Interkulturelle Kommunikation: Was passiert, wenn Muttersprachler und Fremdsprachler mit einander reden?

und sechs gute Nachrichten dazu finden Sie im Lernvideo von Irina Slot und Mira Menez.

Aus dem Museum von Joan Miro in Palma
Skript zum Video:

Guten Tag,

heute wollen wir Ihnen zeigen, was passiert, wenn zwei Menschen in einer Sprache reden, die für einen von ihnen – Muttersprache ist, und für den anderen – nicht.

Sie hören zum Beispiel, dass ich Deutsch mit einem Akzent spreche. Das heißt, in dieser Situation bin ich Fremdsprachler, aber auch Sie müssen und wollen als Fremdsprachler agieren. Deswegen hoffe ich, dass mein Wissen und meine Erfahrung dazu hilfreich sein werden und dass es sich für Sie lohnt, mir zuzuhören, wobei dies – wie bei jedem Akzent – eine gewisse Überwindung kostet.

Nein, nein, ich unterstelle Ihnen nichts! Den zusätzlichen Aufwand hat das Gehirn vom Muttersprachler ganz objektiv, er wurde von der russisschen Neurophysikerin Nina Bechtereva in Form von elektrischen Strömen richtig gemessen! Also muss der Muttersprachler praktisch Satz für Satz eine Abweichung vom sozusagen perfekten Satz in diesen perfekten Satz ÜBERSETZEN.

Und das kostet Energie. Je größer die Abweichung (z.B. durch Akzent, nicht korrekten Satzbau oder einer unpassenden Vokabel), desto höher der Energieaufwand. Aber – und das ist die gute Nachricht – die Abweichungen in der Sprache von ihrem Gegenüber – durch ihre oder seine Muttersprache verursacht – wiederholen sich. Irgendwann GEWÖHNT man sich daran. Auf der neuronalen Ebene heißt es dann: Ihr Gehirn hat die ursprüglich überraschende Information in einen Faden, eine Bahn übersetzt. Und das ist übrigens genau das, was in einem Lernprozess passiert: die bereits bestehenden Verbindungen (altes Wissen) werden um die neuen Verbindungen (neues Wissen) erweitert und verwoben. Und das ist die zweite gute Nachricht für den Muttersprachler: das anstrengende Zuhören übt ihr Gehirn in Lernfähigkeiten oder mit den Worten vom schweizerischen Wissenschaftler Luc Ciompi seine Elastizität und kognitive Fähigkeiten.

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Happy New (Chinese) Year!

Und hier ist unser Geschenk für Sie: Aufnahme der Erklärung zum Zwei-Eisberg-Modell von Irina Slot (ca. 15 min.)

Mit Dank an Mira Menez (Aufnahme und Bearbeitung) und Prof. Nelke (Einladung und Genehmigung).

 

Wirtschaft wird mit WIR geschrieben

 

Zugegeben, aus dem aktuellen Anlass der krampfhaften Regierungsbildung beginne ich meine Überlegungen zum Wort WIR mit dem Zitat von Franz Müntefering aus dem Jahre 2014: „Opposition ist Mist. Lasst das die Anderen machen – Wir wollen regieren!“

Spannend finde ich in diesem Spruch vor allem die „Opposition“ von WIR und DEN ANDEREN. Doch das hat mit Franz Müntefering nicht zu tun, auch nicht mit dem Politischen oder gar Kulturellem. Linguistische Forschung zeigt, dass diese „Dichotomie“ zwischen WIR und SIE in allen Sprachen und Kulturen vorkommt, sie scheint also universell zu sein. Das kann damit zu tun haben, dass sich die Menschen als soziales Wesen in Gruppen organisieren müssen/ wollen/dürfen und die Wörter WIR und SIE für Ingroup und Outgroup stehen. Ein WIR braucht für die eigene Definition ein IHR und umgekehrt.

Und genau das gilt auch für Wirtschaftsgeschehen: Es gibt eben ein Team und viele Menschen außerhalb dieses Teams; die „Mitgliedschaft“ in diesem Team kann durch Benennung durch den Chef postuliert werden, doch in der Arbeitskommunikation wird das WIR aus dem Munde der Teammitglieder das WIR wahrscheinlich auf die Teammitglieder beziehen (und hoffentlich nicht auf ein „Subteam“ darin). Es gibt ein großes Unterschied, ob jemand über sein/ihr Unternehmen sagt „Wir sind aufgekauft worden“ oder „Die haben den Deal gemacht“. Auch der Konkurrenzkampf „Wirtschaft wird mit WIR geschrieben“ weiterlesen

Turm von Babel, Esperanto und Euro-Englisch

Vor genau 130 Jahren wurde – auf Russisch – eine neue Sprache proklamiert, die eine universelle sein sollte. Und da der Autor, der polnische Augenarzt jüdischer Herkunft Ludwik Leiser Zamenhof, das Buch unter dem Titel Dr.  Esperanto veröffentlichte und, wie ich denke, viele Wörter dieser Sprache aus dem Lateinischen entnommen sind und romanisch klingen, wurde die Sprache im Folgenden Esperanto genannt.

Dabei handelte es sich nicht um den ersten und nicht um den letzten Versuch, eine länderübergreifende Sprache zu etablieren. Abgesehen von Latein als Lingua Franca im christlichen Europa, können wir auf die Geschichte aus der alttestamentarischen Bibel zurückblicken. Da sprachen alle Menschen dieselbe Sprache, die ihnen zur Vereinigung der Kräfte beim Bau eines himmelhohen Turms diente. Was – laut Bibel – Gott nicht gefiel. Das Trennungsmechanismus Gottes hat funktioniert: Er „schenkte“ den Menschen 70 verschiedene Sprachen, die zum Chaos in der Kommunikation und zum Ende des gemeinsamen Projektes führte.

Sprachgeschichtlich könnte die Geschichte sogar im Groben stimmen, denn beim Übergang vom Tier zum Menschen kommunizierten unsere Vorfahren tatsächlich in einer gemeinsamen Sprache, nämlich nonverbal. Es gibt zwar zahlreiche Anekdoten über Missverständnisse in der Gestik, doch die Mimik, insbesondere die s.g. Mikro-Mimik ist bei allen Völkern gleich und wird sogar bei blindgeborenen Babys festgestellt (die ersten Beobachtungen und Thesen von Charles Darwin wurden von Paul Ekman vertieft und bestätigt).

Also trennt uns die Sprache mehr als sie uns vereint? Ja und nein. Innerhalb einer Kultur vereint uns die Sprache. Bestimmte Code-Wörter geben uns ein sicheres Zeichen über Zugehörigkeit zu einem Volk, einer sozialen Gruppe, ja, einer Berufsgruppe des Gegenübers. Die Aussprache und auch solche Code-Wörter „verraten“ uns auch, wenn wir nicht zu der anderen Gruppe gehören. Ein „Nö?“ am Ende des Satzes wird sächsische Wurzeln signalisieren, ein „Grundsätzlich Ja, aber“ auf einen Juristen hindeuten, ein übermäßiger Gebrauch von „Wir“ verrät, dass die Person aus einer kollektivistischen Kultur, z.B. der Russischen, stammt, und ein „Isch schwöre, Alter!“ – aus dem multikulturellen bzw. „asozialen“ Kiez. Und so weiter und so fort. So funktioniert die In-Group- und Out-Group-Bildung durch die Sprache.

Und das ist vermutlich auch der Grund, warum im XX Jahrhundert das Esperanto keine Chance hatte: die nationale und kulturelle Trennung und das damit verbundene – bewusste und unbewusste – „Andocken“ in der jeweiligen nationalen Sprache machte die Verbreitung einer „staatenlosen“ Sprache unmöglich. Im Widerstand gegen die aktuelle Ausbreitung des Englischen als der neuen Lingua Franca tauchen ebenfalls kulturkritische Argumente auf. Außerdem hat dieses Englisch leider mit richtigen Englisch wenig zu tun und wird oft in seiner vereinfachten, rein funktionalen Form genutzt: Basic-Englisch oder Euro-Englisch. Doch die alte Legende vom Babelturm und der wiederkehrenden Versuche, eine gemeinsame Sprache für alle Menschen der Erde zu finden, zeigen sowohl die Gründe als auch die Lösung des Problems auf. Und ganz im Gegenteil bzw. Spiegelgleich zum Hofstedischen „Lokal denken, global handeln“, können wir in einem mehr oder minder guten Englisch Gedanken und Ideen über die Grenzen hinweg teilen und die Lösungen für globale Probleme konzipieren. Und dann doch gleichzeitig und vielleicht umso mehr die sprachlichen kulturellen Wurzeln in den Landessprachen pflegen und für die Umsetzung von Visionen – im Lokalen, Alltäglichen, Konkretem – nutzen.

Foto: Das erste Lehrbuch für Esperanto, erschienen auf Russisch in Warschau im Jahre 1887. Quelle: Wikipedia Commons

Renaissance von Bauhaus

Bauhaus in Dessau /ikww

Eigentlich ist eine Renaissance vom Bauhaus nicht nötig, denn es war nie tot. Auch wenn seine Protagonisten, z.B. der Gründer Walter Gropius, aus dem Nazi-Deutschland fliehen oder wie Franz Ehrlich ihrem KZ mit der Bauhaus-Schrift „Jedem das seine“ entwerfen mussten, blühte das Bauhaus in der Westküste der USA (wie das Haus von Thomas Mann, entworfen von Julius Ralph Davidson) oder in der neuerbauten weißen Stadt von Tel-Aviv (s. Foto)

Bauhaus in Tel Aviv https://commons.wikimedia.org

Doch das Bauhaus ist ja nicht nur Stil in der Architektur und Design, sondern – und bei seiner Entstehung im Wesentlichen – die Art des Lernens. Und zwar in der Verquickung von Theorie und Praxis und in der radikalen Interdisziplinarität. Die zukünftigen Architekten mussten nicht nur fein entwerfen, sondern auch selbst bauen können. Und außerdem, bevor sie sich in die Architektur und Baukunst vertiefen „durften“, mussten sie bis zu zwei Jahre mit allen anderen Studierenden vom Bauhaus für sie fremde Fächer wie Musik oder Astronomie lernen. Die graphische Darstellung eines Curriculums zeigt außerdem, dass die erste, interdisziplinäre, Zeit als Peripherie, ja als Zugang zum Kern – dem Fachspezifischen bildet.

All das mussten zukünftige Architekten lernen, Museum Bauhaus Dessau

Und klar, so ausgebildete Spezialisten konnten nicht nur ihre Inspiration von anderen Fächern bekommen, sondern auch mit anderen Spezialisten besser arbeiten. Und vielleicht ist genau das die Erfolgsformel des Bauhauses. Und vielleicht ist es genau das, was wir vom Bauhaus lernen müssen, können, sollen. Das tuen wir auch, z.B. unter dem coolen Etikett von Design Thinking. Da ist das Anderssein (z.B. in der sozialen und kulturellen oder eben professionellen Prägung) weder ein Problem, noch ein nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. Und die dazugehörigen Konflikte nicht ein Killer-Kriterium, sondern eine willkommene Herausforderung, ein Lernprozess, der zur Innovation führt, von David Stark scharfsinnig „The sense of dissonance“ gennant.

 

Workshop im Bauhaus Archiv im Rahmen des Innovationsmanagement-Kurses von Uni Potsdam mit Irina Slot

Aber das auch können wir von Bauhaus lernen: die interkulturellen und interdisziplinären Spannungen wollen gemanagt werden, damit sie nicht zum Konflikt oder Krieg ausufern, sondern in ihrem produktiven Modus bleiben. Und diese Spielregeln der Kommunikation und Kooperation waren in Bauhaus ganz klar und ziemlich fest. Und um das zu erfahren und um daraus zu lernen, empfiehlt sich eine „Pilgerfahrt“ nach Dessau, zum zweiten Standort vom Bauhaus als Schule und nun einem spannenden Museum. Um auch die unglaubliche Vitalität und Lebendigkeit von Bauhaus als Stil und vielleicht sogar Lebensstil zu erleben.

 

Organisationskultur und Change Management

Kannte Kurt Lewin die Arbeiten von Edward Hall?

Es ist nicht unwahrscheinlich, lebte und lehrte doch der deutsch-polnische Wissenschaftler nach 1933 in den USA.  Jedoch bezog sich sein drei-Phasen-Modell damals auf gesellschaftliche Veränderungen generell und wurde später für Change Management Prozesse von Unternehmen und OrganisationHU Berlin - Kurt Levins Arbeitsstätte bis 1933en angewandt. Auch das Eisberg-Modell von Edward Hall bezog sich damals nicht auf Organisationskulturen, sondern auf die Herkunftskulturen.


Doch wie es der Zufall will, passt das Original-Wording von Kurt Lewin – Unfreezing, Moving,
Refreezing –  perfekt zum Vergleich einer Organisationskultur mit einem Eisberg. Dabei ist die
Veränderung im Eisberg zunächst nur im Teil über der Wasseroberfläche möglich: kommt es im Eismeer zu radikalen Veränderungen in der Umwelt, z.B. wenn die Sonne auf ebenjenes knallt, wird zunächst der sichtbare Teil des Eisbergs schmelzen. Übersetzt auf Eisberg der Kultur einer Organisation wird es zur Veränderung von sichtbaren Aspekten einer Unternehmenskultur kommen z.B. Kleidungsordnung, Logo, Motto oder Organigramm. Das Unfreezing von Levin bezieht sich aber sicherlich auf den „Gesamteisberg“, so darf es nicht nur beim Ablegen von Krawatten bleiben, sondern auch Kommunikationsart intern und extern verändert sich. Und allein als flach dargestellte Hierarchien machen diese den Führungsstil nicht demokratischer und kehren die Entscheidungsfindungsprozesse nicht um.


Ob die Idee von Kurt Lewin, dass nach einer radikalen Veränderung (Moving) eine Phase der
Stabilisierung (Refreezing) erforderlich ist, auf die Veränderung einer Unternehmenskultur
übertragbar ist? Einerseits ist nichts so ständig wie die Veränderung, andererseits wird die
Kulturveränderung für alle Beteiligten „erträglicher“ wenn sie mal ein Ende hat. Zumindest ein Ziel. Oder einen Meilenstein auf dem langen und tatsächlich nicht immer so geraden Wege der Veränderung?

 

Und ob Zusammenhang zwischen dem japanischen Spruch „Der Weg ist das Ziel“ und die japanische Methode von Change Management KAIZEN gibt? Mehr dazu im folgenden Blog-Beitrag im August. Schönen Sommer noch!

Bild: Friedrich-Wilhelm-Universität, heute Humboldt Universität – hier wirkte Kurt Lewin bis 1933. Quelle: Wikipedia

Mein Dank gilt meinem HWR-Kollegen Udo R. Schulz für die Entdeckung von Lewin’s Werk.

Kultureisberg und Tradition

Das Kultureisberg-Modell von Edward Hall, erweitert um den zweiten Eisberg von mir, beinhaltet in seinem verborgenen Teil die Komponente Tradition. Oft verbunden mit den sichtbaren Aspekten der Kultur, wie der Rituale, Symbole, Kleidung, doch bis jetzt als unumstrittener und statischer Teil der kulturellen Prägung und kulturellen Identifikation. Die These von Prof. Hermann Mückler,  der die Tradition nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart verankert sieht und über „Konstruierte Überlieferung“ spricht, machen aus der „Tradition“ eine vom Hier und Jetzt heraus reflektierte Überlieferung. Seine in Kompaktform veröffentlichte  Theorie finden Sie – mit freundlicher Genehmigung vom Autor finden Sie  hier.IMG_0161

Das Lexem „Geschichte“ habe ich persönlich bereits früher vom Eisberg weggejagt, sprechen wir doch selten bis nie über die objektive Geschichte eines Landes, einer Region, einer Nation, sondern über Narrative, postuliert, interpretiert und weitergegeben durch die aktuelle Träger dieser Kultur – oft unterschiedlich innerhalb einer Gesellschaft.

Foto: Cover des Potsdamer Universitätsmagazins. In der März-Ausgabe geht es nicht um den Kultureisberg, sondern um Forschung in Meeren und Ozeanen. Auch sehr lesenswert!

https://rotary.de/gesellschaft/eine-botschaft-fuer-das-hier-und-jetzt-a-10771.html

Zwei – Eisberge – Modell von Irina Slot

Eisberg-Theorie: Auszug aus dem Artikel von Irina Slot aus Rotary-Magazin im Jahre 2015

Kultur wird oft mit einem Eisberg verglichen. Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sIMG_2791ichtbaren Aspekte einer Kultur: wie die Menschen sprechen, wie sie sich kleiden, was und wie sie essen. In dem Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt – und weit größer als der obere Teil des Eisbergs ist – verbergen sich die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denkweisen, Handlungsmuster, der Einfluss der Religionen sowie Normen und Werte überhaupt.

Eben diesen Teil der Kultur tragen wir wie einen Rucksack mit uns mit, egal, wohin wir als Erwachsene gehen. Wir geben große Teile davon – meist unbewusst – an unsere Kinder weiter. Die Vorstellung, dass durch Integration im neuen Land die kulturelle Prägung, die man durch Eltern und Großeltern erfahren hat, einfach ausradiert würde, ist naiv und gefährlich. Im oberen Teil des „Eisbergs“ (Kleidung, Manieren, Sprechweise) ist eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft möglich, doch das „kulturelle Betriebssystem“, im frühesten Kindesalter geschrieben, läuft weiter, quasi im Hintergrund und wird immer dann in Erscheinung treten, wenn ein Mensch sich in einer Stresssituation befindet (Gefahr, Krankheit, Zeitdruck) oder eine wichtige Entscheidung treffen muss (Berufswahl, Familiengründung). So wie beim Eisberg, der plötzlich von der Sonne stark angestrahlt wird, wenn nur der obere Teil zu schmelzen anfängt, wirken sich Veränderungen der kulturellen Umgebung nur langsam (wenn überhaupt) auf die tief liegenden Bereiche der kulturellen Persönlichkeit aus. Hierbei gilt die „Faustregel“, dass etwa drei Generationen dafür notwendig sind.

Der Vergleich mit einem Eisberg erklärt auch, wie kulturelle Konflikte entstehen. Wenn zwei Eisberge kollidieren, geschieht dies im unteren Teil der Eisberge, unter dem Wasser. Der schon fast sprichwörtliche „clash of cultures“ findet im unsichtbaren Teil der Kultur statt. In diesem automatischen Mechanismus, dass wir Verhaltensweisen, die von den unseren abweichen, bewerten, liegt übrigens auch das Geheimnis der Stereotypen. Auf unserem Eisberg sitzend und eine andere Verhaltensweise beobachtend, neigen wir ganz natürlich dazu, diese durch den „Unterbau“ unseres eigenen Eisbergs zu erklären. So wirken auch positive Stereotypen: Das Lächeln auf dem Gesicht eines Menschen, der aus Vietnam stammt, wird hierzulande mit Höflichkeit und Freundlichkeit verbunden, für meine Studenten mit vietnamesischen Wurzeln es ist nur eine „Maske“, der Ausdruck des Verbotes, Gefühle zu zeigen.

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Das Zwei-Eisberge-Modell von Irina Slot wurde erstmals im Kiehl-Verlag im Jahre 2012 veröffentlicht.

Außerdem ist es im Video über das Blockseminar von Irina Slot an der Universität Potsdam plastisch dargestellt.

Das Zwei-Eisberg-Modell gemeinsam mit FOM-Studierenden interkativ erstellt und aufgenommen.

Und in diesem Blog-Beitrag zum Thema Veränderung der Kultur wird die These über Trägheit der Kulturen mithilfe von Eisberg-Modell erläutert.

 

 

Sieben Tage, sieben Jahre

IMG_0174Dieser Blog, liebe Leserin, lieber Leser, feiert diese Woche seinen siebenjährigen Geburtstag. Es ist zwar kein Jubiläum im engeren Sinne des Wortes, dennoch ein Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen und auch über die symbolische Bedeutung dieser Zahl nachzudenken.

Sieben Tage der Woche sind ein Rhythmus, in dem die meisten Kulturen leben. Der siebte Tag als Tag der Ruhe, der Zuwendung zum Göttlichen, variiert zwar von Religion zu Religion zwischen Freitag, Samstag und Sonntag, doch sieben Tage bleiben als eine Mikroeinheit der Lebenszeit. Wahrscheinlich hängt es mit der Lunation zusammen – dem vollen Zyklus des Mondes aus unserer Sicht der Erde, der vier solcher Einheiten durchläuft. Und somit an das kosmische Geschehen, jenseits der kulturellen Grenzen, angedockt ist. Andererseits spielt die Zahl sieben auch auf der psychologischen Ebene eine Rolle: Die von John Locke entdeckte und nach George Miller benannte Millersche Zahl  beschreibt die Beschränkung des Kurzzeitgedächtnisses in sieben Einheiten. Deswegen sollen die Organisationsstrukturen nicht mehr als sieben Ebenen beinhalten und die Teams nicht mehr als sieben Mitglieder haben. Letzteres kann ich tatsächlich bestätigen, und zwar aus Beobachtung der Gruppenübungen oder Lernteams von Teilnehmern (z.B. Studierenden) aus verschiedensten Ländern: übersteigt die Zahl der Gruppe die magische Sieben, zerfällt die Gruppe in ihrem Wirken in mindestens zwei Untergruppen. Also wäre das ein psychologisches Phänomen, ebenfalls jenseits der kulturellen Grenzen.

Und dazwischen liegen sieben Berge, wo die sieben Zwerge leben und eben keine sieben Drachen hinter sieben chinesischen Mauern. Symbolisiert die Sieben in Europa das Glück, klingt sie im chinesischen wie „fortgegangen“ und hat eine neutrale bis negative Bedeutung.

Und was hat sich in meinem Blog in sieben Jahren getan? Sind die 41.711 Aufrufe viel oder wenig? Und weil die Zahlen eben so „relativ“ sind, schauen wir lieber auf die Themen des Blogs. Von russischen Business-Frauen im Mai 2010 bis zu vielfältigen (u.a. nach Herkunft und Gender) Teams als Innovations-Ressource. Also vom Gender- und Länderspezifischen zum Universellen. Zufall? Wahrscheinlich, korrespondiert aber zu schön mit den vorhergegangenen Überlegungen zur Zahl sieben.
Dann auf die nächsten – mindestens – sieben Jahre. Mit Ihnen und Dir, mein Leser und meine Leserin!

Innovation & Diversity


Dear English speaking reader, you can find my blog in English here:

In einer Unternehmensumfrage zum Stand der Diversity stellte 2016 „Charta der Vielfalt“ die Frage nach dem Nutzen der Diversity. Abgesehen davon, dass diese selbsternannten Kämpfer für die Vielfalt in Unternehmen, selbst als Verein oft ausschließlich Männer unter den Experten auf dem Podium haben, die keinen zumindest sichtbaren Migrationshintergrund haben (Beispiel hier), scheint die Broschüre mit den Ergebnissen der Studie eine Plattform für die Werbung der zahlenden Unternehmen des Vereins zu sein. Dementsprechend fallen die Ergebnisse positiv für die Unterzeichner der Charta  im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt aus.

Doch zurück zu dem Nutzen der Diversity. Neben der Kategorie „Personalressourcen besser nutzen“ oder „Den Zugang zu Teilmärkten erleichtern“ gibt es diejenige namens „Innovation und Kreativität durch Vielfalt fördern“. Der kritische und aufmerksame Leser fragt sich „Wieso? Ist euch ein homogenes Team nicht gut genug? Gefährdet man nicht die Harmonie im Team durch Konflikte und Missverständnisse, die sich aus der Vielfalt ergeben?“

Ja, die Harmonie ist dann wahrscheinlich tatsächlich hin. Und das ist auch gut so! (Wie schon unser damaliger homosexueller Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in diesem Zusammenhang sagte. Die Professorin der Uni Stuttgart Meike Tilebein spricht vom Spannungsfeld der Diversität als Konfliktherd. Und ein Herd ist eigentlich etwas Gutes, nicht wahr? Das ist die Energie, die zum Kochen der Speisen genutzt wird und nur beim falschen Gebrauch Feuer auslöst. Das heißt, die – wohl unvermeidliche – Spannung im heterogenen Team kann als Ressource für innovative Zusammenarbeit dienen, wenn die „Betriebsanweisung“ sprich Spielregeln der Teamarbeit festgelegt werden. Und das möglichst VOR dem Gebrauch, auf ein Projektteam übersetzt – in einem Kick-Off Meeting zur Beginn des Projektes.

Der Professor der Columbia University David Stark geht in seinen Untersuchungen ein Stück weiter und stellt fest, dass die Vielfalt in Teams nicht nur innovative Kraft bedeutet, sondern auch als Instrument für Fehlervermeidung fungiert. Hier ist der Link zum Buch und hier ist der Link zu meinen Thesen, die sich aus dem Buch ergeben.

Die Vielfalt im Team kann nicht nur durch kulturelle Vielfalt, Gender oder verschiedene Generationen entstehen, sondern auch durch kognitive Vielfalt (z.B. unterschiedliche Berufskulturen) oder funktionale Vielfalt (z.B. unterschiedliche Aufgabenfelder, „Subkulturen“ im Unternehmen, verschiedene Organisationskulturen) „erzeugt“ werden. Auch diese Vielfalt kann als Störungsfaktor aber auch als Innovations- Ressource genutzt werden, z.B. beim Anwenden von Design Thinking. Das könnten wir bereits in vielen Workshops mit dieser Methode feststellen. Und neben den spannenden Lösungen für unterschiedlichste Fragestellungen oder Produkt- und Service-Innovationen den Teilnehmenden das Erkenntnis vermitteln: „Vielfalt ist nervig. Und das ist auch gut so!“ Denn beim richtigen „Gebrauch“, sprich Management, bringt sie Innovation, Effizienz und – wie man auf dem Bild sieht – Freude!