Methodisch-didaktische Handreichung_Auszug

Kultur

Das Wort „Kultur“ stammt vom lateinischen „cultura“ (Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) und bezeichnet hiermit im weitesten Sinne alles, was von Menschen geschaffen ist und nicht von der Natur aus kommt. In der Soziologie steht Kultur für „die Weise, in welcher Menschen sich verständigen, ihre Kenntnisse über die Einstellungen zum Leben weitergeben und entwickeln. Kultur ist das Muster der Sinngebung, in dessen Rahmen Menschen ihre Erfahrungen deuten und ihr Handeln lenken“ (Clifford Geertz). Als anschauliche und pragmatische Definition der Kultur kann der Vergleich der Kultur mit einer Software des Geistes dienen, die die Menschen aus einer Gruppe, z.B. einer Nation, miteinander eint und von den Menschen einer anderer Gruppe unterscheidet (vgl. Geert Hofstede 2011).

Mit der Begründung der Komplexität der Fragestellung wird erläutert, dass im Weiteren bewusst eine Vereinfachung mithilfe unterschiedlicher Modelle vorgenommen wird. 


Zwei-Eisberg-Modell

Als erstes wird das Eisberg-Modell der Kultur nach Edward Hall (1914 – 2009) vorgestellt. Der amerikanische Anthropologe nutzte die Metapher des Eisbergs, die bereits Siegmund Freud (1856 – 1939) für einen Menschen postulierte und erweiterte sie auf eine Landeskultur. Die Wasseroberfläche trennt den kleineren sichtbaren Teil des Eisbergs einer Kultur von dem größeren (unsichtbaren) Teil. Die einzelnen Kategorien können gemeinsam mit den Teilnehmern (m/w/d) ausgearbeitet werden – dafür eignet sich besonders das Flipchart (als Beispiel dazu sehen Sie auch das gleichnamige frei verfügbare Lernvideo von Irina Slot im Vorfeld der Lehrveranstaltung).

Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sichtbaren Aspekte einer Kultur: Wie die Menschen sich begrüßen, wie sie sich kleiden, wie sie gestikulieren, was und wie sie essen. Der Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt und in seinem Volumen den oberen Teil um ein Vielfaches überwiegt, steht hier für die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denk- und Verhaltensnormen, Werte, Normen und Tabus.

Die Religion und der Glaube gehören in den unteren Teil des Eisbergs, es sei denn, die Person artikuliert ihre religiöse Prägung im Gespräch oder zeigt diese mit eindeutigen Signalen. Allerdings können diese anscheinend „eindeutigen“ Signale Außenstehende irreführen. Es gibt reichlich Beispiele dafür: ähnliche Gebetsketten können von einem muslimischen Türken aber auch christlich-orthodoxen Griechen genutzt werden, ein Kreuz-Anhänger kann Zeichen für christliche Religiosität der Person, die es trägt, stehen, kann aber auch nur Modeschmuck sein. Auch das Kopftuch (das auf der Oberfläche nur ein Stück Stoff ist) kann für besondere Religiosität seiner Trägerin stehen, aber auch für Familientradition oder als Zeichen der Rebellion gegen die Mehrheitsgesellschaft.

Die Unterscheidung zwischen den sichtbaren Aspekten einer Kultur und ihrer tieferen Bedeutung bzw. der Interpretation und Wertung des Sichtbaren durch einen Außenstehenden (vom zweiten Eisberg aus) ist wichtig, um zu verstehen, dass die sogenannten Kulturkonflikte im unteren Teil des Eisbergs stattfinden. Nicht der nicht- erwiderte Handschlag an sich ist das Problem. Im oberen, rationalen Teil des Eisbergs ist es nur Körperkontakt samt Übertragung von Bakterien. Doch seine tiefere Bedeutung (z.B. Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Respekt in der deutschen Kultur) wird bei Nicht- Erwiderung zu einer Störung führen. So wie zwei Eisberge in der Regel unter dem Wasser kollidieren, so auch finden die Kulturkonflikte „unter dem Wasser“ statt.

Somit werden auch die Lösungen für Kulturkonflikte in den Denkweisen und Normen verankert. Doch bereits an dieser Stelle sei angedeutet, dass der Bereich des kulturellen Clashs auch die Zone für das Neue, das Innovative darstellt. Die durch unterschiedliche Denkweisen entstehende Spannung – solange sie nicht zum Konflikt führt und bewusst „organisiert“ wird – kann zu produktivem Perspektivenwechsel führen und etwas Neues schaffen.

Analog zum Zwei-Eisberg-Modell der zwei Kulturen kann auch das POF-Modell visualisiert werden. POF – für Person-Organisation-Fit stehend – stammt aus dem Personalwesen und zeigt, inwiefern ein Mensch zu einer Organisation passt. (vgl. A Kristof-Brown 2002). Ursprünglich bedeutete die POF-Formel, dass die Menschen in eine Organisation aufgenommen werden sollten, die den größten gemeinsamen Nenner mit dieser Organisation haben. So würden sich weniger Störungen ergeben und so stiege die Zufriedenheit der Mitglieder der Organisation mit ihrer Tätigkeit darin. Doch neuere Erkenntnisse aus der Soziologie und insbesondere die Studien von David Stark, die wissenschaftspopulär im Buch „The Sense of Dissonance“ präsentiert sind (vgl. D. Stark 2011) zeigen, dass eine absolute Übereinstimmung von Biographien, Denkweisen und Normen nicht nur schlecht für die Innovationskraft einer solchen Organisation, sondern sogar gefährlich sei: Die Fehler werden nicht rechtzeitig erkannt, geschweige denn aus falsch verstandener Loyalität heraus artikuliert. Somit wurde das POF-Modell erweitert: Man versteht zwar unter dem „Fit“ ein gewisses Maß an Übereinstimmung in Werten und Normen von einer Person und einer Organisation (s.g. supplementary fit); gleichzeitig sollte die Denkweise der Person, welche z.B. durch eine andere kulturelle Prägung, Gender, einen anderen sozialen Status, Alter etc. entstanden, das Mind-Set der Organisation oder die Organisationskultur ergänzen (s.g. complementary fit) (vgl. Slot 2016).

Wie entstehen unterschiedliche Denkweisen in verschiedenen Kulturen? Menschen werden durch die Kultur eines Landes oder ihrer Familie meist unbewusst beeinflusst. Insbesondere Kleinkinder saugen die Kultur ihrer Eltern quasi mit der Muttermilch auf, da ihre Eltern – ebenfalls meist unbewusst – ihnen ihre kulturelle Prägung weitergeben. Dadurch erscheint uns vieles als ganz natürlich und selbstverständlich, was in Wirklichkeit das Resultat jahrhundertelanger Geschichte, Tradition und sozialer Entwicklung ist. Menschen in anderen Kulturen durchlaufen denselben Prozess, aber mit anderen Inhalten.

Besonders früh wird die Förderung von Individualität oder aber vom Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Auch durch das Verhältnis von Mutter und Vater zum Kind wird sehr früh die Prägung formuliert, die später zur unterschiedlichen Wahrnehmung von Machtdistanz führt. Durch Ge- und Verbote, Erklärungen, zusammengefasst durch Vorbilder, werden richtige Verhaltensweisen vermittelt, soziale Grenzen gesetzt. Als soziales Wesen ahmen Kleinkinder die Erwachsenen nach, wenden die gelernten Regeln schon als Kinder auch untereinander an.

Allerdings wäre es falsch, einen Menschen auf seine Kultur zu reduzieren. Auch wenn der Fokus im weiteren Verlauf des Workshops auf kulturelle Prägungen gelegt wird, bedeutet es, dass jede Person aus dieser kulturellen Gruppe einerseits ein Individuum ist, andererseits viele Eigenschaften des Menschen als solchen hat. Dies wird schematisch mit der Kulturpyramide (s. Kopiervorlage in der Anlage) dargestellt. Das „Wir“ befindet sich zwischen einem „Ich“ und einem „Wir alle, wir alle Menschen“. In jeder konkreten Situation stellt sich die Frage, was durch Persönlichkeit und Charakter verursacht ist und was in der kulturellen Prägung zu suchen sei, und das immer in der jeweiligen Lebensphase, z.B. in der Pubertät, als junge Erwachsene etc.