Garten Eden

Landesgartenschau 2019 für Berlin und Brandenburg findet gerade in in Wittstock statt. Und bietet alles, was eine Landesgartenschau so bietet: schöne Pflanzen, teurer Imbiss, Verkaufskiosks mit allem, was das Gärtnerherz begehrt (hier unter anderem ein Honecker-Sommerhut) sowie eine Rosenkönigin. Doch die wahren Gartenschätze verbergen sich in der Wittstocker-Altstadt, nämlich im sogenannten Pfarrer-Garten.

Hintergrund: Der Pfarrer der dortigen Gemeinde hat beschlossen, einen Teil seines Gartens der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und daraus einen Ort zu machen, wo Menschen – unabhängig von ihrer Konzession, also auch Atheisten – über sich, Gott und die Welt nachdenken könnten. Es ist ein Rahmen für Rückzug, Meditation und Ruhe entstanden, auf den man (Frau aus quirligem Berlin) nur neidisch sein kann. Und jedem – mit oder ohne Trubel auf der Landesgartenschau – den Besuch in dieser Oase im Ozean von Kommerz und Hektik empfiehlt.

Foto: Multi-religiöse Tafel-Reihe ermöglicht, ein Foto zu machen, ohne die Besucher im contemplativen Modus nicht zu stören…

Methodisch-didaktische Handreichung_Auszug

Kultur

Das Wort „Kultur“ stammt vom lateinischen „cultura“ (Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) und bezeichnet hiermit im weitesten Sinne alles, was von Menschen geschaffen ist und nicht von der Natur aus kommt. In der Soziologie steht Kultur für „die Weise, in welcher Menschen sich verständigen, ihre Kenntnisse über die Einstellungen zum Leben weitergeben und entwickeln. Kultur ist das Muster der Sinngebung, in dessen Rahmen Menschen ihre Erfahrungen deuten und ihr Handeln lenken“ (Clifford Geertz). Als anschauliche und pragmatische Definition der Kultur kann der Vergleich der Kultur mit einer Software des Geistes dienen, die die Menschen aus einer Gruppe, z.B. einer Nation, miteinander eint und von den Menschen einer anderer Gruppe unterscheidet (vgl. Geert Hofstede 2011).

Mit der Begründung der Komplexität der Fragestellung wird erläutert, dass im Weiteren bewusst eine Vereinfachung mithilfe unterschiedlicher Modelle vorgenommen wird. 


Zwei-Eisberg-Modell

Als erstes wird das Eisberg-Modell der Kultur nach Edward Hall (1914 – 2009) vorgestellt. Der amerikanische Anthropologe nutzte die Metapher des Eisbergs, die bereits Siegmund Freud (1856 – 1939) für einen Menschen postulierte und erweiterte sie auf eine Landeskultur. Die Wasseroberfläche trennt den kleineren sichtbaren Teil des Eisbergs einer Kultur von dem größeren (unsichtbaren) Teil. Die einzelnen Kategorien können gemeinsam mit den Teilnehmern (m/w/d) ausgearbeitet werden – dafür eignet sich besonders das Flipchart (als Beispiel dazu sehen Sie auch das gleichnamige frei verfügbare Lernvideo von Irina Slot im Vorfeld der Lehrveranstaltung).

Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sichtbaren Aspekte einer Kultur: Wie die Menschen sich begrüßen, wie sie sich kleiden, wie sie gestikulieren, was und wie sie essen. Der Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt und in seinem Volumen den oberen Teil um ein Vielfaches überwiegt, steht hier für die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denk- und Verhaltensnormen, Werte, Normen und Tabus.

Die Religion und der Glaube gehören in den unteren Teil des Eisbergs, es sei denn, die Person artikuliert ihre religiöse Prägung im Gespräch oder zeigt diese mit eindeutigen Signalen. Allerdings können diese anscheinend „eindeutigen“ Signale Außenstehende irreführen. Es gibt reichlich Beispiele dafür: ähnliche Gebetsketten können von einem muslimischen Türken aber auch christlich-orthodoxen Griechen genutzt werden, ein Kreuz-Anhänger kann Zeichen für christliche Religiosität der Person, die es trägt, stehen, kann aber auch nur Modeschmuck sein. Auch das Kopftuch (das auf der Oberfläche nur ein Stück Stoff ist) kann für besondere Religiosität seiner Trägerin stehen, aber auch für Familientradition oder als Zeichen der Rebellion gegen die Mehrheitsgesellschaft.

Die Unterscheidung zwischen den sichtbaren Aspekten einer Kultur und ihrer tieferen Bedeutung bzw. der Interpretation und Wertung des Sichtbaren durch einen Außenstehenden (vom zweiten Eisberg aus) ist wichtig, um zu verstehen, dass die sogenannten Kulturkonflikte im unteren Teil des Eisbergs stattfinden. Nicht der nicht- erwiderte Handschlag an sich ist das Problem. Im oberen, rationalen Teil des Eisbergs ist es nur Körperkontakt samt Übertragung von Bakterien. Doch seine tiefere Bedeutung (z.B. Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Respekt in der deutschen Kultur) wird bei Nicht- Erwiderung zu einer Störung führen. So wie zwei Eisberge in der Regel unter dem Wasser kollidieren, so auch finden die Kulturkonflikte „unter dem Wasser“ statt.

Somit werden auch die Lösungen für Kulturkonflikte in den Denkweisen und Normen verankert. Doch bereits an dieser Stelle sei angedeutet, dass der Bereich des kulturellen Clashs auch die Zone für das Neue, das Innovative darstellt. Die durch unterschiedliche Denkweisen entstehende Spannung – solange sie nicht zum Konflikt führt und bewusst „organisiert“ wird – kann zu produktivem Perspektivenwechsel führen und etwas Neues schaffen.

Analog zum Zwei-Eisberg-Modell der zwei Kulturen kann auch das POF-Modell visualisiert werden. POF – für Person-Organisation-Fit stehend – stammt aus dem Personalwesen und zeigt, inwiefern ein Mensch zu einer Organisation passt. (vgl. A Kristof-Brown 2002). Ursprünglich bedeutete die POF-Formel, dass die Menschen in eine Organisation aufgenommen werden sollten, die den größten gemeinsamen Nenner mit dieser Organisation haben. So würden sich weniger Störungen ergeben und so stiege die Zufriedenheit der Mitglieder der Organisation mit ihrer Tätigkeit darin. Doch neuere Erkenntnisse aus der Soziologie und insbesondere die Studien von David Stark, die wissenschaftspopulär im Buch „The Sense of Dissonance“ präsentiert sind (vgl. D. Stark 2011) zeigen, dass eine absolute Übereinstimmung von Biographien, Denkweisen und Normen nicht nur schlecht für die Innovationskraft einer solchen Organisation, sondern sogar gefährlich sei: Die Fehler werden nicht rechtzeitig erkannt, geschweige denn aus falsch verstandener Loyalität heraus artikuliert. Somit wurde das POF-Modell erweitert: Man versteht zwar unter dem „Fit“ ein gewisses Maß an Übereinstimmung in Werten und Normen von einer Person und einer Organisation (s.g. supplementary fit); gleichzeitig sollte die Denkweise der Person, welche z.B. durch eine andere kulturelle Prägung, Gender, einen anderen sozialen Status, Alter etc. entstanden, das Mind-Set der Organisation oder die Organisationskultur ergänzen (s.g. complementary fit) (vgl. Slot 2016).

Wie entstehen unterschiedliche Denkweisen in verschiedenen Kulturen? Menschen werden durch die Kultur eines Landes oder ihrer Familie meist unbewusst beeinflusst. Insbesondere Kleinkinder saugen die Kultur ihrer Eltern quasi mit der Muttermilch auf, da ihre Eltern – ebenfalls meist unbewusst – ihnen ihre kulturelle Prägung weitergeben. Dadurch erscheint uns vieles als ganz natürlich und selbstverständlich, was in Wirklichkeit das Resultat jahrhundertelanger Geschichte, Tradition und sozialer Entwicklung ist. Menschen in anderen Kulturen durchlaufen denselben Prozess, aber mit anderen Inhalten.

Besonders früh wird die Förderung von Individualität oder aber vom Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Auch durch das Verhältnis von Mutter und Vater zum Kind wird sehr früh die Prägung formuliert, die später zur unterschiedlichen Wahrnehmung von Machtdistanz führt. Durch Ge- und Verbote, Erklärungen, zusammengefasst durch Vorbilder, werden richtige Verhaltensweisen vermittelt, soziale Grenzen gesetzt. Als soziales Wesen ahmen Kleinkinder die Erwachsenen nach, wenden die gelernten Regeln schon als Kinder auch untereinander an.

Allerdings wäre es falsch, einen Menschen auf seine Kultur zu reduzieren. Auch wenn der Fokus im weiteren Verlauf des Workshops auf kulturelle Prägungen gelegt wird, bedeutet es, dass jede Person aus dieser kulturellen Gruppe einerseits ein Individuum ist, andererseits viele Eigenschaften des Menschen als solchen hat. Dies wird schematisch mit der Kulturpyramide (s. Kopiervorlage in der Anlage) dargestellt. Das „Wir“ befindet sich zwischen einem „Ich“ und einem „Wir alle, wir alle Menschen“. In jeder konkreten Situation stellt sich die Frage, was durch Persönlichkeit und Charakter verursacht ist und was in der kulturellen Prägung zu suchen sei, und das immer in der jeweiligen Lebensphase, z.B. in der Pubertät, als junge Erwachsene etc.

Ingenieure, Soziologen und berufskulturelle Überlegungen

„Die Ingenieure des Jihad“ (Engeneers of Jihad) heißt das Buch des britischen Soziologen Diego Gambetta und des Politologen Steffen Hertog. Schon der Titel verschlägt einem den Atem, und die quantitativen Erkenntnisse darin – umso mehr. Wenn auch nicht alle Terroristen einen Hochschulabschluss haben (z.B. die Täter der Attentate auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris haben nicht mal einen Schulabschluss), überwiegt unter den Hochschulabsolventen die Anzahl der Ingenieure: „Von 207 muslimischen Radikalen aus den muslimischen Ländern, deren Beruf bekannt ist, haben 93 (oder 44.9%) Ingenieurwesen studiert, im Vergleich zu 11,6% des Anteils der Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung. Von 71 muslimischen Radikalen, die aus dem Westen kommen und deren Hochschulbildung bekannt ist, haben 32 (45%) einen Ingenieur-Titel im Vergleich zu 16,2% des Anteils der Ingenieure unter den in Westen vergebenen Hochschulabschlüssen“ (unsere Übersetzung).

Die Autoren des Buches geben auch eine weitere interessante Statistik kund, die nachweist, dass zumindest für die arabische Welt die Aussage „Arbeitslosigkeit führt zum Radikalismus und Terrorismus“ widerlegt: von 497 Militanten in der muslimischen Welt haben 46,5% einen Hochschulabschluss – im Vergleich zur entsprechenden Quote für die Gesamtbevölkerung von 25,2%. Speziell für Ingenieure bedeutet das für die Autoren, dass nicht die soziale Situation als solche, sondern die Diskrepanz zwischen der eigenen hohen Erwartung und der ernüchternden Realität ihrer sozialen Situation zur Radikalisierung in diesem Feld führt.

Doch im Blog für kulturelle Fragen beschäftigt uns sicherlich in erster Linie die Frage nach der Berufskultur. Hat Hillary Clinton die Ingenieure am Beispiel von Mursi des linearen Denkens bezichtigt (http://www.interkulturell.eu/2014/unsere-antwort-an-hilary-clinton/), vermuten die Autoren des o.g. Buches, dass Denken in Formeln und nicht das ständige Hinterfragen des Vorgegebenen (wie in ihren Studienfächern) die Menschen leichter radikalisieren lässt. Klingt plausibel, zumindest für die Soziologen, doch für Ingenieure – eher beleidigend. In diesem „Kulturkonflikt“ gibt es ja kaum Zwischengänger, die beide Denkweisen miteinander vergleichen könnten, wie es sie hingegen zwischen den Ingenieuren und BWLern oder zwischen den Soziologen und Politologen gibt.

An eine Ausnahme muss ich dabei unwillkürlich denken: der Guru des Interkulturellen Managements Geert Hofstede wird für seine „mechanische und oberflächliche“ Ländervergleiche von „Kollegen“ heftig kritisiert. Und er muss das Geheimnis seiner professionellen Herkunft hüten. Denn bevor er seine Doktorarbeit in der Soziologie schrieb, wurde er als Schiffbau-Ingenieur ausgebildet. Damit wird es klarer, warum er es sich zum Ziel gesetzt hat die Kulturdimensionen so zu formulieren, dass der quantitative objektive Vergleich möglich wurde (www.geerthofestede.nl) – im Vergleich zu den qualitativen Kulturdimensionen seines Vorgängers, dem US-amerikanischen Soziologen und Anthropologen Edward T. Hall (www.edwardthall.com). Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum seine Kulturdimensionen – bei aller berechtigten wissenschaftlichen Kritik – so gut in der Praxis funktionieren, von den Praktikern (nicht nur Ingenieuren, sondern auch Medizinern, Managern und Juristen) angenommen und verwendet werden, und tatsächlich zur besseren Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedenster Herkunft führt.

Doch auch für den hier vermuteten Kulturkonflikt zwischen dem Objekt des Buches und den Subjekten der Autoren hilft: die „Kulturelle Brille“ wenn nicht ablegen, dann aber wahrzunehmen, einander kennenzulernen, sich von verschiedenen Perspektiven nicht abschrecken zu lassen, sondern von ihnen zu profitieren.