Renaissance von Bauhaus

Bauhaus in Dessau /ikww

Eigentlich ist eine Renaissance vom Bauhaus ist nicht nötig, denn es war nie tot. Auch wenn seine Protagonisten, z.B. der Gründer Walter Gropius, aus dem Nazi-Deutschland fliehen oder wie Franz Ehrlich ihrem KZ mit der Bauhaus-Schrift „Jedem das seine“ entwerfen mussten, blühte das Bauhaus in der Westküste der USA (wie das Haus von Thomas Mann, entworfen von Julius Ralph Davidson) oder in der neuerbauten weißen Stadt von Tel-Aviv (s. Foto)

Bauhaus in Tel Aviv https://commons.wikimedia.org

Doch das Bauhaus ist ja nicht nur Stil in der Architektur und Design, sondern – und bei seiner Entstehung im Wesentlichen – die Art des Lernens. Und zwar in der Verquickung von Theorie und Praxis und in der radikalen Interdisziplinarität. Die zukünftigen Architekten mussten nicht nur fein entwerfen, sondern auch selbst bauen können. Und außerdem, bevor sie sich in die Architektur und Baukunst vertiefen „durften“, mussten sie bis zu zwei Jahre mit allen anderen Studierenden vom Bauhaus für sie fremde Fächer wie Musik oder Astronomie lernen. Die graphische Darstellung eines Curriculums zeigt außerdem, dass die erste, interdisziplinäre, Zeit als Peripherie, ja als Zugang zum Kern – dem Fachspezifischen bildet.

All das mussten zukünftige Architekten lernen, Museum Bauhaus Dessau

Und klar, so ausgebildete Spezialisten konnten nicht nur ihre Inspiration von anderen Fächern bekommen, sondern auch mit anderen Spezialisten besser arbeiten. Und vielleicht ist genau das die Erfolgsformel des Bauhauses. Und vielleicht ist es genau das, was wir vom Bauhaus lernen müssen, können, sollen. Das tuen wir auch, z.B. unter dem coolen Etikett von Design Thinking. Da ist das Anderssein (z.B. in der sozialen und kulturellen oder eben professionellen Prägung) weder ein Problem, noch ein nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. Und die dazugehörigen Konflikte nicht ein Killer-Kriterium, sondern eine willkommene Herausforderung, ein Lernprozess, der zur Innovation führt, von David Stark scharfsinnig „The sense of dissonance“ gennant.

 

Workshop im Bauhaus Archiv im Rahmen des Innovationsmanagement-Kurses von Uni Potsdam mit Irina Slot

Aber das auch können wir von Bauhaus lernen: die interkulturellen und interdisziplinären Spannungen wollen gemanagt werden, damit sie nicht zum Konflikt oder Krieg ausufern, sondern in ihrem produktiven Modus bleiben. Und diese Spielregeln der Kommunikation und Kooperation waren in Bauhaus ganz klar und ziemlich fest. Und um das zu erfahren und um daraus zu lernen, empfiehlt sich eine „Pilgerfahrt“ nach Dessau, zum zweiten Standort vom Bauhaus als Schule und nun einem spannenden Museum. Um auch die unglaubliche Vitalität und Lebendigkeit von Bauhaus als Stil und vielleicht sogar Lebensstil zu erleben.

 

Innovation & Diversity

IMG_0091Dear English speaking reader, you can find my blog in English here:

In einer Unternehmensumfrage zum Stand der Diversity stellte 2016 „Charta der Vielfalt“ die Frage nach dem Nutzen der Diversity. Abgesehen davon, dass diese selbsternannten Kämpfer für die Vielfalt in Unternehmen, selbst als Verein oft ausschließlich Männer unter den Experten auf dem Podium haben, die keinen zumindest sichtbaren Migrationshintergrund haben (Beispiel hier), scheint die Broschüre mit den Ergebnissen der Studie eine Plattform für die Werbung der zahlenden Unternehmen des Vereins zu sein. Dementsprechend fallen die Ergebnisse positiv für die Unterzeichner der Charta  im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt aus.

Doch zurück zu dem Nutzen der Diversity. Neben der Kategorie „Personalressourcen besser nutzen“ oder „Den Zugang zu Teilmärkten erleichtern“ gibt es diejenige namens „Innovation und Kreativität durch Vielfalt fördern“. Der kritische und aufmerksame Leser fragt sich „Wieso? Ist euch ein homogenes Team nicht gut genug? Gefährdet man nicht die Harmonie im Team durch Konflikte und Missverständnisse, die sich aus der Vielfalt ergeben?“

Ja, die Harmonie ist dann wahrscheinlich tatsächlich hin. Und das ist auch gut so! (Wie schon unser damaliger homosexueller Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit in diesem Zusammenhang sagte. Die Professorin der Uni Stuttgart Meike Tilebein spricht vom Spannungsfeld der Diversität als Konfliktherd. Und ein Herd ist eigentlich etwas Gutes, nicht wahr? Das ist die Energie, die zum Kochen der Speisen genutzt wird und nur beim falschen Gebrauch Feuer auslöst. Das heißt, die – wohl unvermeidliche – Spannung im heterogenen Team kann als Ressource für innovative Zusammenarbeit dienen, wenn die „Betriebsanweisung“ sprich Spielregeln der Teamarbeit festgelegt werden. Und das möglichst VOR dem Gebrauch, auf ein Projektteam übersetzt – in einem Kick-Off Meeting zur Beginn des Projektes.

Der Professor der Columbia University David Stark geht in seinen Untersuchungen ein Stück weiter und stellt fest, dass die Vielfalt in Teams nicht nur innovative Kraft bedeutet, sondern auch als Instrument für Fehlervermeidung fungiert. Hier ist der Link zum Buch und hier ist der Link zu meinen Thesen, die sich aus dem Buch ergeben.

Die Vielfalt im Team kann nicht nur durch kulturelle Vielfalt, Gender oder verschiedene Generationen entstehen, sondern auch durch kognitive Vielfalt (z.B. unterschiedliche Berufskulturen) oder funktionale Vielfalt (z.B. unterschiedliche Aufgabenfelder, „Subkulturen“ im Unternehmen, verschiedene Organisationskulturen) „erzeugt“ werden. Auch diese Vielfalt kann als Störungsfaktor aber auch als Innovations- Ressource genutzt werden, z.B. beim Anwenden von Design Thinking. Das könnten wir bereits in vielen Workshops mit dieser Methode feststellen. Und neben den spannenden Lösungen für unterschiedlichste Fragestellungen oder Produkt- und Service-Innovationen den Teilnehmenden das Erkenntnis vermitteln: „Vielfalt ist nervig. Und das ist auch gut so!“ Denn beim richtigen „Gebrauch“, sprich Management, bringt sie Innovation, Effizienz und – wie man auf dem Bild sieht – Freude!

Foto: ebc-Kurs Innovation Management & Design Thinking

Die unternehmerische Vielfalt – Preisverleihung von BAREX in Berlin

WP_20160920_10_21_21_ProDie Laudatio auf Claudia Cornelsen von Irina Slot:

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, schrieb der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein.

Davon können einige in diesem Saal und auch ich persönlich ein Lied singen. In einer Fremdsprache zu arbeiten und zu leben bedeutet Grenzen in dem Ausdruck eigener Gedanken, aber auch Defizite in der Wahrnehmung von außen. „Kanaken-Sprache“ ist so abwertend als Begriff, dass es sich für einen Menschen, der Hochdeutsch spricht, gar nicht lohnt, herein zu hören und versuchen, den Inhalt nachzuvollziehen. Dabei ist das kein Verdienst des Hochdeutsch-Sprechenden die deutsche Sprache so wunderbar zu können, in den meisten Fällen ist es einfach „Glück“ oder Zufall, im passenden Stück Erde eine passende Muttersprache zu erlernen.
Apropos Hochdeutsch. Meine Kollegen aus der Uni Potsdam, die sich mit Sprachvariationen beschäftigen, sagen, dass man Deutsch als Fremdsprache am besten in der Gegend in und um Hannover lernt, dann schleppt man „nur“ den eigenen Akzent mit und nicht eine Mischung aus eigenen und der regionalen Sprachvariation wie zum Beispiel der hessische, bayrische oder gar sächsische Dialekt, nö?
Und wie es der Zufall will, wurde unsere nächste Preisträgerin in Hannover geboren. Und wie es der Zufall will, produziert und verkauft ihr Unternehmen – nach eigenen Angaben – Wörter. Ist das alles? Oh ja, das ist ganz und gar viel, denn nach dem berühmten Spruch aus dem Talmud werden aus Wörtern – Taten, aus Taten – Gewohnheiten und aus Gewohnheiten – Schicksal.

Und wie definiert unsere Wort-Expertin das Leitwort dieser Veranstaltung „Vielfalt“? Vielfalt bedeutet für Claudia Cornelsen die Offenheit gegenüber allen Themen, die an sie herangetragen werden. Sie kommen aus der Kundschaft, die durch ihre vielfältige Herkunft gekennzeichnet ist. Sie kommen von den Mitarbeitern, denn im Team von Claudia Cornelsen gibt es junge und alte Menschen, die aus christlichen, muslimischen und jüdischen Kulturkreisen kommen oder – um Gottes Willen! – Atheisten sind.
Und wenn auf dem ursprünglichen Parnass die neuen Musen und Apollon als Boss residierten, so lenkt auf diesem Parnass eine Frau die Geschicke der einzelnen „Musen“ beider Geschlechter.

Apropos Frau. Der zur Beginn meiner kurzen Rede zitierte Ludwig Wittgenstein nannte eines seiner Bücher „Wie uns die Sprache verhext“. Schön, dass auch gute Feen helfen, die uns helfen, dagegen zu halten.  Weiterhin viel Erfolg, liebe Frau Cornelsen!

Foto: Wittgenstein als Motivation für junge Linguisten der Universität Dublin (Foto: Irina Slot)