Zwei – Eisberge – Modell von Irina Slot

Eisberg-Theorie: Auszug aus dem Artikel von Irina Slot aus Rotary-Magazin im Jahre 2015

Kultur wird oft mit einem Eisberg verglichen. Der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche zu sehen ist, symbolisiert die sIMG_2791ichtbaren Aspekte einer Kultur: wie die Menschen sprechen, wie sie sich kleiden, was und wie sie essen. In dem Teil des Eisbergs, der unter Wasser liegt – und weit größer als der obere Teil des Eisbergs ist – verbergen sich die unsichtbaren Aspekte einer Kultur: Denkweisen, Handlungsmuster, der Einfluss der Religionen sowie Normen und Werte überhaupt.

Eben diesen Teil der Kultur tragen wir wie einen Rucksack mit uns mit, egal, wohin wir als Erwachsene gehen. Wir geben große Teile davon – meist unbewusst – an unsere Kinder weiter. Die Vorstellung, dass durch Integration im neuen Land die kulturelle Prägung, die man durch Eltern und Großeltern erfahren hat, einfach ausradiert würde, ist naiv und gefährlich. Im oberen Teil des „Eisbergs“ (Kleidung, Manieren, Sprechweise) ist eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft möglich, doch das „kulturelle Betriebssystem“, im frühesten Kindesalter geschrieben, läuft weiter, quasi im Hintergrund und wird immer dann in Erscheinung treten, wenn ein Mensch sich in einer Stresssituation befindet (Gefahr, Krankheit, Zeitdruck) oder eine wichtige Entscheidung treffen muss (Berufswahl, Familiengründung). So wie beim Eisberg, der plötzlich von der Sonne stark angestrahlt wird, wenn nur der obere Teil zu schmelzen anfängt, wirken sich Veränderungen der kulturellen Umgebung nur langsam (wenn überhaupt) auf die tief liegenden Bereiche der kulturellen Persönlichkeit aus. Hierbei gilt die „Faustregel“, dass etwa drei Generationen dafür notwendig sind.

Der Vergleich mit einem Eisberg erklärt auch, wie kulturelle Konflikte entstehen. Wenn zwei Eisberge kollidieren, geschieht dies im unteren Teil der Eisberge, unter dem Wasser. Der schon fast sprichwörtliche „clash of cultures“ findet im unsichtbaren Teil der Kultur statt. In diesem automatischen Mechanismus, dass wir Verhaltensweisen, die von den unseren abweichen, bewerten, liegt übrigens auch das Geheimnis der Stereotypen. Auf unserem Eisberg sitzend und eine andere Verhaltensweise beobachtend, neigen wir ganz natürlich dazu, diese durch den „Unterbau“ unseres eigenen Eisbergs zu erklären. So wirken auch positive Stereotypen: Das Lächeln auf dem Gesicht eines Menschen, der aus Vietnam stammt, wird hierzulande mit Höflichkeit und Freundlichkeit verbunden, für meine Studenten mit vietnamesischen Wurzeln es ist nur eine „Maske“, der Ausdruck des Verbotes, Gefühle zu zeigen.

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Das Zwei-Eisberge-Modell von Irina Slot wurde erstmals im Kiehl-Verlag im Jahre 2012 veröffentlicht.

Außerdem ist es im Video über das Blockseminar von Irina Slot an der Universität Potsdam plastisch dargestellt.

Und in diesem Blog-Beitrag zum Thema Veränderung der Kultur wird die These über Trägheit der Kulturen mithilfe von Eisberg-Modell erläutert.

 

 

Was haben Medizin und Musik mit interkultureller Kompetenz zu tun?

Der Interkulturalität in Medizin und Musik widmete sich Berlinkij Salon am 8. März 2017

Meine Gäste und ich hatten dem Mediziner Zaher Halwani viel musikalischen Genuss (arabische Musik, Debussy und Bach) zu verdanken. Interessante Einblicke in die fast medizinische Geschichte des Entstehens der letzten Werke von Debussy und ungeahnte Wege von orientalischen Melodien über Spanien und Italien zu DEM europäischen Komponisten Joachan Sebastian Bach haben seine Kollegen (unter den Gästen hatten wir sowohl Ärzte als auch Musiker) überzeugt und fasziniert. Diese fachübergreifende Betrachtung bestätigte sehr anschaulich die These von der innovativen Kraft der kognitiven Vielfalt. Aber auch ich mit meinem Fach Interkulturelle Kompetenz kam „auf meine Kosten“: denn die Ausführungen von Zaher zur arabischen Tonleiter, die nicht nur halb- (wie in der europäischen „Harmonie“), sondern auch Vierteltöne beinhält, korrespondiert wunderbar mit der Theorie von Edward Hall über die „Zwischentöne“ in der Kommunikation von einigen Kulturen, z.B. arabischen oder russischen (mehr dazu lesen Sie hier).

Und als zum Tee die russische Süßspeise türkischer Herkunft Halwa serviert wurde, kam es zu noch einer Überraschung: Der Name meines Gastes Halwani beinhält genau dieses „Halwa“ als das arabische Wort für das „Süße“ und bedeutet direkt übersetzt „Süßmacher“!

Über ein Lernformat von Dr. Zaher Halwani und Irina Slot, der von Ärztekammer als Weiterbildung von der Ärztekammer Berlin anerkannt ist, lesen Sie hier .

Über unsere gemeinsame Veranstaltung für Rotarische Ärzte lesen Sie hier.