Hofstede „Multilevel Research of Human Systems: Flowers, Bouquets and Gardens“. Es geht um verschiedene Ebenen der „Menschlichen Wissenschaften“ Psychologie, Anthropologie und Soziologie. Und jawohl, ein wenig um Rechtfertigung seines Ansatzes, das kulturelle Programmieren durch das Land und die Familie, wo ein Individuum aufgewachsen ist, zu untersuchttp://www.geerthofstede.nl/prehistory-of-culturehen und um sein Appell, diesen Einfluss nicht zu vernachlässigen – egal wie weit die geografischen und biografischen Bewegungen in der globalisierten Welt ausgeprägt sind. Der Vergleich des Ökosystems des Gartens (Kultur des Landes) und seinen Einflusses auf die Blume (Individuum) leuchtet auch umgekehrt ein: Die einzelnen und so unterschiedlichen Blumen machen gemeinsam den Garten aus. Jede von ihnen einzeln betrachtet oder im Strauß gebunden (Organisationskultur) lässt nicht sofort ahnen, aus welchem Garten sie stammt, doch ein Teil von ihr ist durch den Boden, die Luft und die anderen Blumen in Blumenbeet bestimmt und durch sie nachhaltig „programmiert“.
Dementsprechend sollte nicht der kulturelle Einsatz den individuellen Einsatz und umgekehrt ausschliessen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Wie im Garten von Lieberman an einem schönen Spätsommer-Samstag.

Jetzt im Blog: „The Sense of Dissonance“ _ Generationskulturen, Berufskulturen und Innovation

Die interkulturellen Konflikte verlaufen nicht nur entlang der „Gräben“ der Herkunft. Auch verschiedene Berufskulturen weisen klassische Attribute der kulturellen Ausgrenzung vor. Z.B. in der Sprache: „Fachchinesisch“ wird negativ konnotiert, auch als ein Instrument der Abgrenzung von anderen Berufen und Trägern anderer Ausbildungen (und klingt übrigens beleidigend für Menschen mit chinesischen Wurzeln). Anderes Beispiel: Stereotype. Mit dem „linearen Denken eines Ingenieurs“ begründete damals als Außenministerin der USA Hillary Clinton das Versagen des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Pikanterweise vor einem Publikum, in dem sich sehr wahrscheinlich viele Ingenieure befanden – bei der öffentlichen Vorstellung ihres letzen Buches in Berlin. Hätte Hillary Clinton einen Ingenieur in ihrem Team gehabt wäre ihr ein solcher Fauxpas nicht passiert, der im Übrigen die Stereotype von abgehobener Politikelite bestätigt.

Auch verschiedene Generationen reiben sich aneinander. Wer arbeitet besser, die Alten oder die Jungen? „Die Jungen laufen schneller, aber die Älteren kennen die Abkürzung“, pflegte Ursula von den Leyen zu sagen, als sie noch Arbeitsministerin war. Klingt smart und sympathisch, wurde auch immer gut vom Publikum angenommen, in dem nur wenige Vertreter der Y-Generation zu sehen waren. Diese machen sich wiederum lustig über diese ewig jungen, agilen und allgegenwärtigen Alten: „Sie können echt nicht loslassen! Und warum müssen sie immer anwesend sein, um ihren wertvollen Beitrag zu leisten?“ Doch auch diese unterschiedlichen Denkweisen sind zu „managen“, indem die Führungskraft – unabhängig vom eigenen Alter – alle Akteure wertschätzend miteinander vernetzt und ihre Zusammenarbeit moderiert. Die eigentliche Kunst besteht gerade darin, die kulturell bedingten Spannungen als etwas ganz natürliches anzusehen und daraus eine neue Form des Zusammenwirkens entstehen zu lassen – über alle Silos und Gräben hinweg.

Der amerikanische Soziologe David Stark (beschreibt in seinem Buch „The sense of dissonance“ seine Untersuchungen von Innovationen, die zu einem wirtschaftlichen Erfolg geführt haben. Eines der Untersuchungsobjekte sind Computerspiele, und zwar seit ihrer Entstehung vor 30 Jahren. Er legt den Fokus seiner Studie auf die Autorenteams und kommt zu dem Ergebnis, dass neue und erfolgreiche Produkte dann – und nur dann – entstanden sind, wenn die Teammitglieder verschiedene kognitive Schwerpunkte hatten. Er geht noch weiter und stellt auch die qualitative Verbindung zwischen der kognitiven Diversität und der Innovation her: je größer die kulturelle Distanz zwischen den Teammitgliedern, z.B. durch verschiedene Studienfächer ist, umso höher ist die Spannung im Team, und umso höher ist die Innovation.

Das würde bedeuten, dass die Harmonie im Team nicht nur nicht erforderlich ist, sondern sogar kontraproduktiv sein kann. Eine historische und umfangreiche Untersuchung der monetären Fehler in der Stadtverwaltung von New York City bringt Stark ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sie immer dann entstanden sind, wenn ausschließlich eine Herkunft oder nur ein Geschlecht mit der Aufgabe betraut war. Noch bevor Diversity ein Modebegriff wurde, hat sich deswegen die Stadtverwaltung von New York City in den 80ern entschieden, die Controller-Teams sowohl in Bezug auf ihre Herkunft als auch in Bezug auf ihr Geschlecht „bunt“ zu besetzen. Der Autor der Studie sieht darin seine These bestätigt: eine gewisse Spannung ist Garant für ein produktives Arbeiten. Und wie diese produktive Spannung für Innovation produktiv zu nutzen ist, lesen Sie in der Broschüre von Irina Slot „Thesen zur Globalisierung“ Anfragen unter: info<at>interkulturell.eu). (Anfragen unter: info<at>interkulturell.eu).

Foto: Prof. Stark „The Sense of Dissonance“, Princeton University Press, 2011The Sense of Dissonance

„Berlin – Stadt der Frauen“- Bilder einer Ausstellung

 Das Bild Nummer eins: die ausschliessliche Mehrheit der Besucherinnen dieser Ausstellung im Berliner Ephraim Palais sind Frauen. (Liebe männliche Leser dieses Blogs: lassen Sie diesen Artikel nicht zum Text „Von Frau zur Frau“ verkommen und bleiben Sie bitte beim Lesen!)

 

Das Bild Nummer zwei: Das Korsett. Es nimmt eine zentrale Rolle als Exponat ein und dient auch als Symbol der Ausstellung, z.B. in den Denkzetteln der Kuratorinnen (?), worum es bei den insgesamt 20 Frauenbiographien geht: um das Recht zur Selbstbestimmung, zur Bildung, zur Berufswahlfreiheit usw.

Dabei werden einige der Protagonistinnen zwar ein Korsett getragen, aber sich dennoch von den Zwängen ihrer Zeit nicht einschnüren gelassen hatten. So zum Beispiel Hedwig Dohm, die Großmutter von Katia Mann, die zwar kein Korsett getragen und sehr gute Ausbildung genossen hat, aber ihrem „schwierigen“ und sehr erfolgreichen Mann emotional unterworfen bzw. in der Ehe für Erziehung der sechs Kinder allein verantwortlich war.

korset

Ist ein Korsett also doch nur ein Symbol? Wäre dann auch nicht das Kopftuch nur ein Symbol, das zwar hierzulande für die Frauenunterwerfung steht, aber in jedem einzelnen Fall doch was anderes bedeuten kann. Und wird es nicht wie jedes Symbol überbewertet bzw. gern stereotypisch ausgelegt? Wie zu kurze Kleider an den Körpern und zu hohe Pumps an den Füßen der russischen und chinesischen Frauen sie als Verhandlungspartnerinnen unterschätzen lässt und zur suboptimalen Ergebnissen führt, wenn nicht zum Abbruch der Business-Beziehung überhaupt.

Und was nützt der elegante graue Hosenanzug den deutschen oder amerikanischen Frauen, die immer noch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen? Mit einer Ausnahme – lesbische Frauen scheinen laut Statistiken mehr zu verdienen als ihre heterosexuelle „Schwestern“: http://www.economist.com/news/finance-and-economics/21692938-lesbians-tend-earn-more-heterosexual-women-girl-power. Leider steht im Artikel nichts über die Gründe dieses Phänomens, doch die Frage stellt sich: vielleicht sind es nicht mal die Busen als Symbol der Schwäche des anderen Geschlechtes, sondern eventuell die innere Haltung der jeweiligen Dame, die bessere oder eben schlechtere Arbeitsverträge aushandelt?

Und diese Haltung lässt sich nicht an Symbolen ausmachen. Und auch nicht durch die Symbolpolitik verändern, die sich selbst als solche ab und zu verrät. Wie kann es denn sonst sein, dass das Podium von mehreren Diversity-Konferenzen nur von Männern besetzt sind, und das vom politischen Verein „Charta der Vielfalt“ (das Team allesamt Frauen) organisiert?

Fragen über Fragen und doch ein Fazit zum Schluss: lassen wir uns nicht von Symbolen, Ritualen und hübschen Glanzbroschüren verblenden, schauen wir auf das Wesentliche! Gern zur Ausstellung: http://www.stadtmuseum.de/ausstellungen/berlin-stadt-der-frauen gehen, aber sich nicht nur über die „furchtbare“ Vergangenheit und „Die da in den anderen Ländern“ aufregen, sondern lieber das Heute und Hier kritisch betrachten. Frauen wie Männer!

Nachschlag von März 2017: Abgeordnete von Jordanien und Marokko im Deutschen Bundestag:

Dat is och Berlin!

Abgeordnete aus Jordanien und Marroko im deutschen Bundestag

Bye-bye Little Great Britain…

Little Britain Episode One by BBC
„Little Britain“, BBC

 

Everybody in Europe is talking about Brexit, including us, but I hope to add something new to the discussion outside of the common responses such as “how awful!“, “what a pity!“, or just “foolish Brits!”

Some months (a few televised debates and one politically-motivated murder) ago, two participants in my “cultural-conflicts” workshop decided to research the issue of Brexit. One participant came from Great Britain, and the other came from Greece. Using the Cultural Onion Model of G. Hofstede Jr. and the System of Cultural Dimensions by G. Hofstede Sr. and E. Hall, the pair cross-analyzed cultural dimensions between Great Britain and other EU countries and reached two conclusions.

The first conclusion is quite trivial and predictable: there is no “united European culture” comparable to other distinct cultures of countries. The second conclusion came as a shock to them and others in the group—including myself as a lecturer. From an emotional, cultural (and not from rational) perspective, Great Britain must leave the EU. The cultural dimensions of Great Britain differ greatly from all other 27 countries and cultures within the EU in nearly every cultural dimension as of the latest measurement in 2010 (www.geerthofstede.eu).

This discovery made waiting for the results of the vote on June 23rd more sufferable: either the Brits vote to stay in the EU, or not. The first potential outcome of the final vote would make me happy as a European;  the second potential outcome would make me glad as an expert in intercultural interaction. And it did.

So, what now? Here, Hofstede’s System of Cultural Dimensions, which had proven successful in resolving many cultural conflicts, is even useful as an instrument of prediction? And with an eye on the current dialogue in Edinburg and London, a significant paradox is possible: the desire to make Great Britain “great again” could ultimately diminish it. And that could make the BBC comedy series, Little Britain, even funnier and also profound: http://www.bbc.co.uk/programmes/b006q2zd.

I recommend the show to everybody at any given time, but especially for the next two years of the painful divorcing process.

So long, very dear, (and somewhat little) Great Britain!

P.S. For German speaking audiences – there is a pretty good translation: http://www.einsfestival.de/programmplan.jsp?StartDatum=2016-06-23

Photo: http://www.bbc.co.uk/programmes/b0074d8v

 

Ingenieure, Soziologen und berufskulturelle Überlegungen

enginners of jihad source amazon„Die Ingenieure des Jihad“ (Engeneers of Jihad) heißt das Buch des britischen Soziologen Diego Gambetta und des Politologen Steffen Hertog. Schon der Titel verschlägt einem den Atem, und die quantitativen Erkenntnisse darin – umso mehr. Wenn auch nicht alle Terroristen einen Hochschulabschluss haben (z.B. die Täter der Attentate auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris haben nicht mal einen Schulabschluss), überwiegt unter den Hochschulabsolventen die Anzahl der Ingenieure: „Von 207 muslimischen Radikalen aus den muslimischen Ländern, deren Beruf bekannt ist, haben 93 (oder 44.9%) Ingenieurwesen studiert, im Vergleich zu 11,6% des Anteils der Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung. Von 71 muslimischen Radikalen, die aus dem Westen kommen und deren Hochschulbildung bekannt ist, haben 32 (45%) einen Ingenieur-Titel im Vergleich zu 16,2% des Anteils der Ingenieure unter den in Westen vergebenen Hochschulabschlüssen“ (unsere Übersetzung).

Die Autoren des Buches geben auch eine weitere interessante Statistik kund, die nachweist, dass zumindest für die arabische Welt die Aussage „Arbeitslosigkeit führt zum Radikalismus und Terrorismus“ widerlegt: von 497 Militanten in der muslimischen Welt haben 46,5% einen Hochschulabschluss – im Vergleich zur entsprechenden Quote für die Gesamtbevölkerung von 25,2%. Speziell für Ingenieure bedeutet das für die Autoren, dass nicht die soziale Situation als solche, sondern die Diskrepanz zwischen der eigenen hohen Erwartung und der ernüchternden Realität ihrer sozialen Situation zur Radikalisierung in diesem Feld führt.

Doch im Blog für kulturelle Fragen beschäftigt uns sicherlich in erster Linie die Frage nach der Berufskultur. Hat Hillary Clinton die Ingenieure am Beispiel von Mursi des linearen Denkens bezichtigt (http://www.interkulturell.eu/2014/unsere-antwort-an-hilary-clinton/), vermuten die Autoren des o.g. Buches, dass Denken in Formeln und nicht das ständige Hinterfragen des Vorgegebenen (wie in ihren Studienfächern) die Menschen leichter radikalisieren lässt. Klingt plausibel, zumindest für die Soziologen, doch für Ingenieure – eher beleidigend. In diesem „Kulturkonflikt“ gibt es ja kaum Zwischengänger, die beide Denkweisen miteinander vergleichen könnten, wie es sie hingegen zwischen den Ingenieuren und BWLern oder zwischen den Soziologen und Politologen gibt.

An eine Ausnahme muss ich dabei unwillkürlich denken: der Guru des Interkulturellen Managements Geert Hofstede wird für seine „mechanische und oberflächliche“ Ländervergleiche von „Kollegen“ heftig kritisiert. Und er muss das Geheimnis seiner professionellen Herkunft hüten. Denn bevor er seine Doktorarbeit in der Soziologie schrieb, wurde er als Schiffbau-Ingenieur ausgebildet. Damit wird es klarer, warum er es sich zum Ziel gesetzt hat die Kulturdimensionen so zu formulieren, dass der quantitative objektive Vergleich möglich wurde (www.geerthofestede.nl) – im Vergleich zu den qualitativen Kulturdimensionen seines Vorgängers, dem US-amerikanischen Soziologen und Anthropologen Edward T. Hall (www.edwardthall.com). Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum seine Kulturdimensionen – bei aller berechtigten wissenschaftlichen Kritik – so gut in der Praxis funktionieren, von den Praktikern (nicht nur Ingenieuren, sondern auch Medizinern, Managern und Juristen) angenommen und verwendet werden, und tatsächlich zur besseren Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedenster Herkunft führt.

Doch auch für den hier vermuteten Kulturkonflikt zwischen dem Objekt des Buches und den Subjekten der Autoren hilft: die „Kulturelle Brille“ wenn nicht ablegen, dann aber wahrzunehmen, einander kennenzulernen, sich von verschiedenen Perspektiven nicht abschrecken zu lassen, sondern von ihnen zu profitieren.

Foto: Princeton University Press