Sommerzeit ist nicht gleich summer time! Notizen zur Semantik und zur Kultur

DALI-Ausstellung in Florenz_2000

Am Tag danach, nach der Zeitumstellung zur Sommerzeit, werden die Uhren umgestellt, die sich nicht automatisch umgestellt haben. Bei dieser fast meditativen Tätigkeit kommen die Gedanken über die Hilflosigkeit einzelner Person gegenüber der Verwaltung, die einmal etwas beschlossen hat und davon nicht abrückt, egal wie viele Studien es bestätigt haben: Die Umstellung auf Winter- und dann zur Sommerzeit bringt keine Energieeinsparung und bedeuten nur Komfortverlust bei der Umstellung der „Bio-Uhr“.

Doch wir wollen hier nicht meckern, sondern unseren Horizont erweitern. Diese Assoziationen mit dem Wort „Sommerzeit“, nicht die direkte Bedeutung, sondern das Bedeutungskonzept, macht es unmöglich, das Wort Sommerzeit direkt in die summer time zu übersetzten, steht doch die letztere für die berühmte Melodie von George Gershwin von seiner Oper „Porgy and Bess“. Und genau das lehrt uns die Semantik und genau das macht die Übersetzungsarbeit so kompliziert und so spannend.

Und wenn wir beim Wort ZEIT verweilen möchten, das bei der Sommerzeit doch etwas anderes bedeutet als bei summer time, so kommen wir unausweichlich zur Phrase „Die Zeit ist relativ“, die absolut mit dem Namen Albert Einstein verbunden ist.

Diese relative Zeit, die sich „dehnen“ oder komprimieren kann, findet sich auch in Kulturwissenschaften. Die Kulturdimension von Edward Hall monochrone vs. polychrone Kulturen beschreibt den Unterschied zwischen der „absoluten“, monochronen Zeitrechnung, wo die Zeit die Prioritäten diktiert („Eins nach dem anderen!“) oder eher relative Zeitrechnung, wo mehrere Zeitachsen (polychron) existieren. Konkret bedeutet dieser Kulturunterschied die Einstellung zur Pünktlichkeit. Es ist nicht so, dass die Menschen, die in monochronen Kulturen sozialisiert sind, immer pünktlich sind, sondern wie groß das Drama von selbst unpünktlich sein oder auf jemanden zu warten, ist. Und überhaupt: „Wie spät ist spät?“ Ab wann wird eine SMS geschrieben, dass jemand sich verspätet, ab wann wird die Verspätung als Respektlosigkeit interpretiert, ab wann wird es dann ZU SPÄT?

Oh, es ist spät geworden! Lesen Sie mehr über die kulturellen Aspekten der Zeit und ihrer Auswirkung in dem medizinischen Alltag – natürlich wenn Sie Zeit haben! – hier: Zeit im medizinischen Alltag

Have a good time! Schöne Zeit noch! Irina Slot

Lost in Globalization, Found in Diversity – Das Buch ist da!

cover-bildWas haben die Megatrends Globalisierung und Digitalisierung gemeinsam? Richtig: es geht um die Menschen, die diese Veränderungen treiben aber auch mittragen (müssen/dürfen). Unter der Annahme, dass diese Entwicklungen nicht zu stoppen seien, werden in der Broschüre die Wege skizziert, wie diese Veränderungen  für die Organisationen und Firmen und für jeden „Akteur“ gemeistert werden können, ganz nach dem Motto „Mach aus der Zitrone Limonade“ (D. Carnegie).

Die gedruckte und gebundene Version kann hier bestellt werden (Kosten 10 Euro)

Die elektronische Version kann unter der Adresse: info[at]interkulturell.eu bestellt werden (Kosten 5 Euro).

 

Viel Freude beim Lesen!  Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Feedback als Antwort auf diesen Post.

Bye-bye Little Great Britain…

Little Britain Episode One by BBC
„Little Britain“, BBC

 

Everybody in Europe is talking about Brexit, including us, but I hope to add something new to the discussion outside of the common responses such as “how awful!“, “what a pity!“, or just “foolish Brits!”

Some months (a few televised debates and one politically-motivated murder) ago, two participants in my “cultural-conflicts” workshop decided to research the issue of Brexit. One participant came from Great Britain, and the other came from Greece. Using the Cultural Onion Model of G. Hofstede Jr. and the System of Cultural Dimensions by G. Hofstede Sr. and E. Hall, the pair cross-analyzed cultural dimensions between Great Britain and other EU countries and reached two conclusions.

The first conclusion is quite trivial and predictable: there is no “united European culture” comparable to other distinct cultures of countries. The second conclusion came as a shock to them and others in the group—including myself as a lecturer. From an emotional, cultural (and not from rational) perspective, Great Britain must leave the EU. The cultural dimensions of Great Britain differ greatly from all other 27 countries and cultures within the EU in nearly every cultural dimension as of the latest measurement in 2010 (www.geerthofstede.eu).

This discovery made waiting for the results of the vote on June 23rd more sufferable: either the Brits vote to stay in the EU, or not. The first potential outcome of the final vote would make me happy as a European;  the second potential outcome would make me glad as an expert in intercultural interaction. And it did.

So, what now? Here, Hofstede’s System of Cultural Dimensions, which had proven successful in resolving many cultural conflicts, is even useful as an instrument of prediction? And with an eye on the current dialogue in Edinburg and London, a significant paradox is possible: the desire to make Great Britain “great again” could ultimately diminish it. And that could make the BBC comedy series, Little Britain, even funnier and also profound: http://www.bbc.co.uk/programmes/b006q2zd.

I recommend the show to everybody at any given time, but especially for the next two years of the painful divorcing process.

So long, very dear, (and somewhat little) Great Britain!

P.S. For German speaking audiences – there is a pretty good translation: http://www.einsfestival.de/programmplan.jsp?StartDatum=2016-06-23

Photo: http://www.bbc.co.uk/programmes/b0074d8v

 

Ingenieure, Soziologen und berufskulturelle Überlegungen

enginners of jihad source amazon„Die Ingenieure des Jihad“ (Engeneers of Jihad) heißt das Buch des britischen Soziologen Diego Gambetta und des Politologen Steffen Hertog. Schon der Titel verschlägt einem den Atem, und die quantitativen Erkenntnisse darin – umso mehr. Wenn auch nicht alle Terroristen einen Hochschulabschluss haben (z.B. die Täter der Attentate auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris haben nicht mal einen Schulabschluss), überwiegt unter den Hochschulabsolventen die Anzahl der Ingenieure: „Von 207 muslimischen Radikalen aus den muslimischen Ländern, deren Beruf bekannt ist, haben 93 (oder 44.9%) Ingenieurwesen studiert, im Vergleich zu 11,6% des Anteils der Hochschulabsolventen in der Gesamtbevölkerung. Von 71 muslimischen Radikalen, die aus dem Westen kommen und deren Hochschulbildung bekannt ist, haben 32 (45%) einen Ingenieur-Titel im Vergleich zu 16,2% des Anteils der Ingenieure unter den in Westen vergebenen Hochschulabschlüssen“ (unsere Übersetzung).

Die Autoren des Buches geben auch eine weitere interessante Statistik kund, die nachweist, dass zumindest für die arabische Welt die Aussage „Arbeitslosigkeit führt zum Radikalismus und Terrorismus“ widerlegt: von 497 Militanten in der muslimischen Welt haben 46,5% einen Hochschulabschluss – im Vergleich zur entsprechenden Quote für die Gesamtbevölkerung von 25,2%. Speziell für Ingenieure bedeutet das für die Autoren, dass nicht die soziale Situation als solche, sondern die Diskrepanz zwischen der eigenen hohen Erwartung und der ernüchternden Realität ihrer sozialen Situation zur Radikalisierung in diesem Feld führt.

Doch im Blog für kulturelle Fragen beschäftigt uns sicherlich in erster Linie die Frage nach der Berufskultur. Hat Hillary Clinton die Ingenieure am Beispiel von Mursi des linearen Denkens bezichtigt (http://www.interkulturell.eu/2014/unsere-antwort-an-hilary-clinton/), vermuten die Autoren des o.g. Buches, dass Denken in Formeln und nicht das ständige Hinterfragen des Vorgegebenen (wie in ihren Studienfächern) die Menschen leichter radikalisieren lässt. Klingt plausibel, zumindest für die Soziologen, doch für Ingenieure – eher beleidigend. In diesem „Kulturkonflikt“ gibt es ja kaum Zwischengänger, die beide Denkweisen miteinander vergleichen könnten, wie es sie hingegen zwischen den Ingenieuren und BWLern oder zwischen den Soziologen und Politologen gibt.

An eine Ausnahme muss ich dabei unwillkürlich denken: der Guru des Interkulturellen Managements Geert Hofstede wird für seine „mechanische und oberflächliche“ Ländervergleiche von „Kollegen“ heftig kritisiert. Und er muss das Geheimnis seiner professionellen Herkunft hüten. Denn bevor er seine Doktorarbeit in der Soziologie schrieb, wurde er als Schiffbau-Ingenieur ausgebildet. Damit wird es klarer, warum er es sich zum Ziel gesetzt hat die Kulturdimensionen so zu formulieren, dass der quantitative objektive Vergleich möglich wurde (www.geerthofestede.nl) – im Vergleich zu den qualitativen Kulturdimensionen seines Vorgängers, dem US-amerikanischen Soziologen und Anthropologen Edward T. Hall (www.edwardthall.com). Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum seine Kulturdimensionen – bei aller berechtigten wissenschaftlichen Kritik – so gut in der Praxis funktionieren, von den Praktikern (nicht nur Ingenieuren, sondern auch Medizinern, Managern und Juristen) angenommen und verwendet werden, und tatsächlich zur besseren Zusammenarbeit zwischen den Menschen verschiedenster Herkunft führt.

Doch auch für den hier vermuteten Kulturkonflikt zwischen dem Objekt des Buches und den Subjekten der Autoren hilft: die „Kulturelle Brille“ wenn nicht ablegen, dann aber wahrzunehmen, einander kennenzulernen, sich von verschiedenen Perspektiven nicht abschrecken zu lassen, sondern von ihnen zu profitieren.

Foto: Princeton University Press